Unternehmer lebte 7 Jahre in Pjöngjang: "Der Westen hat ein verzerrtes Bild von Nordkorea"

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Öffentliche Hinrichtungen, hungernde Bürger – und über allem strahlt das Bild des großen Führers Kim Jong-Un. Nordkorea ist für den Westen weiter ein düsteres Mysterium, wenig dringt aus dem isolierten Staat nach außen. Die wenigen Nachrichten, die durchdringen, sind bedrohlich.

Einer der wenigen ausländischen Nordkorea-Kenner ist der Schweizer Felix Abt. Sieben Jahre leitete er ein Unternehmen in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang – als erster ausländischer Geschäftsmann überhaupt (siehe auch Video oben).

Mit der HuffPost sprach Abt darüber, was wirklich in Nordkorea passiert. Denn er ist der Meinung: Das Bild, das der Westen von dem kommunistischen Regime zeichnet, sei verzerrt – ein Dritter Weltkrieg, den viele Kommentatoren derzeit herbeischreiben, werde nicht auf der koreanischen Halbinsel beginnen.

Keine Frage: Abt polarisiert. Die Thesen, die er in seinem Buch "A Capitalist in North Korea" aufstellt, wurden in internationalen Medien teils scharf kritisiert. Seine Kritiker finden: Abt verteidige ein Regime, das keine Zustimmung verdiene.

Das mag sein. Dennoch lohnt es sich, ihm zuzuhören. Denn nur wenige dürften den Alltag in der Diktatur besser kennen als er.

"Die ganzen Klischees haben sich als Unsinn entpuppt"

Abt verfolgt das Schicksal des Landes bereits seit 2002. US-Präsident George W. Bush hatte Nordkorea gerade als Teil der "Achse des Bösen“ bezeichnet, da steigt Abt in den Flieger nach Pjöngjang. Dort übernimmt er die Geschäftsführung des Schweizer Mischkonzerns ABB. "Als der Konzern mir die Rolle anbot, habe ich sofort zugesagt“, erinnert sich Abt.

"Der Gedanke, dabei zu sein und mitzuhelfen, das Land zu verändern, hat mich gereizt“, beschreibt der heute 62-Jährige den mutigen Schritt ins Unbekannte. Ohne Vorurteile reiste der Unternehmer damals nicht. Zuviel Negatives hatte er schon über Nordkorea gelesen.

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Doch das Land war anders als er dachte. "Die ganzen Klischees von Sklaven haben sich schon am Tag meiner Ankunft als Unsinn entpuppt“, sagt Abt heute. Stattdessen sei er von lachenden Mitarbeitern am Flughafen begrüßt worden.

“Als ich als erster ausländischer, in Nordkorea lebender Geschäftsmann vom Fernsehen interviewt wurde und statt über Politik über mein Unternehmen redete, haben mich danach viele Leute auf der Straße, in Aufzügen und Restaurants erkannt und spontan angesprochen. Damit war das letzte Eis gebrochen.”

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Felix Abt mit mehreren Mitarbeiterinnen

Nach Diskussionen dufte Abt sogar Werbung machen

Zwei Jahre nach seiner Ankunft gründet Abt in Pjöngjang die Pyongyang Business School. Er erlebt, wie das Land sich langsam öffnet. Im Westen bekommen davon die wenigsten etwas mit. Abt sagt: "Der Mittelstand ist stark gewachsen, selbst Bauern dürfen einen Teil ihrer Erzeugnisse auf Märkten mit Profiten, die sie behalten dürften, verkaufen.“

Das strikte Klassensystem der Vergangenheit sei damit durchbrochen worden. Der Unternehmer berichtet: "Heute kann auch jemand reich werden, der nicht zur privilegierten 'Core Class’ gehört, was vor zwanzig Jahren absolut undenkbar war.“

Auch bei seiner eigenen Arbeit erkennt Abt diesen neuen Freiheitsgeist. Als er in Nordkorea ankommt, ist Werbung noch verboten. Sie gilt als "antisozialistisch". Doch schon wenig später verteilt Abt Prospekte seines Unternehmens. "Nach langen Diskussionen“, sagt der Schweizer.

