Facebook, jetzt seid ihr zu weit gegangen

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Facebook, jetzt seid ihr endgültig zu weit gegangen | Mariana Bazo / Reuters
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Oysho heißt der Online-Shop für Mode, dessen Werbung mir gerade als erstes bei Facebook angezeigt wird.

Das ist wenig verwunderlich: Ich kaufe viel online ein, immer wieder auch Klamotten. Natürlich weiß Facebook das und zeigt mir deshalb gezielt Werbung an. Denn Facebook verfolgt meine Aktivitäten im Netz – und spielt mir passende Werbung dazu ein.

Targeting nennen das die Werbefachleute.

Facebook und auch Google haben dieses gezielte Werben fast zur Perfektion gebracht. Dafür erstellen die Tech-Giganten anonymisierte Profile der User, in denen Informationen über Alter, Geschlecht, Beruf, Wohnort und private Interessen enthalten sind.

Teenager auf Basis ihrer Emotionen bewerben

Doch nun ist Facebook zu weit gegangen. Das soziale Netzwerk soll die Gefühlswelt australischer Teenager untersucht haben - um sie auf der Basis ihrer Emotionen gezielt bewerben zu können.

So soll die Werbeabteilung des sozialen Netzwerks Unternehmen angeboten haben, gezielt Menschen zu erreichen, die sich "wertlos“ fühlen. Der australischen Zeitung “The Australian” liegen Dokumente vor, die genau das belegen sollen.

Wie das funktioniert? Mit algorithmengesteuerten Vorhersagen auf Basis des Nutzerverhaltens.

In den Datenströmen, die jeder von uns im Netz hinterlässt, erkennen Algorithmen Muster. Niemand muss also explizit sagen, wie er oder sie sich fühlt. Facebook ahnt es auch so.

Und nicht nur Facebook.

Personalisierte Werbung ist allgegenwärtig


Die US-Polizei etwa nutzt Algorithmen, um herauszufinden, wann und wo in Zukunft Verbrechen begangen werden könnten. Computer können Komplikationen bei Frühgeborenen vorhersagen, bevor sie eingetreten sind. Und Supermarktketten können mit großer Sicherheit feststellen, wann ein junges Paar ein Baby erwartet – lange noch, bevor Freunde und Kollegen davon erfahren.

Algorithmengesteuerte, personalisierte Werbung ist allgegenwärtig – und ist in vielen Bereichen durchaus sinnvoll. Warum sollte ein Mann Werbung für eine Damenbluse ansehen müssen?

Daher wäre es falsch, die Technik an sich zu verteufeln. Aber wir müssen darüber sprechen, was Werbetreibende und deren Algorithmen mit unseren Daten anstellen dürfen.

Denn wenn die Technik die wüste Gefühlswelt von Teenagern entschlüsselt und die Informationen anschließend verkauft, geht die Sache zu weit.

Mehr zum Thema: Facebook-Chef Mark Zuckerberg will das Smartphone abschaffen - das steckt hinter seinem Plan

Wir müssen über Grenzen sprechen

Es ist ein Eingriff in die Privatsphäre, der nicht nur viel zu intim, sondern auch gefährlich ist. Niemand weiß, was mit ohnehin emotional verunsicherten Jugendlichen passiert, wenn man ihre Gefühlslage auch noch ausnutzt, um Profit daraus zu schlagen.

Es ist also höchste Zeit, dass wir darüber sprechen, wie wir die heutige Technik einsetzen. Und wo wir die Grenzen setzen. Wir brauchen Regeln und feste Leitplanken dafür, welche Informationen im Netz gesammelt werden - und wie diese Daten dann eingesetzt werden.

Wir müssen uns fragen, ob es noch ethisch ist, Informationen über Gesundheit oder politische Orientierung zu nutzen, um damit Geld zu verdienen.

Unternehmen wie Facebook und Google sammeln alle Daten, an die sie kommen. Sie wissen, wer unter Depressionen leidet, wer mit einer hohen Wahrscheinlichkeit Krebs hat, wer radikaler Christ ist oder wer die AfD wählt.

Wir müssen uns endlich Gedanken machen, welche Informationen die Unternehmen am Ende verwerten dürfen und welche zu intim, zu privat sind. Selbst wenn sie nur in anonymisierten Profilen gespeichert werden.

Aufklärung der Nutzer ist die Grundlage

Wir müssen uns überlegen, ob Nutzer nicht die Wahl haben sollten, was mit ihren Daten passiert.

Grundlage dafür ist es, sie intensiv und umfassend aufzuklären. Und zwar darüber, welche Webseiten welche Daten sammeln und wofür sie die Daten dann nutzen. Und auch darüber, welche Vorteile das den Nutzern vielleicht sogar bietet.

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Es gibt schon zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Internet-Nutzer von dem ungebremsten Datensammeln die Nase voll haben. So steigt etwa die Zahl der Menschen, die Anonymisierungsfunktionen ihres Browsers nutzen.

Wir brauchen aber endlich eine Initiative, die Webseiten, die verantwortungsbewusst Daten sammeln, klar kennzeichnet. Mit einem Siegel. Wie ein Bio-Siegel für Webseiten, die besonders verantwortungsvoll mit den Informationen der Nutzer umgehen.

Keinem Ansatz ist bisher der Durchbruch gelungen

Es gibt zwar schon solche Initiativen. Zum Beispiel das von der Deutschen Post ins Leben gerufene Instituts Divsi, das sich für Vertrauen und Sicherheit im Internet einsetzen will. Oder die Selbstverpflichtung für werbetreibende Unternehmen, die das Interactive Advertising Bureau 2011 startete und die Nutzern mehr Transparenz und Kontrolle über ihre persönlichen Daten geben sollte.

Aber: Bisher ist es keiner dieser Ansätze gelungen, einen Durchbruch zu erzielen. Der Großteil der Nutzer hat noch nie etwas von ihnen gehört.

Deshalb brauchen wir ein Label, das eine starke Durchschlagkraft bekommen kann. Das bekannte Unternehmen unterstützen, das weite Verbreitung finden kann. Und von den Usern sofort erkannt wird.

Dann könnte es gelingen, das Netz zu einem besseren und sicheren Ort zu machen. Ein Ort, an dem private und intime Informationen nicht genutzt werden, um daraus Profit zu schlagen.

Und an dem mir Online-Shops trotzdem weiterhin ihre Werbungen anzeigen können.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(jg)

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