"Riecht nach Profilneurose": Die deutsche Presse urteilt hart über von der Leyens pauschaler Kritik an der Truppe

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VON DER LEYEN
Die deutsche Presse schließt sich der Kritik an der Verteidungsministerin an | Philipp Guelland via Getty Images
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Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat der Bundeswehr pauschal ein "Haltungsproblem". Hintergrund ist der Skandal um einen rechtsradikalen Offizier, der sich illegal Waffen verschaffte und Listen mit möglichen Anschlagszielen führte.

Für ihre verallgemeinernde Kritik an der Truppe wird von der Leyen nun scharf kritisiert - von den Grünen und der SPD, aber vor allem von Bundeswehrverbänden und Soldaten, die sich verunglimpft sehen.

Die deutsche Presse schließt sich den Kritikern an.

"Von der Leyen kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen"

Der Bonner "General Anzeiger" unterstellt der Verteidigungsministerin, sie wolle mit ihrer Kritik an der Truppe die Verantwortung für die Skandale von sich weisen:

"Von der Leyen kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Sie ist die Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt, sie muss sicherstellen, dass Missstände und Fehlverhalten nach oben gemeldet werden, sie (und die militärische Führung) steht Kraft ihres Amtes dafür gerade, dass das Prinzip der Inneren Führung auch gelebt wird."

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Dazu brauche es eigene innere Führung der Ministerin und keine inszenierten Bilder, die sie in entschlossener Pose zeigen.

"Was für ein Fiasko"

Nach Ansicht der "Neuen Osnabrücker Zeitung" hat die Reaktion der Verteidigungsministerin die Situation nur verschlimmert.

"Was für ein Fiasko. Es mehren sich die Hinweise auf rechtsextreme Umtriebe in der Bundeswehr. Außerdem gibt es immer wieder Fälle von Machtmissbrauch und sexueller Erniedrigung. Und was tut Ursula von der Leyen? Die Ministerin macht es noch schlimmer, indem sie der Truppe ohne nähere Erläuterungen ein Haltungsproblem, Führungsschwäche und falsch verstandenen Korpsgeist unterstellt. So darf es nicht weitergehen."

Solche pauschale Kritik sei unfair, schreibt das Blatt.

"Will verhindern, dass der Skandal Wahlkampfthema wird"

Nach Ansicht der "Berliner Zeitung" setzt sich die Ministerin selbst der Kritik aus. Die Diagnose eines "Haltungsproblems" sei "bemerkenswert für jemanden, der seit fast einer ganzen Legislaturperiode Chefin der Truppe ist und sich überdies vorgenommen hat, dem ganzen Laden einen neuen Geist einzuhauchen". Die Zeitung ist der Ansicht, dass von der Leyen verhindern will, dass die Bundeswehr-Skandale Wahlkampfthema werden.

"Wenn die Ministerin jetzt die Zustände in den Streitkräften mit drastischen Worten kritisiert, stellt sie sich zugleich selbst ein schlechtes Zeugnis aus. Die offensive Art und Weise, mit der von der Leyen derzeit kommuniziert, legt aber noch einen anderen Gedanken nahe: Sie hat Sorge, dass ihr Wirken an der Spitze der Streitkräfte zum Wahlkampfthema wird."

Von der Leyen habe Recht mit ihrem Befund

Die "Stuttgarter Nachrichten" geben der Verteidigungsministerin recht - zumindest teilweise. "Von der Leyen hat Recht mit ihrem Befund, dass es Führungsversagen angesichts wüster Entgleisungen gab. Und es ist ein Verdienst, dass sie dem Leitbild vom mündigen Bürger in Uniform Geltung verschafft."

Doch dann lassen die Nachrichten Kritik folgen: "Aber sie macht das unter weitgehender Missachtung der sehr vielen Unteroffiziere und Offiziere, die das täglich auch tun. So riecht ihre Verallgemeinerung ein bisschen nach Vorurteil, ein bisschen nach Profilneurose."

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Ihr Ruf könnte nachhaltig geschädigt sein

Nach Ansicht der "Stuttgarter Zeitung" fehlt es jüngeren Soldaten an Menschen, die ihnen Führung geben:

"Vor allem jüngere Offiziere sind um Mitbestimmung und Selbstreflexion bemüht, doch es fehlt an Vorbildern: Mangelnder Widerspruchsgeist zeigt sich in höchsten Offizierskreisen. Kritiker werden abgedrängt, karrierebewusste Ja-Sager steigen auf. Dies schürt das Misstrauen gegenüber den militärisch und politisch Verantwortlichen."

Die "Westfälische Nachrichten" befürchten, dass die Äußerungen der Verteidigungsministerin ihren Stand in der Truppe nachhaltig beschädigt haben:

"Ursula von der Leyen hat sich gefährlich weit aus dem Fenster gelehnt, indem sie der Bundeswehr pauschal Führungsschwäche und ein Haltungsproblem vorgeworfen hat. Das kommt bei den eigenen Leuten ganz schlecht an. Die Ministerin wird es schwer haben, die zu Recht empörten Soldaten wieder einzufangen."

Die Ministerin hat die Bundeswehr nie verstanden

Das "Straubinger Tagblatt" unterstellt von der Leyen, dass sie die Bundeswehr nie wirklich verstanden hat.

"Ursula von der Leyens offener Brief ... soll zwar Tatkraft und Entschlossenheit zum Ausdruck bringen und belegen, dass die Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt ohne Rücksicht die eklatanten Missstände in der Truppe aufklären will", schreibt das Blatt.

"Und doch offenbart das Schreiben auch, wie fremd ihr die Armee seit ihrem Amtsantritt geblieben ist, wie gering ihr Interesse am inneren Zustand der Armee bislang war und wie wenig sie sich um eine Besserung gekümmert hat."

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(ll)

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