POLITIK
06/05/2017 13:15 CEST | Aktualisiert 07/05/2017 00:27 CEST

HuffPost on Tour durch Schleswig-Holstein: Das bewegt die Menschen kurz vor der Wahl wirklich

  • Die HuffPost ist kurz vor der Wahl in Schleswig-Holstein mit dem Regionalexpress durch das Bundesland gefahren

  • Die Reporter haben Menschen nach ihren größten Nöten und Sorgen gefragt - und wollten wissen, was sie wirklich bewegt

Es ist Wahlkampf in Schleswig-Holstein. Viele schauen auf das knappe Rennen zwischen Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) und seinem CDU-Herausforderer Daniel Günther. Andere spekulieren über die Zukunft des Grünen-Polit-Stars Robert Habeck. Wieder andere ziehen bereits Lehren für die Bundestagswahl im September.

Doch aus dem Blick gerät, was die Menschen im Bundesland persönlich bewegt. Was ihre größten Sorgen sind.

HuffPost-Reporter sind deswegen mit dem Regionalexpress durchs platte Land von Kiel über Hamburg nach Lübeck gefahren und haben mit den Menschen gesprochen.

Es sind nicht die im Wahlkampf viel diskutierten, abstrakten Themen, die sie bewegen, die horrende Finanznotlage und fortschreitende Deindustrialisierung etwa. Sondern sehr Persönliches. Von “gepflegter Langeweile”, die diesem Wahlkampf immer nachgesagt wurde, ist selbst im wohlhabenden Speckgürtel rund um Hamburg keine Spur.

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Kieler Hafen. Foto: HuffPost

Wir starten in Kiel. Die Landeshauptstadt ist bitterkalt in der Woche vor der Wahl, obwohl die Sonne scheint. Der Wind pfeift über die Ostsee und den Hafen.

Und Wind, das ist genau das Thema von Ralph, der auf dem Weg in seinen Heimatort Brokstedt ist. Fast jeden Tag pendelt er mit dem Regionalexpress zur Uni Kiel und zurück. 30 Minuten dauert die Fahrt, dann ist er im grünen Nirgendwo.

Und dort stehen drei Windparks, die in Schleswig-Holstein in fast jeder Stadt zum Politikum geworden sind. Die einen wollen die Energiewende, die anderen wollen ihre Ruhe und verhindern, dass Windräder die Sonne verdecken.

“Das macht mich wütend“, sagt Ralph, 22 Jahre alt, der Elektro- und Informationstechnik in Kiel studiert. “Wir haben in unserem Bundesland nicht viel außer Wind und Platz – und deswegen sollten wir das Beste daraus machen.“ Dass es Proteste gegen Windfarmen gibt, auch in Schleswig-Holstein, kann er nicht fassen.

"Das Thema Windräder macht mich wütend", Ralph, 22

Das Thema ist ihm tatsächlich so wichtig, dass er jedes Parteiprogramm auf seine Umweltkomponente abgeklopft hat.

Alle Parteien haben ihn enttäuscht, auch die Grünen, denen er bei der Landtagswahl vor fünf Jahren noch seine Stimme gab. Die schauen seiner Meinung nach zu einseitig auf die Atomkraft und die Endlagerfrage. Und deswegen vertraut er am Sonntag auf seinen Instinkt in der Wahlkabine. Er ist einer der vielen zehntausenden Unentschiedenen, die am Ende die Wahl entscheiden könnten.

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Ministerpräsident Albig (rechts), im Wahlkampf mit SPD-Kanzlerkandidat Schulz

Während wir reden, lösen sich Kiels Backsteinfassaden in grüne Landschaften auf. Nicht lange dauert es, bis wir in Neumünster halten. Hier steigt Ursula Schürmann, 77 Jahre, zu. Sie kommt vom Arzt. Dass sie dafür in den Zug steigen muss, daran hat sie sich gewöhnt.

Sie wohnt in einer Kleinstadt mit etwas mehr als 7000 Einwohnern. Wenn sie einen Facharzt braucht, ist sie fast eine Stunde unterwegs. Der viel diskutierte Ärztemangel auf dem Land trifft Schürmann ganz konkret.

