12 Menschen mit Migrationshintergrund erklären, was die Leitkultur-Debatte für sie bedeutet

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LEITKULTUR
"Deutsche Leitkultur ist, wenn mir ständig Menschen versichern, keine Nazis zu sein" - 12 Menschen mit Migrationshintergrund erklären, was die Leitkultur-Debatte für sie bedeutet | HuffPost / Getty
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Eigentlich ist es eine alte Debatte - doch seit Tagen schlägt sie immer neue Wellen: Braucht Deutschland eine sogenannte Leitkultur? Also eine Art Übereinkunft darüber, welche Werte unser Land zusammenhalten? Oder schließen wir damit Menschen aus?

Bundesinnenminister Thomas De Maizière hatte die Debatte am Wochenende mit zehn Thesen erneut losgetreten.

Im konservativen Lager erntete de Maizière mit dem Vorstoß viel Applaus - im im linken Spektrum dagegen Kritik. Die Medien beleuchteten all diese altbekannten Reflexe.

Nur eine Gruppe spielte in der Debatte kaum eine Rolle: die Menschen, um die es eigentlich geht. Menschen mit Wurzeln aus anderen Kulturkreisen, Einwandererfamilien oder deren Kinder, Menschen mit Migrationshintergrund.

Wir haben sie gefragt, wie die Debatte über eine deutsche Leitkultur bei ihnen ankommt.

"Es geht nur um Leistung, Leistung, Leistung. Druck, Maschinismus und Enthumanisierung."

ousseini ouedraogo

Ousseini Ouedraogo, Buchautor, Politikwissenschaftler

Die sogenannte "deutsche Leitkultur" kann nur zur Spaltung der Gesellschaft führen. Wenn man sagt, bestimmte Werte und Gewohnheiten werden besonders gefördert, dann spaltet das die Gesellschaft.

Warum hat die Integration geklappt? Weil wir fördern, da, wo Kulturen zusammenkommen. Wir können nicht erwarten, dass alle Menschen, die hierher kommen, sofort dieses "normale Deutschsein" lernen.

Wenn es ein dominantes Bild der Deutschen gibt, dann doch dieses: kalte Menschen, eine kalte Gesellschaft. Es geht nur um Leistung, Leistung, Leistung. Druck, Maschinismus und Enthumanisierung. Wenn du fremd in Deutschland bist, dann wird alle Verantwortung auf dich abgeladen. Dann bist du aufgefordert, dich anzupassen.

Die Wahrheit ist aber doch eine andere: Jeder soll leben wie er möchte, wie es ihm gefällt, wie er glücklich ist und mit den Mitmenschen auskommt - solange es keinen Verstoß gegen das Gesetz gibt.

"Rechtsextreme geben mir nicht die Hand"

bülent babur

Bülent Babür, Ökonom, SPD-Mitglied

Ich habe nicht das Gefühl, dass es in Deutschland eine einheitliche Leitkultur gibt. Ein Schwabe hat eine andere Leitkultur als ein Badener.

Die Punkte, die Herr de Mazière aufzählt, ist keine Leitkultur. Das gilt für 99 Prozent der Menschen, die in Deutschland leben.

Das sind ja keine typischen deutschen Merkmale, sondern Eigenschaften einer zivilisierten Gesellschaft. Unter dem restlichen 1 Prozent sind nicht hauptsächlich Burkaträgerinnen, sondern Rechtsextreme, die mir nicht die Hand geben würden.

"Man muss sich ganz schön anpassen, wenn man aus einer ganz anderen Kultur kommt"

julia schmidt

Julia Schmidt, Studentin aus den USA

Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, mich verstellen zu müssen, um nach Deutschland zu passen. Das mag natürlich auch daran liegen, dass sich die beiden Kulturen, Deutschland und USA, nicht so viel unterscheiden.

Ich glaube jedoch, dass man sich ganz schön anpassen muss, wenn man aus einer ganz anderen Kultur nach Deutschland kommt. Ich denke schon, dass das eine große Umstellung sein muss.

"Wir sind natürlich nicht Burka"

ahmed agdas

Ahmed Agdas, Jung-Politiker CDU und Student der Sozioökonomie

"Wir sind nicht Burka!" titelte die Bild diese Woche und zitierte aus dem Zehn-Thesen-Katalog des Innenministers de Maizière, welcher eine Debatte über die deutsche Leitkultur anstoßen sollte.

Wir sind natürlich nicht Burka. Wir sind auch nicht alle Nazis und Linksextremisten.

