Wie ein Silicon-Valley-Visionär künstliches Fleisch schaffen will

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RYAN BETHENCOURT INDIEBIO
Ryan Bethencourt von IndieBio setzt sich für vegane Ernährung ein. | IndieBio
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Ryan Bethencourt ist überzeugter Vegetarier. Und er hat eine Mission: "Ich will die Tore aller Schlachthäuser für immer schließen".

Rinder, Schweine und Hühner über Monate aufzuziehen und zu füttern, um sie dann für den Verzehr zu töten, sei weder fair gegenüber den Tieren noch gut für die Umwelt, sagt er.

"Wer gerne Fleisch, Milch und Eier isst, soll das weiter tun können. Ich will niemandem das Abendessen vermiesen. Aber wir müssen diese Lebensmittel in Zukunft ohne Tiere produzieren."

Das klingt wie ein Widerspruch, ja es scheint gar unmöglich. Weltweit leben Milliarden Rinder, Schweine und Hühner, um den Menschen zu ernähren. Die Fleischindustrie beschäftigt Millionen Menschen und macht Milliarden an Umsatz - all das will Bethencourt abschaffen.

Labor-Fleisch statt Schlachthof-Gräuel

Bethencourt ist der Meinung, bald breche ein neues Zeitalter an. Bereits heute arbeiten zahlreiche Technologiefirmen im Silicon Valley daran, die Tiere in der Produktion von Lebensmitteln obsolet zu machen.

Sie tüfteln an Labor-Fleisch, lassen Eier und Milch von gentechnisch veränderten Hefezellen produzieren und arbeiten an künstlichem Fisch.

Bethencourt will alles dafür tun, um dieses neue Zeitalter einzuläuten. Für ihn bedeutet das, viel Geld zu investieren. Denn Bethencourt ist Partner des Biotechnologie-Accelerator IndieBio.

"Accelerator" lässt sich etwa mit "Beschleuniger“ ins Deutsche übersetzen und ist ein in der Startup-Welt gebräuchlicher Begriff. Accelerators unterstützen Jungfirmen mit Coaching, geben ihnen Kapital, vermitteln neue Kunden und Investoren.

Bethencourt holt erfolgversprechende Startups für vier Monate nach San Francisco, stellt ihnen eine Laborinfrastruktur zur Verfügung, verschafft den Jungfirmen wichtige Kontakte ins Silicon Valley:

Vor allem aber statten Bethencourt und sein Team die Startups mit ordentlich frischem Kapital aus. Eine Viertelmillion US-Dollar bekommt, wer es in das pres­ti­ge­träch­tige Programm schafft. Bethencourt und die anderen IndieBio-Partner erhalten als Gegenleistungen Aktien der geförderten Startups.

Sie hoffen, das nächste Facebook, das Snapchat von morgen an Bord zu holen. Um dann nach einigen Jahren die Aktien mit hohem Gewinn an einen Anlagefonds zu verkaufen oder beim Börsengang des Startups groß Kasse zu machen.

IndieBio unterstützt tierfreies Fleisch

IndieBio gilt als weltweit bedeutendster Accelerator im Biotechnologie-Bereich. Das Förderprogramm hat die bekanntesten Namen der Food-Technologie-Szene groß gemacht.

Die Forscher des Startup Memphis Meats durchliefen einst das IndieBio-Förderprogramm:

Sie züchten im Labor Fleisch. Die Wissenschafter von Memphis Meats entnehmen Hühnern, Schweinen und Rindern Zellen und versorgen diese mit Nährstoffen. Die Zellen wachsen in einem Tank zu Muskelfleisch heran, das sich nach einigen Wochen "ernten" lässt.

Wie das genau funktioniert, erklärt Uma Valeti, Mitgründer und CEO von Memphis Meats, im IndieBio-Video:

In spätestens fünf Jahren sollen künstlich geschaffene Fleischbälle, Hot Dogs, Burger und Würste in die Verkaufsregale kommen, verspricht Valeti.

Valeti sieht in Memphis Meats eine Art "Fleisch-Brauerei", die in Zukunft unser Essen in großen Tanks herstellen wird, ohne dass dafür Tiere aufgezogen und geschlachtet werden. Selbst für das traditionelle Thanksgiving-Dinner will Memphis Meats Labor-Truthähne liefern:

Ob einst auch überzeugte Veganer herzhaft in einen Fleischball von Memphis Meats beißen werden, ist allerdings noch offen.

Auch Clara Foods ist ein "Absolvent" des IndieBio-Förderprogramms.

"Die Wissenschafter von Clara Foods verändern die DNA von Hefezellen so, dass diese Eiweiß produzieren", erklärt Bethencourt.