"Meine größte Sorge ist meine Gesundheit", Ursula, 77

Sie hatte Jahre Zeit, sich daran zu gewöhnen. Er macht ihr deswegen nichts aus, obwohl sie auf eine gute, medizinische Versorgung angewiesen ist. Denn ihre größte Sorge ist ihre Gesundheit - und, dass alles “so bleibt, wie es ist”, sagt sie mit einem freundlichen Lächeln.

Das bezieht sie auch auf die Landesregierung. Die kann ihrer Meinung nach gerne SPD-geführt bleiben. “Mit denen sind wir bisher gut gefahren“, sagt sie. “Meine Eltern haben SPD gewählt, mein Mann und ich wählen das auch. Immer.“

Was auch daran liegt, dass Schürmann rundum zufrieden ist: gute Rente, eigenes Haus, “wir können uns nicht beklagen“. Und gibt damit das Lebensgefühl in Schleswig-Holstein ganz gut wieder.

Die viel diskutierte Altersarmut ist für sie, wie für die meisten der mehr als drei Millionen Schleswig-Holsteiner, weit weg - und dafür musste sie hart arbeiten. Schürmann hat Handweberin gelernt. In den 60ern bekam sie einen Monatslohn von 50 Mark.

Dann kamen die Kinder - und Schürmann hörte auf, zu arbeiten. Hätte sie später nicht zehn Jahre in einer Bank geputzt, wäre ihre Rente heute deutlich schmäler. Das führt sie sich immer vor Augen - und will deswegen, dass es auch ihren Kindern später gut geht.

Für Kurt, 74, geht es bei der Landtagswahl auch um sein Leben, wie er sagt. Er trägt ein blaues Hemd, hat ungewaschene Haare. Als wir fragen, welches Thema ihm gerade am wichtigsten ist, sagt er ganz leise: “Mein Herz”, er hat eine Herzkrankheit.

Der Rentner verlor seinen Beamtenstatus als Justizvollzugsbeamter und damit seine private Versicherung. Warum, will er uns nicht sagen. Nur so viel: Weil ihn die Gesetzliche nicht mehr aufnehmen will, ist Kurt seit fünf Monaten unversichert. Die Medikamente für seine Krankheit bezahlt er aus eigener Tasche. Dass er sie sich nicht mehr leisten kann, ist nur noch eine Frage der Zeit. “Ich zähle die Tage”, sagt er.

In Deutschland gelten solche Fälle als dramatische Einzelschicksale, weil eine Versicherungspflicht herrscht.

Dennoch geht die Bundesregierung davon aus, dass 80.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert sind. In Schleswig-Holstein gibt es etwa die Praxis ohne Grenzen, die diese Menschen trotzdem behandelt. Für ihren Chef Uwe Denker ist das Problem ein Politikum: “Es muss grundsätzlich etwas passieren, sonst bricht das gesamte Gesundheitssystem zusammen“, warnt er.

Schicksale wie jenes von Kurt bestätigen das. Für ihn steht das Thema Gesundheit an erster Stelle bei den Wahlen. “Die Landesregierung soll auf die Krankenkassen bei dem Thema Druck machen, das wünsche ich mir.”

"Brauchen mehr Geld für Bildung und Forschung", Max, Student

stolte

Max Stolte, Student

Kurz vor Hamburg treffen wir Max Stolte. Er kommt aus Niedersachsen wählt das erste Mal in Schleswig-Holstein. Seit 2014 wohnt er hier - und er fühlt sich wohl. Pudelwohl, kann man sagen.

“Sorgen? Ich weiß nicht. Grundsätzlich geht es mir ganz gut.” Seine Welt ist in Ordnung: Er bekommt Bafög, kann gebührenfrei studieren, schließt dieses Jahr seinen Bachelor an der Uni Kiel in Deutsch und Russisch ab. Seine Wünsche an die Politik sind deswegen auch bescheiden, aber sehr konkret: “Eine Straßenbahn in Kiel wäre mir wichtig”, sagt er. “Und mehr Geld für Bildung und Forschung”. Davon könne man nämlich nicht genug haben.

"G8 war eine schlechte Idee", Rike, 24

rike

Rike Freyermuth, Studentin Sozialökonomie

Wir erreichen Hamburg und steigen in den Regionalexpress nach Lübeck ein. Es geht wieder Richtung Norden - mit einer Gruppe junger Frauen, die mit uns in den Zug steigen. Rike Freyermuth, 24 Jahre, ist mit ihren Freundinnen unterwegs. Sie lacht - aber als es um Politik geht, wird sie ernst.