Die deutsche Mitte ist genervt. Genauso wie vom linksradikalen Internationalisten, der mit Mitte 20 noch zu Hause bei Mutter in einem Reihenhaus wohnt und pünktlich zum 1. Mai unsere Polizei angreift, wie vom ebenfalls noch zu Hause wohnenden (auch Reihenhaus, aber Papa neuerdings arbeitslos und die Burka ist schuld) pubertierenden halbstarken National-Völkischen-Idioten.

Und was ist nun unsere Kultur? Das Grundgesetz, welches für alle gilt und bereits alles für ein friedliches Miteinander regelt, der Urlaub im Süden und das Leben im Reihenhaus. Die Moral für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit.

Die letzten zwei Sätze bedienen sogar kein einziges Klischee, sie beschreiben die Realität. Und sie ist nicht immer so düster, wie manch einer glaubt.

"Deutsche Leitkultur ist, wenn mir ständig Menschen versichern, keine Nazis zu sein"

thomas glaser
Foto: Thomas Glaser

Emre Yavuz, Medizinstudent, ehemaliger Präsident des International Business Club e.V.

"Deutsche Leitkultur" ist, wenn mir Menschen ständig vor, nach und inmitten ihrer Kritik an anderen Kulturen und Lebensformen versichern, dass sie "keine Nazis sind, aber ...".

"Deutsche Leitkultur" ist, wenn ich verstehe, was diese Menschen damit meinen und warum sie niemals mit Menschenhassern gleichgestellt werden wollen, aber ich ihnen trotzdem nicht in allen Punkten zustimme.

"Deutsche Leitkultur" ist, wenn wir trotz allem in Frieden zusammenleben wollen und können.

"Deutsche Leitkultur" ist aber vor allem, wenn wir uns alle gemeinsam über Unrecht in unserer Gesellschaft empören und für das Recht anderer Menschen kämpfen, anders leben zu dürfen als wir.

"Deutsche Leitkultur" ist "Einigkeit und Recht und Freiheit".

"Die Deutschen sind oft viel geschlossener und jeder kämpft für sich."

Anita S., Studentin aus Südafrika

Wenn ich deutsche Kultur höre, dann denke ich hauptsächlich an Bildung. Deshalb bin ich auch von Südafrika hierher gezogen.

Als ich herkam, hatte ich von deutscher Kultur noch gar kein bestimmtes Bild im Kopf. Ich dachte nicht, dass ich mich besonders anpassen müsste. Jetzt weiß ich jedoch: Vieles läuft in dieser Kultur schon anders.

Die Deutschen sind oft viel verschlossener und jeder kämpft für sich. Dass man sich gegenseitig unterstützt, ist hier nicht immer Gang und Gäbe.

"Wir Deutsche haben Humor"

mustafa demertzis

Mustafa Demertzis, Gründer und Blogger bei karrierekebap.de

Auch wenn das Timing von de Maizière fraglich ist, Integration ist zeitlos und sollte "gemeinsam" debattiert werden. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, doch für ein gemeinsames Miteinander müssen auch wir Migranten ein Zeichen setzten - schließlich sind wir auch ein Teil von Deutschland.

Welche Werte an Deutschland schätze ich sehr?

Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, soziale Marktwirtschaft ... Die Liste könnte so unendlich weiter gehen. Auch wenn ich der Meinung bin, dass es eine deutsche Leitkultur nicht gibt, hat der Innenminister einen wichtigen Punkt in seinem Zehn-Punkte-Plan vergessen: "Wir Deutsche haben Humor #Leitkultur"!

"Leitkultur klingt mir sehr nach Leitplanken und Leitpfosten"

özkan tokuc

Özkan Tokuc, Wirtschaftsingenieur, Aktivist, Theologie-Student an der University of Anatolia

Das Wort Leitkultur klingt mir sehr nach Leitplanken und Leitpfosten. Ich denke, die einzig wahre Absicht hinter dieser Terminologie ist die, die Populisten vom Ausbrechen aus der schwarzen Wählerbasis aufzuhalten.

Jeder rationale und nicht weltfremde Mensch wird wissen, dass Werte nicht länger regional oder religional sein können. Die Welt ist dermaßen vernetzt und dynamisch; wir sind mitten in der Entstehung eines globalen Wertesystems mit evtl. punktuellen Eigenheiten. Abschottung davon würde Deutschland zum Nordkorea der neuen Wertegesellschaft machen.

