17 Gründe, warum kein normaler Mensch Lehrer werden würde

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17 Gründe, warum kein normaler Mensch Lehrer wird | iStock
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"Lehrer? Das sind alles faule Säcke", hat Altkanzler Gerhard Schröder mal gesagt.

Obwohl sie es sind, die tagtäglich den Nachwuchs heranziehen und damit unsere Zukunft bestimmen, ist ihr Ansehen in Deutschland gering. Ihr Status ist mit dem eines ebenso unterschätzen Sozialarbeiters zu vergleichen, wie eine weltweite Umfrage zum gesellschaftlichen Ansehen von Lehrern ergeben hat.

Deutschland landete sogar am unteren Ende der groß angelegten Umfrage. Laut der Studie gelten Lehrer als wenig vertrauenswürdig und wenig respekteinflößend.

Auf Lehrern lastet ein immenser Druck

Andere Studien zeigen: Auch die Lehrer sind unzufrieden. Eine Online-Befragung des Kultusministeriums im vergangenen Jahr mit etwa 10.000 Lehrern zeigte: Lehrer in Niedersachsen fühlen sich im Stich gelassen, vor allem in den Bereichen Inklusion und Sprachförderung.

Der Aktionsrat Bildung warnt vor Burnout-Wellen bei Lehrern. Auf den meisten von ihnen laste ein immenser Druck.

Lehrer, mit denen wir gesprochen haben, konnten uns das bestätigen. Die Arbeit sei weit anstrengender als das von außen sichtbar sei.

Trotzdem mögen sie ihren Beruf. Und das, obwohl sie uns von so vielen absurden Situationen und Problemen erzählt haben, dass man ganz klar sagen muss: Menschen, die freiwillig diesen Beruf ergreifen, können einfach nicht normal sein.

Hier sind 17 absurde Probleme und Situationen, die nur Lehrer kennen:

1. Jeder weiß es besser. Wirklich jeder.

Wieso Lehrer werden? Es gibt doch schon genug Menschen, die nie Lehramt studiert haben, aber trotzdem alles besser wissen.

"Jeder denkt, er wüsste, wie ein Unterricht zu gestalten sei, nur, weil er selbst mal in der Schule war", sagt ein niedersächsischer Gesamtschullehrer der HuffPost.

"Nicht nur die Eltern, auch Politiker und Wissenschaftler meinen, alles besser zu wissen als die Lehrer. Warum kann man nicht einfach mal die Praktiker fragen?"

2. Schlimmer als viele Kinder: die Eltern

Es gebe meistens nur zwei Arten von Eltern, erzählt uns der Lehrer aus Niedersachsen: die Uninteressierten und die Überbehütenden. Erstere seien froh, "wenn das Kind endlich mal für ein paar Stunden aus dem Haus sei", bestätigt ein Berliner Grundschullehrer. Letztere seien "Helikoptereltern", die jede Kritik am Kind als persönlichen Angriff auffassen würden.

Denn viele von ihnen wüssten es ja ganz genau: Ihr Kind ist hochbegabt. Doch die Realität sehe in den allermeisten Fällen anders aus.

"Die meisten meiner Schüler wissen nicht einmal, wie man eine Schere richtig verwendet", sagt der Grundschullehrer Olaf Schäfer. "Das Beste ist aber, wenn ein neunjähriger Macho breitbeinig durch den Flur auf dich zukommt und sagt: Herr Schäfer, können Sie mir mal die Schuhe binden? Ich kann das nicht, das macht immer meine Mama."

Dass ihr Kind"einfach nur unterfordert" sei, hörten Lehrer immer wieder, wie sie uns bestätigen.

Der Trugschluss der Eltern: Das eigene Kind ist ein noch nicht erkanntes Genie, das schon mit seiner Aufnahme in die Grundschule quasi den Harvard-Abschluss in der Tasche hat.

