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08/05/2017 22:07 CEST | Aktualisiert 08/05/2017 22:12 CEST

Brief an meine Tochter: Es tut mir leid, du hast die falsche Hautfarbe, das falsche Geschlecht, die falsche Religion

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Es passierte an meinem 26. Geburtstag. An diesem Tag erfuhr ich, dass ich schwanger bin. Für mich war es das allerschönste Geschenk. Von da an feierte ich nicht mehr meine Geburtstage, sondern nur noch den Tag, an dem ich erfuhr, dass ich ein Kind bekommen werde.

Ich feierte nur noch dich und dein Dasein, meine liebste Tochter. Auch, weil es lange so aussah, als könnte ich keine Kinder bekommen.

Deshalb ist es so wichtig für mich, dir diese Zeilen zu schreiben.

Bleib stark, denn dein Los ist kein leichtes

Du bist eine Frau, du hast einen dunklerer Teint und du bist Muslima. Es wird immer Leute geben, die dich für zu dick oder zu dünn halten. Es wird immer Leute geben, die dich für zu dunkel oder zu hell halten.

Es wird immer Leute geben, die dich für eine Terroristin oder für eine Verräterin halten, die sich nicht zu ihrer Religion bekennt, solltest du kein Kopftuch tragen.

So oder so, du kannst es nicht allen recht machen. Ich weiß nicht, wofür du dich eines Tages entscheiden wirst, aber eines weiß ich: Menschen kennen nur Extreme.

Entweder mögen sie dich oder sie machen dich fertig, weil du nicht bist wie sie. Gewinnst du die eine Gruppe für dich, verlierst du die andere.

Gewinnst du sie alle, verlierst du dich selbst! Bleib stark, denn dein Los ist kein leichtes.

Frau, Muslima, Dunkelhäutig. Es kann sein, dass dir diese drei Eigenschaften zum Verhängnis werden oder wie eine Gewitterwolke über dir schweben, wann immer du den Mund aufmachst.

Man wird das, was du sagst, oft in Frage stellen. Schließlich bist du "nur eine Frau" und "noch dazu eine Muslima", die "braun" ist.

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Aber hier mein Tipp für dich: Ja, es gibt diese Leute. Aber nein, sie werden dein Leben nicht beeinflussen.

Hin und wieder wirst du einem von ihnen begegnen, vielleicht auch längere Diskussionen mit ihnen führen, aber am Ende sind es nicht diese Menschen, die dein Leben beeinflussen werden. Ihre Meinung spielt keine Rolle. Dass du zu dir selbst findest und deinen Wert als Mensch erkennst, das ist, was wirklich zählt.

Müssen denn kleine Mädchen schon weiblich sein?

Obwohl man meinen könnte, dass wir in einem Zeitalter angelangt sind, in dem Frauen und Männer gleichgestellt sind - es tut mir Leid, das schreiben zu müssen: Das sind wir nicht. Ich denke auch, dass wir es noch lange nicht sein werden.

Es fängt schon im Kindesalter an, wo man versucht, kleinen Mädchen jegliche Weiblichkeitsmerkmale aufzuzwingen. So ist ein Mädchen, das noch keine Ohrringe trägt, gern mit Autos spielt und dessen Lieblingsfarbe Blau ist, nicht feminin genug für diese Welt.

Ich frage mich: Muss es das denn mit einem Jahr sein? Nein, muss es nicht. Irgendwann hat mal ein Mensch beschlossen, dass blau für männlich und rosa für weiblich steht.

Na und?

Wie wäre es, wenn wir uns den wichtigeren Themen zuwenden. Nämlich, dass es Menschen gibt, die zwischen Weiblich- und Männlichsein stehen?

Würden wir uns um diese Menschen und deren Bedürfnisse kümmern, gäbe es nämlich eine viel niedrigere Selbstmordrate. Man würde tatsächlich jemandem helfen, zu sich zu finden. Stattdessen wird über Farben diskutiert.

Eines muss ich dir noch sagen, liebe Tochter: Ich habe nie ein Mädchen in dir gesehen. Auch keinen Jungen.

