"Wir arbeiten nicht mehr für Geld": So sieht laut dem Philosophen Richard David Precht die Zukunft der Arbeit aus

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RICHARD DAVID PRECHT
"Wir arbeiten nicht mehr für Geld": So sieht laut dem Philosophen Richard David Precht die Zukunft der Arbeit aus | dpa
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Unsere Arbeitswelt wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verändern, mit dramatischen Folgen für Mitarbeiter in nahezu allen Branchen. Der Philosoph Richard David Precht glaubt sogar, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis annähernd die Hälfte der Menschen keinem normalen Nine-to-five-Job mehr nachgehen, sagte Precht in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

"Arbeiten werden die Menschen auch in Zukunft", räumt er ein. "Aber sie werden es vielleicht nicht mehr für Geld tun, und sie werden es vielleicht nicht mehr für eine Firma tun und sie werden es nicht mehr in einem Angestelltenverhältnis tun."

Wie die Arbeitswelt am Ende aussehen wird? Da hat Precht einen recht klare Meinung: Übrig würden vor allem Jobs bleiben, "bei denen Menschen mit Menschen zu tun haben". In Kindergärten und Schulen etwa.

Experten warnen vor Schwund von Arbeitsplätzen

Grund für diese Entwicklung ist die Digitalisierung und die damit zusammenhängende Automatisierung. Mit dieser Einschätzung ist Precht nicht allein. Dutzende Studien warnen seit Jahren vor einem dramatischen Schwund an Jobs durch den digitalen Wandel.

Laut den Arbeitsmarktexperten vom Stuttgarter Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) müssen sich hunderttausende Arbeitnehmer in den nächsten Jahren beruflich neu orientieren. Die Experten erwarten, dass bis 2025 rund eineinhalb Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden.

Die Autoindustrie wird sich massiv verändern

Und dieser Wandel mache vor kaum einer Branche halt, warnt Precht. Die Autoindustrie etwa werde sich komplett verändern: "er fetischisierte Individualverkehr, dass jeder sein Auto als Statussymbol und als Transportmittel vor der Tür hat, wird verschwinden", sagt Precht. Stattdessen würden die Menschen eine Flatrate bezahlen und auf selbstfahrende Autos setzen, die Stadtbewohner innerhalb von Minuten bestellen können.

Das, so glaubt Precht, hätten den Verlust von zwei Millionen Jobs in der Automobilindustrie zur Folge, weil schlicht die Nachfrage nach Autos sinkt, wenn sich mehr Menschen ein selbstfahrendes Auto teilen.

Auch abertausende Jobs in anderen Fabriken und zuliefernden Betrieben sind laut Experten in Gefahr.

Doch auch vor kreativen Bereichen mache der Wandel nicht halt: "Ich glaube, einen erfolgreichen Charthit können auch Computer in kürzester Zeit machen, das ist relativ einfach", sagt Precht. Ähnlich sehe es für Nachrichten oder etwa Rechtsexpertisen aus, die Computer künftig übernehmen können.

Was übrig bleibt?

Laut Precht bleibem vor allem die Jobs übrig, in denen Menschen mit Menschen zu tun haben. "Wir werden also unsere Kinder nicht von Robotern erziehen lassen."

Zudem werde es auch im Niedriglohnsektor noch Jobs geben: "Ob man nun Pakete ausfährt oder Drohnen bestückt, in beiden Fällen wird jemand gebraucht, und das wird nicht ganz komplett roboterisiert werden."

All diese Trends haben dramatische Auswirkungen auf unsere Wirtschaft. Geht man davon aus, dass Abertausende ihren Job verlieren werden, müssen diese Menschen aufgefangen werden.

Precht erwartet, dass sich daher die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens durchsetzen werde: "ein bedingungsloses Grundeinkommen, das verhindert, dass die Kaufkraft sinkt, soziale Unruhen ausbrechen." Es sei eben nur wichtig, das dieses Grundeinkommen nun zügig komme.

Was am Ende dieser Entwicklung stehen kann?

Precht hat da einen klaren Blick drauf: "Die Linke, Anfang des 19. Jahrhunderts, hat davon geträumt, dass die industrielle Revolution dazu führt, dass Arbeiter keine dreckige, körperlich anstrengende, sie zerstörende Arbeit mehr machen müssen, sondern dass das in Zukunft Maschinen machen", sagt er.

"Und dem kommen wir immer näher und immer näher. Das ist die positive Utopie."

"Ich könnte mir eine Gesellschaft ausmalen in 20, 30 Jahren, in der der größte Teil der Bevölkerung keiner Lohnarbeit nachgeht, alle bekommen ein ziemlich hohes Grundeinkommen, und darüber hinaus haben sie alle erdenklichen Entfaltungsmöglichkeiten, weiterhin kreativ zu sein und Arbeit als das zu definieren, worin sie selber vorkommen, und nicht das, wofür sie Geld kriegen."

Bis dahin, so viel Ehrlichkeit sei erlaubt, sieht der Philosoph einen schmerzhaften Wandlungsprozess.

"Aber auf dem Weg dahin sehe ich ganz, ganz starke Ausschläge und Erschütterungen, und damit wir nicht solche furchtbaren Erschütterungen kriegen wie in der ersten und in der zweiten industriellen Revolution, jetzt in der vierten, ist es wahnsinnig wichtig, den Menschen so weit wie möglich die Augen zu öffnen."

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