"Die Nordkoreaner wissen mehr über die Welt, als die Welt über Nordkorea"

Dieser allmähliche Fortschritt sei auch in den Köpfen der Menschen zu spüren:

"Ich bin geschäftlich im Lande herumgereist, wo ich Ingenieure und Arbeiter in Kraftwerken, Minen und Textilfabriken getroffen habe, Bauern auf Bauernhöfen und Ärzte in Krankenhäusern. Ich gewann den Eindruck, dass viele Nordkoreaner besser über die restliche Welt informiert waren, als die restliche Welt über Nordkorea.“

Es ist eine dieser steilen Thesen, mit denen Abt immer wieder für Diskussionen sorgt.

Doch er nennt Gründe. Der wichtigste sei der Austausch mit China. Die nordkoreanisch-chinesische Grenze ist immerhin über 1.300 Kilometer lang.

Und sie sei "poröser“, als man im Westen glaubt, wo Nordkorea oft als letztes völlig abgeschottetes Territorium beschrieben wird, sagt Abt. Entgegen dieser Vorstellung gebe es einen regen Austausch.

Der Unternehmer erklärt: "Wenn ich mit nordkoreanischen Mitarbeitern nach China ging, haben die fleißig fotografiert und gefilmt und das, was sie gesehen haben, ihren Familien und Freunden gezeigt.“

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Felix Abt diskutiert mit jungen Nordkoreanern

Als die USB-Sticks aufkamen, seien viele nordkoreanischen Kunden und Lieferanten dankbar gewesen, wenn man ihnen einen solchen Stick schenkte. "Darauf haben sie dann oft Filme, Musik und Literatur aus dem Ausland gespeichert.“

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Hungersnot kann jederzeit zurückkommen

Natürlich sei nicht alles gut in der kommunistischen Diktatur, räumt der Schweizer ein: "Hungersnöte gibt es zur Zeit keine, aber Unterernährung gibt es.“ Auch größere Hunger-Epidemien könnten zurückkehren, als Folge des vom Westen auferlegten Wirtschaftsembargos – "vor allem dann, wenn China es konsequent durchsetzt“.

Das herrschende Bild vom Hunger stamme aber noch aus den 90er-Jahren, als das staatliche Versorgungssystem weitgehend kollabiert sei.

Wie viele Vorstellungen, die man in Europa von Nordkorea habe, sei dieses Bild veraltet.

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Ein Soldat in Pjöngjang

Auch die Nordkoreaner selbst seien anders, als viele im Westen denken. Und eine Kriegstreiber-Nation sieht Abt in seiner ehemaligen Heimat auch nicht – auch wenn die immer neuen Provokationen Kim Jong-uns etwas anderes vermuten lassen.

Doch hinter dem Verhalten des Landes stecke eine Strategie.

"Die Nordkoreaner beherrschen die Kunst des hässlichen Scheins, die etwa mit Nixons Madman-Theorie verglichen werden kann“, sagt der Insider über das Kim Jong-Un Regime. Dabei gehe es darum, für den Gegner als irrational und volatil zu erscheinen, um ihn zu täuschen und seine Planung zu vermiesen.

Dass ein Dritter Weltkrieg in Korea ausbreche, hält Abt trotz aller Provokationen für unwahrscheinlich. Das habe auch mit China zu tun. Peking sei im Kriegsfall vertraglich verpflichtet, Nordkorea beizustehen. "China will aber nicht in einen Krieg verwickelt werden, den es nicht gewinnen kann“, glaubt der Schweizer.

Zudem seien die Nordkoreaner vom Koreakrieg immer noch traumatisiert. "Ihr Land wurde mit einer unvorstellbaren Brutalität von amerikanischen Bombern niedergebrannt“, sagt Abt.

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Die Skyline der nordkoreanischen Hauptstadt

Aus nordkoreanischer Sicht müsse man verstehen: "Dass ausgerechnet die Vereinigten Staaten darauf bestehen, dass Nordkorea einseitig abrüstet und auf eine wirksame Abschreckung verzichtet, wird als reiner Zynismus empfunden.“

Hoffnung auf eine bessere Zukunft setzt Abt ausgerechnet in US-Präsident Donald Trump. "Sollte Trump, wie einst Nixon mit Rotchina, die Beziehungen mit Nordkorea normalisieren und den fast 70-jährigen Koreakrieg mit einem Friedensvertrag beenden“, sagt Abt, "würde er nicht nur in die Geschichte eingehen“.

Trump würde auch massive Ressourcen für die koreanische Wirtschaft freimachen, die zur Zeit in Selbstverteidigung und Abschreckung fließen.

Abt hat daher einen Appell an den Westen: "Statt das Land mit Sanktionen zu strangulieren, sollte man mit ihm Kontakte pflegen."

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(ll, sma)

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