"Deutschland ist nicht gerecht": Der Soziologe Oliver Nachtwey erklärt, wer daran schuld ist

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Armut und Abstiegsängste gibt es auch im reichen Deutschland. | Sean Gallup via Getty Images
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  • Der Soziologe Oliver Nachtwey ist der Meinung, dass es in Deutschland ungerecht zugeht
  • Er gibt Politikern teilweise die Schuld daran
  • Während es früher mehr Aufstiege gegeben habe, steigen die Menschen in der Gesellschaft heute vermehrt ab

Geht es gerecht zu in Deutschland? Seitdem SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz Gerechtigkeit zu seinem Wahlkampfthema gemacht hat, diskutiert das Land diese Frage wieder.

Der Gesellschaftsforscher Oliver Nachtwey kann sie mit einem Wort beantworten: "Nein".

Deutschland sei "absolut betrachtet die reichste Volkswirtschaft in Europa und habe einen Niedriglohnsektor, in dem knapp ein Viertel der Erwerbstätigen kaum genug verdient, um ihr Leben bestreiten zu können", sagt er dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

"Manches war früher besser"

Und Nachtwey, der den Bestseller "Die Abstiegsgesellschaft" verfasst hat, gibt den Politikern zumindest eine Teilschuld.

Politiker hätten die Ungerechtigkeits-Situation sogar mit herbeigeführt, sagt Nachtwey. Man sei seit den 80er Jahren der Meinung, dass Ungleichheit gut für die Wirtschaft sei. Also, sogar die Regierung sagt, es sei in Deutschland nicht gerecht, tut aber nichts dagegen?

Leidtragende dieser Annahme seien viele Arbeitnehmer. Es gebe immer weniger Jobs mit Tarifbindung, Festanstellung, Kündigungsschutz und Mitbestimmung.

Nachtwey kommt zu dem Schluss: "Nicht alles, aber manches war früher besser". "Früher" hätte man sich zum Beispiel als Ungelernter zum Vorarbeiter hocharbeiten können. "Und man konn­te da­mit ein Ein­kom­men er­zie­len, mit dem man sich im Um­land von Frank­furt ein Rei­hen­haus leis­ten und ab­be­zah­len konn­te", sagt Nachtwey. "Ein Haus, ein Auto und ab und zu Ur­laub – das war das Auf­stiegs­ver­spre­chen, und das war mög­lich."

"Der Stolz ist weg"

Diesen Aufstieg von unten gebe es nicht mehr - stattdessen vermehrt Abstiege.

Und auch mit guter Ausbildung habe man noch lange keine Garantie auf einen Job. "Al­les ist mit viel mehr Un­si­cher­heit ver­bun­den."

Nachtwey ist der Meinung, dass sich der Niedriglohnsektor verfestigt - und sich eine neue Schicht bildet: das "Dienstleistungsproletariat". Dazu würden zum Beispiel Paketboten gehören.

Und auch wenn es früher schon Jobs mit geringen Löhnen gab, sieht der Soziologe doch einen klaren Unterschied zu heute: "Es gab ei­nen ge­wis­sen Stolz auf die ei­ge­ne Klas­se und das Be­wusst­sein, dass man durch der ei­ge­nen Hän­de Ar­beit eine ge­wis­se Wür­de er­fuhr. Heu­te ist in der Dienst­leis­tungs-Un­ter­klas­se je­der für sich selbst ver­ant­wort­lich: Der Stolz ist weg."

"Was ist sein Projekt?"

Anstatt dessen würden die Menschen mit einer Scham, es nicht geschafft zu haben, leben.

Eine Vorab-Fassung des Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ist aufgetaucht. Darin warnt diese vor einer Spaltung der Gesellschaft. Das Dokument könnte sich deshalb als Wahlkampfhilfe für SPD-Kanzlerkandidat Schulz erweisen.

Viele Menschen empfinden "ihre Anstrengungen als nicht ausreichend respektiert". Was wie ein Ausschnitt aus einer Wahlkampfrede des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz klingt, steht so im neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Aus diesem zitiert die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ").

Mehr noch: Die Bundesregierung warnt in dem Dokument explizit vor einer zu starken Spaltung der Gesellschaft: "Sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu groß und wird erworbener Reichtum als überwiegend leistungslos empfunden, so kann dies die Akzeptanz der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verringern“, heißt es in dem Bericht.

Gibt damit die Bundesregierung Martin Schulz eine amtlich abgesegnete Steilvorlage für dessen Wahlkampf?

Bundesregierung entschärfte den Bericht

Denn immerhin will der SPD-Chef mit den Leitmotiven Gerechtigkeit, Respekt und Würde die Abstimmung im September gegen Kanzlerin Angela Merkel gewinnen. Diesen Dreiklang versprach Schulz in einer kämpferischen Rede am Sonntag.

Durch mehr Lohngerechtigkeit, gebührenfreie Bildung von der Kita bis zum Studium oder die Einführung des Arbeitslosengelds Q will er für soziale Gerechtigkeit sorgen.

Der Armuts- und Reichtumsbericht wird vom Bundesarbeitsministerium federführend erstellt - dem die SPD-Politikerin Andrea Nahles vorsteht. Bereits im Oktober 2016 war eine erste Fassung bekannt geworden.

Im Dezember hat die Bundesregierung dann das Dokument in einigen Passagen entschärft beziehungsweise zensiert. Das sorgte nicht nur bei der Opposition, sondern auch bei der SPD für starke Kritik.

Kanzleramt rühmt sich mit steigenden Reallöhnen

Auch in der neuesten Version fehlen vermeintlich heikle Aussagen. Zudem ist dem Bericht diesmal eine mit dem Kanzleramt abgestimmte "Kurzfassung" vorangestellt.

In diesem Teil rühmt sich das CDU-geleitete Amt mit hohen Beschäftigungszahlen, steigenden Reallöhnen und einem "allenfalls leicht erhöhten" Anteil an armen Menschen. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen verdeutlicht, dass es keinen Grund zum Jubeln gibt.

Erstens ist die gute Entwicklung bei den Arbeitslosenzahlen vor allem auf eine steigende Teilzeitarbeit zurückzuführen: "Gegenüber dem Jahr 2000 haben wir heute fast 1,4 Millionen weniger Vollzeitarbeitsplätze, allerdings 4,8 Millionen zusätzliche Teilzeitarbeitsplätze", stellt der Ökonom Peter Bofinger klar.

Zweitens konnten sich zwar die Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren über ein kleines Plus im Geldbeutel freuen. Aus Sicht Bofingers stiegen die Löhne im Vergleich zu den Unternehmensgewinnen aber zu wenig. Zudem ist laut "Handelsblatt" die "Lohnschere in Deutschland wieder weiter auseinander gegangen".

Ob Schulz Merkel besiegen kann, weiß Nachtwey nicht. Aber er lobt den SPD-Kandidaten: "Er macht vie­les bes­ser als frü­he­re SPD-Kan­di­da­ten, de­ren ers­te Bot­schaft war: Wei­ter so, uns geh­t's doch gut."

Sein Problem aber sei: Niemand wisse bisher genau, was sein Projekt sei.

Mehr zum Thema: Warum Schulz' Gerechtigkeitsdebatte am Thema vorbeigeht

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(poc)

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