3. Die Eltern sind oft engagierter als die Kinder

"Wenn ein Kind sich daneben benimmt, habe ich schon öfter mal einen mahnenden Brief der Eltern bekommen - mit dem Briefkopf ihrer Anwaltskanzlei. Wegen eines frechen Grundschülers", sagt Schäfer.

4. Wenn das Kind schlecht ist, soll oft der Lehrer schuld sein.

Das Kind kann gar nichts dafür.

"Habe heute grad ne Mutter da gehabt, die mich übelst angemotzt hat, weil ihr Sohn seine Mappe (mal wieder) nicht abgegeben hat und damit (auch mal wieder) eine 6 bekommen hat. Und wer ist Schuld? Natürlich ich", beklagt sich etwa eine Lehrerin auf der Online-Plattform "lehrerforen.de".

5. Ehrgeiziger werden die Schüler auch nicht gerade ...

6. Das Referendariat: besonders schön oder besonders schlimm

Für manche angehende Lehrer ist das Referendariat "die schlimmste Zeit ihres Lebens". In Lehrer-Foren überbieten sie sich mit Horror-Beschreibungen aus dem Schulalltag.

"Wenn ich vorne stehe und um Ruhe bitte und schreie und flehe... passiert einfach NICHTS", klagt eine Referendarin. "Die Schüler rennen durch das Klassenzimmer, schreien, kämpfen miteinander und beachten mich einfach nicht. Ich fühle mich echt machtlos und bin verzweifelt."

Der Rat einer anderen Lehrerin zeigt, wie groß die Verzweiflung sein muss. "Ich halte den Einsatz einer Trillerpfeife für keine schlechte Idee."

Andere Referendare haben es besser getroffen. "An meiner Schule sind sie sehr beliebt. Schließlich sind sie jünger und benoten besser als die meisten Lehrer", sagt der Gesamtschullehrer aus Niedersachsen.

7. Viele Lehrer werden unfreiwillig zu Aufklärern.

Gerade, wenn sie in der Pubertät oder kurz davor sind, gibt es vor allem ein Thema, das Schüler mehr als alles andere interessiert: Sex. Und so kommt es, dass sich auch Lehrer, die eigentlich gar keine Sexualkunde unterrichten, plötzlich mit Fragen konfrontiert sehen, dessen Beantwortung leicht peinlich werden kann.

"Meine Schüler haben mich gefragt, ob ich ihnen nicht mal erklären könnte, wie man ein Kondom richtig benutzt", sagt der Berliner Grundschullehrer Olaf Schäfer. Aber damit nicht genug. "Einer meiner Schüler hat gefragt, wie weit dehnbar so ein Kondom denn sei. Ich habe ihnen gesagt, sie könnten es gerne mal aufblasen. Das hätte ich besser nicht getan."

Seine Schüler hätten die Kondome nicht nur aufgeblasen, sondern sich auch gleich über den Kopf gezogen. "Sie sahen aus wie Teletubbies und sind mit den Kondomen über dem Kopf in die Pause marschiert", sagt Schäfer. "Den irritierten Lehrern sagten sie: 'Das haben wir bei Herrn Schäfer gelernt.'"

8. Bei der Aufklärung kann es zu Missverständnissen kommen.

Der Grundschullehrer Schäfer ließ seine Schüler ein Rollenspiel durchführen, um ihnen zu zeigen, wie sie sich im Falle einer Sexualstraftat verhalten sollten.

"Irgendwann rief mir einer der Schüler durch das ganze Treppenhaus der Schule zu: 'Herr Schäfer, wann spielen wir wieder Sexual-Straftäter?' Meine Kollegen sahen ganz entsetzt drein", erzählt er.

9. Größter Alptraum vieler Lehrer: der Elternabend

Rote Flecken und Schweißausbrüche - ganz normal für einige Lehrer an einem Elternabend, wie sie in einem Forum berichten.

"Der nächste Elternabend wird der Horror, weil die Eltern mich sicher mit verschiedenen Dingen konfrontieren werden, und ich dann sicher nicht cool bleiben kann", schreibt eine Lehrerin auf der Online-Plattform "lehrerforen.de".