Das Startup hat Legebatterien den Kampf angesagt. Hühner sollen nicht mehr ihr Leben lang eingepfercht Eier legen, sondern im Labor sollen Hefezellen Eiweiß produzieren. Konditoren können das Eiweiß etwa für Backwaren verwenden:

Auch die Firma Geltor ist ein in der Food-Technologie-Szene bekannter Absolvent des IndieBio-Förderpgrogramms. Die Jungunternehmer wollen im Labor gezüchtete Gelatine auf den Markt bringen.

Schweine-Gelatine für Veganer

"Wir programmieren die DNA von Mikroben so um, dass sie für uns gewünschte Proteine herstellen", erklärt Geltor-Mitgründer Alexander Lorestani im Gespräch.

"Zurzeit liegt unser Fokus auf der Herstellung von Gelatine. Diese wird heute meist aus Knochen, Haut und anderen Schlachtabfällen gewonnen. Gelatine findet etwa Verwendung in Fruchtgummis und Marshmallows, aber auch in der Kosmetikindustrie".

Geltor will einst einen riesigen Markt abdecken. Denn heute verzichten Veganer auf mit Gelatine gefertigte Nahrungsmittel, da diese von Tieren gewonnen wurde. Die Geltor-Forscher versprechen, ihre Gelatine sei vegan.

Die Geltor-Forscher haben einen weiteren wichtigen Markt im Auge. Religiös lebende Muslime und Juden verzichten auf die in der Lebensmittelindustrie verbreitete Schweine-Gelatine, da diese nicht halal beziehungsweise koscher sei. Die Leute von Geltor wollen sich in Zukunft mit ihrem Produkt genau an diese Gruppe richten.

Doch Religionsgelehrte sind sich noch unschlüssig, wie die Labor-Gelatine zu bewerten ist. Für die Gelatine wurde zwar Schweine-DNA im Labor künstlich nachgebaut, Spuren von echten Schwarten, Schinken, Schnauzen und anderen Schweinekörperteilen finden sich darin aber keine.

Verunsicherung bei fünf Rabbinern

Fünf von IndieBio eingeladene Rabbiner waren sich nicht sicher, ob sie die Geltor-Gelatine als koscher erklären können, sagt Bethencourt. "Die neue Technologie wirft spannende Fragen zu Ethik und Religion auf".

Viele der von IndieBio geförderten Firmen setzen auf die umstrittene Gentechnik. Kritiker der Technologie argumentieren, ändere der Mensch das Erbgut von Organismen, spiele er Gott. Er gefährde so die Natur.

Noch sei es viel zu wenig klar, was passiert, wenn gentechnisch veränderte Organismen in die Umwelt gelangen - und sich dort mit "normalen" Lebewesen paaren, sich vermehren und in die Nahrungskette gelangen.

Vor allem aber wisse man heute noch nicht, welche Auswirkungen gentechnisch veränderte Nahrung auf unseren Körper hat.

Heilsversprechen der Gentechnik

Im technikgläubigen Silicon Valley verhallt solche Kritik ungehört. Hier glaubt man, der technologische Fortschritt dürfe nicht aufgehalten werden. Denn er werde die Welt retten.

Auch Bethencourt plädiert deshalb klar für den Einsatz der Gentechnik: "Mit gentechnisch veränderten Zellen, etwa in Hefe, Bakterien oder Tieren, lassen sich zahlreiche Nahrungsmittel herstellen."

"Die Technologie kann man leicht in andere Länder übertragen und überall auf der Welt relativ schnell große Mengen an Lebensmittel herstellen. Mit ihr könnte man theoretisch die ganze Menschheit ernähren", verspricht Bethencourt.

Gelatine aus dem Labor, Hühner-freie Eiweiß-Produktion und künstliche Burger: Greift das nicht frontal Farmer und die mächtige Fleischindustrie an? "Die Etablierten der Industrie fühlen sich durch von uns unterstützen Firmen wie Clara Foods, Geltor und Memphis Meats klar herausgefordert", sagt Bethencourt.

Bauern spucken auf Twitter Gift und Galle

IndieBio erhält auf Twitter laufend Nachrichten wütender Bauern. Sie werfen Bethencourt und seinem Team vor, sie in den Ruin treiben zu wollen.

Doch Ryan Bethencourt lässt sich nicht einschüchtern. Jüngst hat er ein Startup nach San Francisco geholt, das Fisch im Labor züchtet:

Bethencourt verfolgt weiter seine Mission: Eine Welt, in der wir in saftige Würste und blutende Steaks beißen. Aber ohne dass dabei ein einziges Tier sein Leben lassen muss.

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