Wir reden über Industrie 4.0, Arbeit 4.0 etc.. Wie wäre es mal mit Wertesystem 2.0?

"Weder Pünktlichkeit noch abendländische Tradition kann eine Leitkultur in Deutschland ausmachen."

celal findik

Celal Findik, Vorstandsmitglied der Stiftung House of One in Berlin

Ich finde die Diskussionen, die deutsche Leitkultur betreffen, sind absurd. Denn viele haben ein anderes Verständnis von deutscher (Leit)Kultur. Weder Pünktlichkeit noch abendländische Tradition kann eine Leitkultur in Deutschland ausmachen.

Es ist das Grundgesetz, was uns 80 Millionen Mitbürger Deutschlands auf einem friedlichen und harmonischen Basis des Zusammenlebens verbindet.

Für uns sollen die Werte gelten, die sich die Menschen in Deutschland durch ihre historischen Erfahrungen, durch ihre Bedauern aus der Geschichte, durch ihren gemeinsamen Einsatz für ein entwickeltes Deutschland und durch ihre vielfältige kulturelle Bereicherung seit über einem halben Jahrhundert gebildet haben.

Mein Deutschland ist ein Land, in dem ich als verfassungstreuer Mitbürger mit allen meinen Eigenschaften akzeptiert werde.

"Der Begriff "Leitkultur" besitzt einen antipluralistischen Beigeschmack"

yasin bas

Yasin Baş,Politologe, Historiker, Autor und freier Journalist

Ich störe mich an dem Begriff "Leitkultur", da er anfällig für aus- und abgrenzende sowie herabsetzende Debatten ist. Das Wort besitzt somit einen antipluralistischen Beigeschmack und richtet sich in erster Linie an die Einwanderer.

Wir könnten uns auf einen alternativen Begriff einigen, der für jeden Menschen die Möglichkeit bietet, sich mit Deutschland und den Grundsätzen unserer Verfassung, mit Menschenrechten, Gleichheit und Verschiedenheit(!), Teilhabe, (Meinungs)Freiheit, Respekt, Anerkennung, Pluralismus, Gerechtigkeit, Rechtstaatlichkeit usw. zu identifizieren.

Die Diskussion in Deutschland läuft leider immer noch über die Abgrenzung zum vermeintlich "Fremden". Solange wir nicht begreifen von einem gemeinsamen "Wir" zu sprechen und immer nur zwischen "Wir" und "Ihr" trennen, uns also über den "Anderen" definieren, können wir diese Diskussion vor jedem Wahlkampf weiterführen und uns endlos im Kreis drehen.

Unser Grundgesetzt gibt uns eine Richtschnur. Wenn wir uns an dieser halten brauchen wir keine "Führungs- oder Leitkultur".

"Deutschland ist mutig und feige"

said rezek

Said Rezek, Politikwissenschaftler, freier Journalist

Deutschland ist weltoffen und nationalistisch. Wir begrüßen die Flüchtlinge mit offenen Armen. Gleichzeitig wollen wir einen Zaun entlang der deutschen Grenze.

Deutschland ist großzügig und geizig. Gerade während der Weihnachtsfeiertage, steigen unsere Spenden ins unermessliche. Gleichzeitig gelten wir im Ausland als Kellner-Schreck, weil wir beim Trinkgeld knausern.

Deutschland ist mutig und feige. Die aufrichtige Aufarbeitung des Nationalsozialismus ist weltweit einzigartig. Die lückenhafte Aufklärung der NSU-Terrorzelle hingegen ist beschämend.

Und dann gibt es noch die große Mitte.

Sie ist weder besonders mutig, noch feige. Weder großzügig, noch geizig. Weder weltoffen noch nationalistisch. Sie ist durch und durch durchschnittlich. Wir alle sind Deutschland.

"Zur Leitkultur gehört eine gesunde Debatten- und Dialogkultur"

dogan günes

Dogan Günes, Blogger für Migration, interreligiöser Dialog, Energie und Außenpolitik

Für mich ist die deutsche Leitkultur dadurch geprägt, eine gesunde Debatten- und Dialogkultur zu pflegen. Ein Kultur, in der jeder - egal welcher Gesinnung er angehört - seine Meinung offen darlegen und ausleben kann und hierfür keine Intoleranz ernten muss.

Es sei denn, es widerspricht damit rechtsstaatlichen Normen, die eine Errungenschaft deutscher Geschichte und somit einen wesentlichen Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft und damit die Voraussetzung der Erhaltung der deutschen Leitkultur bedeuten.

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