Wie Nordkorea China mit einem neuen Raketentest provoziert - und der große Nachbar machtlos scheint

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NORTH KOREA
A soldier salutes from atop an armoured vehicle as it drives past the stand with North Korean leader Kim Jong Un during a military parade marking the 105th birth anniversary of country's founding father Kim Il Sung, in Pyongyang April 15, 2017. The man is wearing the uniform of a North Korean tank commander. His pose, the direction he is looking and the flags of both the ruling Workers’ Party of Korea and the Korean People’s Army on the vehicles are deliberately placed to evoke the com | Damir Sagolj / Reuters
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  • Die alte Verbundenheit ist in Feindseligkeit umgeschlagen: Pekings Geduld mit Nordkorea ist am Ende
  • Mit einem neuen Atomtest würde Machthaber Kim Jong Un eine "rote Linie" überschreiten - mit schwerwiegenden Folgen für ihn

So schlecht waren die Beziehungen noch nie. Von Chinas gutem Verhältnis zu Nordkorea, das der "große Steuermann" Mao Tsetung einst als "so nah wie Lippen und Zähne" beschrieben hat, ist kaum noch etwas übrig.

Nach außen bedient sich Peking zwar diplomatisch zurückhaltender Sprache, aber hinter den Kulissen und unter Chinas Fachleuten gilt die historische Freundschaft als längst überholtes Überbleibsel des Kalten Krieges. Das Zerwürfnis ist beträchtlich.

"Nordkorea ist Chinas latenter Feind - und Südkorea könnte Chinas Freund sein", sagte der renommierte Historiker und Nordkorea-Experte Shen Zhihua in einer viel beachteten Rede. Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Seoul 1992 und der wirtschaftlichen Kooperation mit dem Süden Koreas habe sich alles geändert.

Das Verhältnis zum Norden habe sich damit zunächst normalisiert, sei dann aber sogar in "Feindschaft" umgeschlagen, stellte der Experte fest.

Ende der Waffenbruderschaft

Die Bruderschaft aus dem Korea-Krieg (1950-53), als China an Nordkoreas Seite gegen Südkorea und die USA gekämpft hatte, sei lange vorbei. Der Beistandspakt von 1961, der China noch heute zur Hilfe verpflichtet, ist aus Sicht von Shen Zhihua "ein Stück Altpapier".

"Dass Nordkorea sich nukleare Waffen zulegt und ständig Atomversuche abhält, ist die Grundursache für diese ständig schlimmer werdende Krise auf der koreanischen Halbinsel", sagt Shen Zhihua. "Wir müssen klar sehen, dass China und Nordkorea nicht mehr Waffenbrüder sind."

Die Antipathie erscheint gegenseitig: So soll Machthaber Kim Jong Un einen angestrebten Besuch von Chinas Chefunterhändler Wu Dawei in Pjöngjang abgelehnt haben - was als Affront gewertet werden kann. Ebenso ist der neue Raketentest am Samstag ein Schlag ins Gesicht für Peking, das eindringlich vor solchen "Provokationen" gewarnt hatte.

Jetzt blicken US-Präsident Donald Trump und der Rest der Welt mit großen Erwartungen auf China, den Druck zu erhöhen, um Kim Jong Un von einem befürchteten neuen Atomtest abzuhalten und "zur Vernunft zu bringen".

Öl-Entzug als letzte Maßnahme

80 Prozent des Außenhandels gehen über den großen Nachbarn. Seit Februar kauft China schon keine Kohle mehr aus Nordkorea und trocknet so eine wichtige Einnahmequelle aus - nach Schätzungen 40 Prozent der Deviseneinnahmen. Auch schränken Chinas Banken nach unbestätigten Berichten ihre Kooperation mit Nordkorea ein.

"Öl ist die letzte Maßnahme", sagt der Professor und Nordkorea-Experte Jin Qiangyi von der Yanbian Universität in der Grenzprovinz Jilin.

"Solange Nordkorea aber nicht den sechsten Atomtest unternimmt, wird China nicht dazu greifen." So liefert China außer Rohöl auch Benzin und Diesel, wenn auch seit ein paar Jahren schon kein Kerosin mehr für Flugzeuge. Eine Verringerung oder gar ein Stopp der Lieferungen würde Nordkorea eine Lebensader abschnüren.

Pekings Dilemma

Peking steckt hier aber in einem Dilemma: Zwar will China keine Atomwaffen in Kim Jong Uns Händen sehen, fürchtet aber auch einen Kollaps des armen Nachbarn mit Millionen von Flüchtlingen und unkalkulierbaren Folgen wie einer zwangsweisen Wiedervereinigung beider Koreas mit US-Truppen an der chinesischen Grenze.

Diese Sorgen werden nur von der Angst vor einem ausgewachsenen neuen Korea-Krieg übertroffen, der laut Diplomaten in Peking verheerende Zerstörungen auslösen und "Millionen von Toten" zur Folge hätte.

Ein militärisches Vorgehen kann deswegen eigentlich auch keine Option sein - trotz des Säbelrasselns der USA mit Flugzeugträger und Raketen-U-Boot.

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"Es herrscht totale Ratlosigkeit"

Eine Lösung des Konflikts ist so weit entfernt wie nie. "Es herrscht totale Ratlosigkeit", sagt ein westlicher Diplomat in Peking.

"Ich weiß auf chinesischer Seite niemanden, der eine gute Idee hätte." Chinas Vorschlag eines "zweigleisigen Vorgehens", dass Nordkorea die Aktivitäten seines Atom- und Raketenprogramms aussetzt und im Gegenzug die USA und Südkorea ihre Militärmanöver einstellen, verhallte auf beiden Seiten beinahe ungehört.

Aber Sanktionen allein können das Problem auch nicht lösen. China kann zwar die Schrauben enger ziehen, aber diplomatisch müssten die beiden Hauptkontrahenten USA und Nordkorea irgendwie aufeinander zugehen, wenn die Lage entschärft und ein neuer Dialog aufgenommen werden soll.

Das meinte Chinas Außenamtssprecher Geng Shuang wohl, als er sagte: "Wir halten nicht den Schlüssel zur Lösung des Nordkorea-Problems in den Händen."

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