Wenn ich dich ansehe, sehe ich einen Menschen. Mein Kind. Und wie ich das beurteilen kann, hat dir das nicht geschadet. Du spielst gern mit Buben und Mädchen, plauderst mit jedem, der dir begegnet, spielst mit Autos und Puppen, verstehst drei Sprachen und hast Freunde aus aller Welt.

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Du hast Schlafanzüge mit Raketen darauf, trägst aber auch gerne pinke Tütüs und lachst den ganzen Tag.

Ich möchte, dass du so durch dein Leben gehst - nicht anders. Lache laut, lache oft, lache aus ganzem Herzen und zeige dieser Welt, dass es nichts gibt, das uns Frauen aufhalten kann. Die ganze Welt wirst du damit vielleicht nicht ändern, aber deine eigene - und das ist mir am allerwichtigsten.

Weiblichkeit ist Stärke

Stellt man sich eine feministische Mutter vor, denken die meisten wohl an eine alleinerziehenden Frau, die frustriert gegen die Männerwelt wettert. Salopp gesagt ist das Bullshit.

Als Feministin ist man nicht gegen Männer, sondern für Gleichberechtigung. Für Gleichstellung in allen Bereichen und einen Dialog auf Augenhöhe. Das ist Feminismus! Jedenfalls ist es meiner und so lebe ich ihn aus.

Weiblichkeit bedeutet nicht, schwach und sanft zu sein, Weiblichkeit ist Stärke per se!

Stärke - so groß, dass sie Leben in sich tragen kann. Alle Männlichkeit stammt aus einer Weiblichkeit. Du bist viel mehr als das, was man versucht, dir einzureden. Du bist keine Größe, kein schöner Hintern, keine, die sich hoch schläft oder sich mit ihrer Schönheit alles leicht macht.

Du bist ein Mensch, der sich doppelt beweisen muss, um halb anerkannt zu werden. Und trotzdem stehst du deine Frau.

Rebelliere - für dich und andere

Und du sollst rebellieren. Ja, richtig gelesen! Rebelliere, wenn es um das Gute im Menschen geht. Rebelliere, wenn es um deine Rechte als Frau geht. Lass dir deine Stimme und deine Weiblichkeit nicht nehmen!

Dieser Brief ist für dich, meine Tochter, und umso wichtiger ist es mir, dir zuletzt meine Situation zu erklären: Muttersein ist nicht leicht. Einige meinen, es sei leicht, eine zu werden und schwer, eine zu sein. Ich persönlich finde beides schwer.

Sobald du ein Kind hast, wird sich deine Sicht der Dinge auf vieles ändern. Deine Prioritäten werden sich ändern. Deine Ziele im Leben werden sich neu entfalten.

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Du wirst dich manchmal einsam fühlen. Du wirst manchmal das Gefühl haben, als Mutter bitterlich zu versagen und vielleicht niemanden finden, der dir Mut macht. Dann nimm dir Kraft von dem, was von dir kommt - deinem Kind.

Die ersten Jahre als Mutter sind hart, weil es ein "Learning by Doing" - Prozess ist. Niemand auf der Welt kann dich darauf vorbereiten. Kein Mensch, der jahrelang Psychologie studiert hat, kein Bestseller-Erziehungsbuch, nicht einmal jemand, der schon vier Kinder hat.

Respekt und Anerkennung

Kinder sind unterschiedlich und Mütter genauso. Solltest du also eines Tages Mutter werden - und das hoffe ich sehr - merke dir, dass es die perfekte Mama einfach nicht gibt.

Ich als deine Mutter möchte nur, dass du zu einer selbstbewussten, willensstarken und unabhängigen Frau heranwächst, die alle anderen Menschen in ihrer Würde anerkennt. Wir Menschen sind unterschiedlich und das ist auch gut so. Es gibt uns in vielen Farben, Formen, Sprachen, Kulturen und Religionen.

Und man toleriert sie nicht einfach nur, wie einen Pickel im Gesicht, sondern respektiert sie - eben so, wie man selbst gern respektiert werden möchte. Denn auch, wenn du nicht alles nachvollziehen kannst, was ein anderer Mensch glaubt, so musst du ihn in seinem Glauben anerkennen.

Das gehört zu den Grundrechten eines jeden Menschen - auch, wenn einige Gesellschaften auf dieser Welt momentan nicht danach leben.

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