Ein junger türkischer Geiger ertrinkt auf der Flucht - sein Tod zeigt, wie weit Erdogan das Land getrieben hat

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Es ist eine dieser Nachrichten, gegen die Europa bereits abgestumpft ist.

Am 24. April kentert ein Flüchtlingsboot nördlich der Insel Lesbos. Die griechische und die türkische Küstenwache bergen 16 Leichen.

Unter den Toten sind acht Männer, sechs Frauen, zwei Kinder. Zwei Frauen überleben - eine aus dem Kongo, die andere aus Kamerun. Kein ungewöhnlicher Vorfall für die Männer der Küstenwache.

Doch einer der Toten ist kein Flüchtling.

Ein paar lokale Medien zeigen Bilder von Männern, die Mundschutz, Plastikhandschuhe und grellorangene Warnwesten tragen. Sie hieven schwarze Leichensäcke von einem Küstenwachboot auf die Pier des Hafens von Ayvacık an der Westküste der Türkei. Keine europäische Nachrichtenagentur greift das Thema auf. Kein Fernsehteam ist vor Ort.

In Istanbul hört ein Mann die Nachricht und ahnt Schreckliches. Er greift zum Telefon und ruft die Polizei an. Ob bei den Toten eine Violine gefunden wurde, fragt er? Der Polizist ist verblüfft. "Woher wissen Sie, dass eine Violine gefunden wurde?", gibt er zurück.

Tatsächlich soll einer der Toten sich an einen Geigenkasten geklammert haben. Die Mitarbeiter der Küstenwache fanden darin Notenblätter mit selbstgeschriebenen Kompositionen.

Der Mann aus Istanbul ist der ältere Bruder des Toten mit der Geige. Der Ertrunkene heißt Baris Yazgi und ist 22 Jahre alt, das jüngste von neun Geschwistern. Er war Türke und ein talentierter und angesehener Geiger.

Sein Tod erschüttert die Türkei. Und wirft ein Schlaglicht auf die Perspektivlosigkeit junger Menschen im Land des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.


Baris Yazgi ist der Geiger auf der rechten Seite

Baris war kein Bürgerkriegsflüchtling, er litt keinen Hunger, er musste nicht vor Fassbomben fliehen und er wurde nicht politisch verfolgt. Er wollte nur eines: Geige spielen. Und zwar nicht in der Türkei.

Nach Angaben der Zeitung "Vatan" lebte er mit seinen Bruder Cengiz Yazgı im Istanbuler Stadtteil Fatih. Im letzten Jahr sei er mit einem anderen Bruder Fuat Yazgi, der ebenfalls Musiker ist, nach Belgien gegangen, berichtet sein Bruder CNN Turk. Baris kehrte nach sieben Monaten zurück, während Fuat in Europa blieb.

"Er bereute es, zurückgekommen zu sein, als er die Lebensbedingungen hier sah. Er sagte, er würde zurück nach Belgien gehen", erzählt sein Bruder. In der Türkei sei er ohne Einkommen und ohne Versicherung gewesen.

Die Türkei kann Jugendlichen keine Perspektive bieten. Die Inflation liegt zwischen 7,5 und 8,5 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei 10 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit sogar bei 24 Prozent. Terroranschläge, der Putschversuch und die darauf folgenden Enteignungen haben die ausländischen Investitionen zurückgehen lassen.

Im ersten Quartal 2017 hat das Einkommen aus dem Tourismus um 17,1 Prozent auf 3,34 Milliarden Dollar abgenommen. Bereits im ersten Quartal 2016 war ein Rückgang um 16,5 Prozent verzeichnet worden.

Dazu kommt das von der Regierung verbreitete Klima der Repression. Erst am vergangenen Samstag wurden mehr als 3900 Staatsbedienstete per Dekret entlassen. Unter ihnen seien Juristen, Militärs und Wissenschaftler, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Baris wollte weg. Nach Angaben des Journalisten Çağdaş Ulus von der Zeitung "Vatan" habe Baris zwei Mal ein Visum für die EU beantragt, sei aber abgelehnt worden.

Also suchte er sich einen anderen Weg nach Europa. Er arbeitet an der Rezeption eines Hotels, spart das Geld, um Schleuser zu bezahlen. In Çanakkale habe er Männer getroffen, die ihm sagten, sie könnten ihn nach Belgien bringen.

"Wir haben ihn gefragt: ’Warum willst du gehen' Wir waren dagegen. Besonders meine Mutter übte Druck auf ihn aus." Doch Baris habe nur gesagt: "Ich gehe nach Europa", sagt sein Bruder.

Eines Tages sei er verschwunden.

Sein Traum endete in der Ägäis. Die Familie holte seinen Körper ab. Zu der Beerdigung in Istanbul kamen viele seiner Musiker-Freunde.

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(pb)