"Ich fühle mich persönlich sehr getroffen, da ich für die Kinder der Klasse wirklich alles gebe. Das, was die Eltern über mich erzählen, sehe ich schon fast als Rufmord oder Mobbing an."

Mehr zum Thema: Eltern hört auf, den Lehrern eurer Kinder an allem die Schuld zu geben

10. Lehrer sollen freundlich und sachlich bleiben.

Ganz egal, wie unfreundlich die Eltern sind. Geduld mit den Schülern ist ein Muss. Da kann die Frage noch so blöd sein.

11. Na ja, wenigstens verdienen Lehrer gut. Oder?

Die Wahrheit ist: Rund 600 Euro im Jahr sollen sie einer Statistik zufolge aus eigener Tasche für Unterrichtsmaterialien zahlen.

"Bei mir sind es etwa 800 Euro", schreibt ein Lehrer dazu auf der Online-Plattform "4teachers". "Es gibt an der Schule zwar einen Posten Arbeitsmaterial für Lehrer, aber das sind so um die 20 Euro pro Jahr und Lehrer. Alles andere läuft meist privat. Computer, Drucker, Fachliteratur, Arbeitszimmer... Eigentlich sind wir blöd, dass wir das alles selbst finanzieren."

Ein Gesamtschullehrer aus Niedersachsen sagt der HuffPost, bei ihm sei es sogar noch weit mehr. "In England bekommt zum Beispiel jeder Lehrer einen Laptop mit Dock-Station. Das ist in Deutschland undenkbar", klagt er. "Aber warum eigentlich? Auch für uns wäre das wichtig."

12. Zum Glück gibt es auch mal Komplimente.

Hin und wieder. Also fast.

13. Auch Lehrer leiden unter Kollegen.

Einige Lehrer sind für den Beruf eigentlich völlig ungeeignet - keine Frage. Manchmal haben darunter aber nicht nur die Schüler, sondern auch die Kollegen zu leiden.

"Heute als wir zum gefühlten 1000sten Mal zusammensaßen, sagte meine Referendarin, sie hätte Schwierigkeiten sich in die Schüler hineinzuversetzen und sich zu überlegen, wie sie das Interesse der Schüler wecken könnte und es dann auch noch spannend umsetzen kann", beklagt sich eine Mentorin über ihre Referendarin in dem Forum "4teachers".

"Ihre Stunden sind eintönig und für die Schüler oftmals sehr anstrengend. Sie tut mir leid, aber ich tue es mir langsam auch!"

14. Viele halten Lehrer für faul - schön wär's, finden sie.

"Viele vergessen, dass der Lehrerberuf nicht nur aus unterrichten besteht", sagt der Lehrer aus Niedersachsen. "Hinzu kommt auch noch die Unterrichtsvorbereitung und das Korrigieren. Ich sitze oft bis nachts an meinem Schreibtisch und ein Wochenende habe ich auch meistens nicht."

15. Eltern erwarten, dass Lehrer immer erreichbar sind.

Obwohl die meisten Menschen irgendwann Feierabend haben, scheint es für viele Eltern und Lehrer ganz selbstverständlich zu sein, dass ein Lehrer rund um die Uhr erreichbar ist.

"Der Job hört nie auf. Man muss sich immer auch um die privaten Probleme der Schüler kümmern", sagt Schäfer. Und auch ein anderer Lehrer bestätigte: "Gerade Schüler schreiben mir oft auch noch nach 23 Uhr."

16. Und dann sind da noch die Sozialen Medien...

Dass es mittlerweile normal ist, dass Lehrer und Schüler auf Instagram und Facebook befreundet sind, vergrößert die Privatsphäre von Lehrern auch nicht gerade.

"Ich befreunde mich grundsätzlich erst mit Schülern, wenn sie schon von der Schule gegangen sind", sagt Schäfer.

17. Gut, dass Lehrern wenigstens keiner in ihren Kopf gucken kann...

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(lk)

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