NACHRICHTEN
04/05/2017 18:16 CEST | Aktualisiert 04/05/2017 23:49 CEST

Millionen Menschen sind in ihrer Arbeit unglücklich - dabei wissen Forscher längst, was dagegen zu tun ist

PeopleImages via Getty Images
Millionen Menschen sind in ihrer Arbeit unglücklich.

Arbeit macht krank. Sie macht depressiv. Und sie ist den Deutschen eine Last.

Laut dem Meinungsforschungsinstitut Gallup fühlen nur 15 Prozent der deutschen Arbeitnehmer eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber.

► Das heißt: Eine große, große Mehrheit der Deutschen ist in der Arbeit nicht mit vollem Herz bei der Sache.

Forscher und Arbeitsmarktexperten kritisieren immer wieder, Deutschland sei zu einem Leistungsland verkommen, in dem ein Burnout als Statussymbol gilt.

Kurz gesagt: Arbeit macht Millionen von Menschen unglücklich.

Dabei müsste das nicht mehr so sein. Wissenschaftler haben längst herausgefunden, wie uns Arbeit wieder glücklicher machen kann.

Was genau macht Arbeitnehmer glücklich oder unglücklich?

Die “London School of Economics” hat im März eine Gallup-Umfrage von Menschen in 160 Ländern der Welt ausgewertet. Sie ist Teil des World Happiness Reports 2017.

Die Befragung der Teilnehmer fand seit dem Jahr 2006 statt; es wurde dabei nach unterschiedlichen Glücksempfindungen gefragt - etwa nach guter Laune oder auch nach dem Glücklichsein im allgemeinerem Sinn.

Die Ergebnisse der Analyse:

► Weltweit sind arbeitende Menschen viel glücklicher, als Menschen, die arbeitslos sind. Besonders gravierend: Selbst Menschen, die nach einer Phase der Arbeitslosigkeit wieder einen Job finden, bleiben noch lange unglücklich.

► Arbeitslosigkeit wirkt sich nicht nur auf Einzelne negativ aus: Hohe Arbeitslosenzahlen zeigen sich weltweit verantwortlich für ein schlechteres Wohlbefinden in der ganzen Gesellschaft - selbst bei arbeitenden Menschen.

► Geld macht glücklich - zumindest im Job. Höher bezahlte Jobs sorgen auch für zufriedenere Arbeitnehmer. Schlecht bezahlte Jobs ohne viel Verantwortung wirken sich negativ auf die Zufriedenheit der Arbeiter aus.

► Um auf der Arbeit wirklich glücklich zu werden, reicht gutes Geld aber nicht aus. Es kommt vor allem auf die Qualität der Arbeit an, auf Eigenständigkeit, Abwechslung, genug Freizeit und soziale Kontakte sowie geringe Gesundheits- und Sicherheitsrisiken.

Was muss also getan werden, damit Arbeitnehmer dauerhaft glücklicher sind?

Die Studie der Wissenschaftler an der “London School of Economics” zeigt also: Anstrengende, langweilige und schlecht bezahlte Arbeit macht unglücklich - gar keine Arbeit zu haben aber noch viel mehr. Denn eigentlich braucht der Mensch sogar Arbeit, um glücklich zu sein.

Der Soziologe Richard Senett unterstrich diese Wichtigkeit der Arbeit für das menschliche Glück bereits 1998 in seinem Buch “The Corrosion of Character”. Er beschrieb darin, wie Menschen, die sich besonders mit ihrer Arbeit und ihrem Arbeitgeber identifizieren, auch besonders unglücklich werden, wenn sie ihren Job verlieren.

Ziel muss es laut den Forschern aus London also sein, so viele Menschen wie möglich in Arbeit zu bekommen. Und zwar in gute Arbeit.

Dabei ist ein wichtiger Faktor laut Expertenmeinung die gerechte Entlohnung. Je weniger ein Mensch mit seiner Arbeit verdient, desto unglücklicher ist er auch, fand 2010 eine Studie der Princeton University heraus.

