Hamburg trägt im Juli den G20-Gipfel aus - und will dafür Obdachlose aus der Stadt vertreiben

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HAMBURG HOMELESS
Hamburger Obdachlose in einem Käfig bei der Vorführung "Menschlicher ZOO" im Jahr 2013 | Fabian Bimmer / Reuters
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  • Hamburg wird im Sommer den G20-Gipfel ausrichten - und erachtet die Obdachlosen der Stadt als Sicherheitsrisiko
  • Die Wohnungslosen sollen deshalb aus der Innenstadt vertrieben werden - wo sie bleiben sollen, ist ungewiss
  • Sozialarbeiter und Hilfsorganisationen reagieren empört auf das rigorose Vorgehen der Behörden

Die Sicherheit geht vor, in Hamburg. Das heißt, die Sicherheit von Politikern und Staatschefs, die am 7. und 8. Juli in Hamburg zum G20-Gipfel zusammentreffen. Für sie wird dann ein riesiges Areal an der Hamburger Sternschanze abgesperrt werden.

Viele Anwohner sind von den Sicherheitszonen betroffen - und auch viele Obdachlose, die ihre Schlafplätze in dem zukünftigen Hochsicherheitsgebiet haben.

Für die Stadt Hamburg sind die Wohnungslosen ein Sicherheitsrisiko, sie möchte sie für die Dauer des Gipfels aus der Sicherheitszone verbannen.

Sozialarbeiter und Hilfsorganisationen erheben gegen die Verantwortlichen der Stadt deshalb schwere Vorwürfe: Schon Wochen vor dem G20-Gipfel würden Obdachlose aus der Hamburger Innenstadt vertrieben, ohne Rücksicht darauf, wo diese dann eine sichere Bleibe finden könnten.

”Die Vertreibung von Wohnungslosen hat zugenommen”

Falko Droßmann ist SPD-Politiker und Leiter des Hamburger Bezirksamts Mitte. In der Mai-Ausgabe der Hamburger Obdachlosenzeitung “Hinz und Kuntz” riet er den Obdachlosen der Stadt: "Geht für ein paar Wochen in eine andere Stadt oder meidet zumindest die Messe, die City – überhaupt das Kerngebiet.”

Die offenbare Botschaft an die Wohnungslosen: Im Juli findet in Hamburg Weltpolitik statt - und ihr stört da nur. Die Redakteure der “Hinz und Kuntz” fordern deshalb: “Gebt Obdachlosen sichere Unterkünfte!”

Auch bei der Diakonie Hamburg ist man über das Vorgehen der Stadt empört. Hunderte von Obdachlosen könnten von diesem betroffen sein.

“Unabhängig vom G20-Gipfel haben wir beobachtet, dass die Vertreibung von Wohnungslosen von ihren Platten - also den Orten, wo sie schlafen - in der letzten Zeit zugenommen hat. Das haben wir immer wieder kritisiert”, sagte Stephan Nagel, Geschäftsführer der Diakonie-Arbeitsgemeinschaften für Wohungslosenhilfe und Suchtkrankenhilfe, der HuffPost.

Im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel habe der Druck auf die Obdachlosen nochmal zugenommen. Die Stadt behaupte zwar, es würde keine Vertreibung von Obdachlosen geben, sagte Nagel, “aber wir sehen ja, dass es sie gibt. So geht man nicht mit Leuten um, die nichts haben.”

Nagel fordert die Stadt deshalb auf, sich im Rahmen der G20-Veranstaltung auch um die Nöte der Wohnungslosen zu kümmern. “Wenn die Stadt aus Sicherheitsgründen meint, Zelte neben Hotels nicht dulden zu wollen, dann steht sie umso mehr in der Pflicht, den Obdachlosen eine gescheite Unterbringung anzubieten - sei es in einem Hotel oder in einer Unterkunft.”

Stadt weist alle Vorwürfe von sich

Die Stadt Hamburg will von einem Problem für die Obdachlosen im Rahmen des G20-Gipfels nichts wissen. “Niemand muss die Stadt wegen des Gipfels verlassen und niemand vertreibt Obdachlose”, sagte ein Sprecher der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration der HuffPost.

Grundsätzlich sei nicht damit zu rechnen, dass es stadtweit relevante Auswirkungen des G20-Gipfels geben wird. Nur an wenigen Orten, etwa rund um die Messehallen, werde diese der Fall sein.

“Wie viele Obdachlose dort auf der Straße leben, klären wir mit Straßensozialarbeitern. Erst dann stellt sich die Frage alternativer Unterbringung”, sagte der Sprecher. Im Juni, rechtzeitig vor dem G20-Gipfel, könnte die Sozialbehörde mehr dazu sagen.

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"'Obdachlose raus' - das ist zu billig"

Zu spät, findet der Hamburger Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Er arbeitet tagtäglich mit den Obdachlosen der Stadt zusammen. “Wir brauchen nicht nur für den Zeitpunkt des G20-Gipfels Unterkünfte, wo Wohnungslose sich aufhalten können, sondern am besten schon jetzt”, sagte er der HuffPost.

“Wir haben ein Winterprogramm zur Unterbringung von Wohnungslosen, das schnell wieder geöffnet werden könnte”, sagte Karrenbauer weiter. “Es braucht aber Zeit, bis Wohnungslose das annehmen. Das kann man nicht zwei Tage vor dem G2-Gipfel machen.”

Grundsätzlich hat Karrenbauer sogar Verständis für das extreme Sicherheitskonzept der Stadt. Die Verantwortlichen müssten jedoch nicht nur Sicherheitszonen und Polizeipräsenz im Kopf haben, sondern eben auch die Wohnungslosen.

“Der Gipfel kommt, den kann man nicht absagen. Man kann aber auch nicht sagen: 'Obdachlose raus' - das ist zu billig”, sagte Karrenbauer. “Wir müssen dafür sorgen, dass alle mit dem Gipfel so uneingeschränkt wie möglich leben können - und da gehören Wohnungslose genauso dazu, wie alle anderen Menschen, die in Hamburg von dem G20-Gipfel betroffen sind.”

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(ks)

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