“Ich weiß nicht, wie Politiker auf die Idee kommen konnten, G8 einzuführen”, sagt sie und schüttelt verärgert den Kopf. Sie studiert Sozialökonomie in Hamburg und kommt aus Lübeck.

Dass die Landesregierung die Schulzeit von 13 auf 12 Jahre gekürzt hat, macht die 24-Jährige wütend. “Die Schüler sind jetzt viel zu jung, wenn sie mit der Schule fertig sind.” Ihnen fiele es schwer, sich für eine berufliche Richtung zu entscheiden, außerdem sei der Leistungsdruck viel zu hoch.

Das bekomme sie bei Bekannten und Kommilitionen mit. Das Thema spaltete auch im Wahlkampf die Parteien. Während Freyermuth die CDU auf ihrer Seite hat, will die SPD hingegen an dem Abitur nach acht Jahren festhalten.

"Politiker kümmern sich nicht um die wichtigen Dinge", Florian,

29

Hinter Hamburg wird es schnell unglamourös, der Zug fährt vorbei an aufgestapelten Holzpaletten in Ahrensburg ein. Florian Kröger, 29 Jahre, bekommt davon nichts mit, er ist müde, seine Augen sind halb geschlossen.

“Ich komme aus einem winzigen Kaff in der Nähe von Bad Segeberg”, sagt er. “Diese Stammtisch-Politik dort interessiert mich überhaupt nicht.”

Der Key-Account-Manager ist enttäuscht von der Kommunalpolitik, findet sie belanglos und zu zeitaufwendig für das, was am Ende dabei herauskommt. Die immer gleichen Debatten nerven ihn ebenso wie die Politiker, die diese führen. Ausgerechnet sein eigener Schwiegervater ist auch noch der Bürgermeister seiner Gemeinde.

“Wenn wir mit ihm am Küchentisch sitzen, dann geht es bei uns auch zu wie beim Stammtisch”, erzählt er. “Es wird über Politik geredet und es gibt Streit. Immer.” Diese unsympathische Seite der Politik bewegt nicht nur Kröger.

Eine europaweite Online-Erhebung zur Lebenswelt von Menschen zwischen 18 bis 34 Jahren kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass die Politikverdrossenheit groß ist.

Und: Nur ein Prozent der jüngeren Deutschen vertraut demnach der Politik.

Wenn Kröger Politiker wäre, würde er vieles anders machen. Er würde sich etwa für die Dinge einsetzen, die er für wirklich wichtig hält.

"Es ist unglaublich, dass Menschen, die in ihrem Land als Arzt gearbeitet haben, bei uns keinen Job finden”, sagt er. “Wir müssen Flüchtlingen mehr Chancen geben. Nicht nur Wirtschaftsflüchtlingen, auch Kriegsflüchtlingen. Wir müssen diese Menschen viel mehr an die Hand nehmen, uns um sie kümmern.”

Dass man gute Arbeitskräfte einfach so übergehe, verstehe er nicht.

"In diesen Schulen können sich die Kinder ja nicht wohlfühlen”, Bert, 61

bert rommot

Bert Rommot, Bauingenieur

Der Zug ist mittlerweile in Bad Oldesloe angekommen. Die Menschen am Bahnsteig sehen grimmig aus. Bert Rommot nicht. Meistens ist der 61-Jährige zufrieden mit seinem Leben.

Auch, wenn es Dinge gibt, die den Bauingenieur traurig machen. Die Infrastruktur, mit der er quasi täglich zu tun hat. Die tiefen Schlaglöcher gehören dazu, aber auch die Schulen.

“In Lübeck sind die Klassenräume nicht nur ungemütlich, sondern auch richtig lieblos eingerichtet“, sagt er. “Da können sich die Kinder ja nicht wohlfühlen.”

Das Thema liegt ihm offenbar am Herzen, auch, wenn Rommots eigene Kinder mit Mitte 20 schon lange aus der Schule raus sind. Sein Beruf führt ihn immer wieder an Schulen, dort sieht er die miserablen Zustände, die die Politiker seiner Meinung nach viel zu lange ignoriert haben.

Im Wahlkampf hingegen gibt es keine Partei, die auf das Thema nicht aufgesprungen ist. Leider viel zu spät, wie Rommot sagt.