Das heißt im Umkehrschluss: Mehr Lohn bedeutet für Arbeitnehmer häufig mehr Glück. Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland verdient weniger als 10 Euro die Stunde, der Niedriglohnsektor wächst rasant - und so auch das Unglück.

► Hier könnten Politik und Wirtschaft ansetzen.

Noch wichtiger ist aber, dass sie sich um eine bessere Qualität der Arbeit bemühen. Das beleget etwa eine Studie der Personalberatung Robert Half.

Ihr Ergebnis: Arbeitnehmer wollen einen Arbeitgeber, der zu ihrer Persönlichkeit passt, und der ihnen interessante und bedeutsame Aufgaben, aber auch Freiräume und eine ausgewogene Work-Life-Balance bietet.

Und noch einen weiteren Glücksfaktor für Arbeitnehmer gibt es - einen, der zunächst einmal bizarr wirkt: Sex.

Die Oregon State University fand mit eineraktuellen Studie heraus: “Eine gute Beziehung und ein gesundes Sexleben helfen Arbeitnehmern dabei, glücklich zu bleiben und sich bei der Arbeit mehr zu engagieren.”

Kann man es mit dem Arbeitsglück auch übertreiben?

Tatsächlich, ja.

Der Unternehmer und Investor Ben Horowitz warnte so etwa davor, seiner Passion nachzugehen. “Leidenschaften sind schwer zu priorisieren, sie wandeln sich mit der Zeit”, sagte er in einer Rede an der Columbia University.

Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, macht also nicht unbedingt auch glücklich. Es sind vielmehr ein gutes Einkommen, eine gute Work-Life-Balance und viel Eigenständigkeit im Beruf, die zu mehr Zufriedenheit führen.

Auf ähnliche Weise argumentiert auch die Harvard-Psychologin Susan David. “Menschen, die sich zu sehr darauf konzentrieren, glücklich zu sein, werden mit der Zeit sogar unglücklicher”, sagte sie kürzlich in einem Interview. “Unser Glück sollte kein Ziel sein, sondern ein Nebenprodukt unserer Ehrlichkeit mit uns selbst.”

Glück sollte also auch auf der Arbeit kein Selbstzweck, sondern ein Mehrwert sein.

Klar, aber warum ist Glück überhaupt auf einmal ein so wichtiges Thema?

Weil sich die Wirtschaft von zufriedenen Mitarbeitern mehr Leistung erhofft. Denn glückliche Arbeitnehmer sind produktiver als ihre unglücklichen Kollegen.

Das fand etwa die University of Warwick heraus. Ihren Studien nach waren glückliche Arbeiter zwischen 10 und 12 Prozent produktiver, als unglückliche.

Glück ist also ein Wirtschaftsfaktor - und Firmen könnten durch es mehr Geld verdienen und weniger Verluste machen. Es gibt einen ganzen Industriezweig an Beratern und Coaches, die großen Unternehmen und ihren Angestellten das Glücklichsein beibringen wollen.

Das Geschäft mit dem Glück ist mittlerweile zu einer wahren Obszession geworden, warnt deshalb der Soziologe und Ökonom William Davies, Autor des Buches “The Happiness Industry”.

“Der vorrangige Grund, Glück auf der Arbeit zu fördern, war schon immer die Produktivität”, schreibt Davies. “Arbeitgeber suchen immer neue Wege, um die Moral und Stimmung von Arbeitnehmern zu verbessern - oder sie geben ihnen einfach vor, sich glücklich zu verhalten.”

Glück kann man aber nicht erzwingen, auch nicht auf der Arbeit. Vielmehr zeigt die Forschung: Die Arbeit selbst kann ein Schlüssel zum Glück sein - wenn sie gut bezahlt, vor allem aber abwechslungsreich und fair ist.

Dann macht sie auch nicht mehr krank und depressiv.

Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace.

(lp)

Sponsored by Trentino