"Wir brauchen mehr Wahlfächer in der Schule. Mich hat das alles nicht interessiert", Paul, 20

paul

Paul Molleker, Student Chemie

Kleine Häuser aus dunkelrotem Backstein sind jetzt aus der Ferne zu sehen. Der Zug hat den unscheinbaren wie hässlichen Bahnhof Reinfeld erreicht.

Der 20-jährige Paul Molleker sieht gelangweilt aus. Vor kurzem hat er sein Abitur gemacht - jetzt rechnet er mit der Schule ab. Sein Urteil ist vernichtend.

“Ganz ehrlich: In der Schule habe ich überhaupt nichts gelernt”, sagt er. “Ich war auf einem Gymnasium in Lübeck, aber die Schule war sowas von schlecht. Ich konnte kaum etwas wählen, das mich wirklich interessiert.”

Jetzt studiert er Chemie - ein Fach, mit dem er sich in der Schule auch lieber beschäftigt hätte. “Aber das war nicht möglich, weil wir so wenige Wahlmöglichkeiten hatten.” An dieser Verengung kranke das ganze Schulwesen, die seiner Generation die Zukunft verbaue. Das müsse sich schleunigst ändern, sagt er.

"Politiker erreichen junge Menschen wie mich nicht", Natalie, 20

natalie keule

Natalie Keule, Studentin Geowissenschaften

Einen Wagon weiter lehnt Natalie Keule am Fenster.

Sie ist 20, studiert Geowissenschaften in Hamburg und wohnt in Lübeck. Mit Politik will sie eigentlich nichts zu tun haben. “Das berührt mich im Moment einfach nicht”, sagt sie. Und das ist gleichzeitig auch ihre größte Sorge: Obwohl sie wählen will, weiß sie noch nicht, wen.

Wer ihr zuhört versteht sehr schnell, warum.

Politiker haben ein schlechtes Image, sagt sie. “Und sie tun auch nichts dagegen”. Außerdem findet sie Politik wenig greifbar. "Das erste Mal, dass ich mich tatsächlich über ein Wahlprogramm informiert habe, war, als mir eine kleine Partei direkt in der Stadt einen Flyer in die Hand gedrückt hat”, sagt sie.

Das war Rebell, der Jugendverband der marxistisch-leninistischen Partei Deutschlands, die keine Chance auf den Einzug ins Parlament hat.

Deswegen hat sie einen Tipp an die Parteien: “Vielleicht müssen die Parteien da tatsächlich direkter vorgehen”, sagt sie. “Im Grunde interessieren mich deren Programme ja schon, aber irgendwie erreichen sie mich nicht.”

Damit hat sie tatsächlich einen Punkt. Obwohl sich die Jugend laut Shell-Studie immer mehr für Politik interessiert, fremdeln sie mit Parteien und ihren Programmen.

Der Zug hat sein Ziel erreicht: Lübeck. Einige Passanten flüchten aus dem Regen in eine kleine Dönerbude, nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt.

Hier schneidet Abe Idin Fleisch vom Spieß, sieben Tage die Woche. Gut leben kann er davon nicht. Das findet er ungerecht.

"Ich arbeite jeden Tag und es reicht kaum zum Leben", Idin

abe idin

Abe Idin, Dönerladen-Besitzer

“70 Prozent meines Gehalts geht für meine Miete und Nebenkosten drauf”, sagt er frustriert. “Bei meinen Freunden ist das nicht anders. Kinder kann man so doch gar nicht großziehen.” Seine drei Kinder sind mittlerweile erwachsen - für sie aufkommen könnte er nicht mehr.

Eigentlich lebt Idin gerne in Deutschland. Er ist vor 44 Jahren nach Lübeck gezogen und wohnt seither hier. Seinen sehnlichsten Wunsch hat ihm die Politik aber in seinen Augen noch nicht erfüllt.

“Denkt mehr an die Kinder, an die Erziehung. Ich arbeite viel und ich arbeite gerne”, sagt er. “Aber wenn man viele Kinder hat, dann reicht das nicht.”

Einige Gesprächspartner wollten in dieser Geschichte nicht mit vollem Namen auftauchen, andere lieber kein Foto von sich veröffentlichen. Wir wollten euch ihre Geschichten trotzdem nicht vorenthalten.

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