Dank Trump diskutieren wir wieder, was eine freiheitliche Gesellschaft ausmacht

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Danke, Donald Trump: Sie haben mehr für die Demokratie getan, als man jemals hätte erwarten können! | Getty
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Lieber Donald Trump!

Einhundert Tage sind Sie nun im Amt. Und es wird endlich Zeit, Ihnen zu danken.

Dafür, dass Sie Ihre wahren Absichten im Umgang mit muslimischen Einwanderern nicht verborgen haben.

Dafür, dass Sie und Ihr Pressesprecher Sean Spicer so deutlich gezeigt haben, was Sie von Wissenschaftlern und „Mainstream-Medien“ halten.

Dafür, dass Sie den Bau einer Mauer an der mexikanischen Grenze so konsequent vorantreiben.

Im Ernst: Ganz Europa ist Ihnen zu größtem Dank verpflichtet.

Ohne diesen himmelschreienden Unsinn, den Sie in den ersten 100 Tagen Ihrer Präsidentschaft verzapft haben, würden auf unserem Kontinent immer noch so viele Menschen wie im Jahr 2016 glauben, dass rechtsradikale Panikmacher tatsächlich eine Antwort darauf hätten, wie die Zukunft dieses Kontinents aussieht.

Sie reden wie ein versetzungsgefährdeter Neuntklässler

Wie euphorisch haben sich Ihre Anhänger im November 2016 gefreut, dass es da jemand mal den „Eliten“ gezeigt hat. BÄM!

Die bemitleidenswerte Frauke Petry war sich nicht zu schade, Ihnen auf Twitter wie ein Fangirl zuzujubeln. Es gab tatsächlich Menschen in Europa, die dachten, dass Ihr Amtsantritt eine Art Revolution auslösen würde.

Und Sie, Donald Trump, milliardenschwerer Held der Unterdrückten, turbokapitalistischer Schutzpatron der Globalisierungsverlierer? Geben Interviews, in denen Sie wie ein versetzungsgefähredeter Neuntklässler vor sich hinbrabbeln. Vergeigen einfache Gesetzesvorhaben, engagieren sich mit Stephen Bannon einen Chefberater, der offen von einem Systemumsturz phantasiert.

Ganz zu schweigen von Michael Flynn, dieser Null in Uniform, dessen lebhafte Konversationen mit Vertretern des Kremls Ihnen noch ein Amtsenthebungsverfahren einbringen könnten. Ganze drei Wochen konnte sich Flynn als Ihr persönlicher Sicherheitsberater halten. Das ist ungefähr so lange, wie Rekruten bei der Bundeswehr-Grundausbildung brauchen, bis sie das erste Mal eine scharfe Waffe in die Hand nehmen dürfen.

Jeder merkt jetzt, was für ein Quatsch "Denkzettelwahlen" sind

Sie hetzen die politischen Lager gegeneinander auf, verbreiten Unwahrheiten über angebliche Wahlmanipulationen, streichen der Klimaforschung das Geld. Die Frauen-Märsche nach Ihrer Amtseinführung haben mehrere Million Menschen auf die Straße gebracht. In jeder größeren amerikanischen Stadt haben Menschen gegen Ihre Politik protestiert. Und da waren sie gerade einmal einen Tag im Amt.

In wenigen Wochen haben Sie es geschafft, dass sich die halbe Welt vor Ihrer sonderlichen Revolution fürchtete. Sogar der dystopische Klassiker „1984“ von George Orwell hat es Ihretwegen wieder zurück in die Bestsellerlisten geschafft.

Jeder, der sich auf den Pegida-Märschen in Deutschland oder auf den Geert-Wilders-Kundgebungen in den Niederlanden noch nicht den letzten Rest an Realitätssinn aus der Rübe gegrölt hat, sieht nun, welche Konsequenzen es haben kann, „denen da oben“ einen „Denkzettel“ auszustellen.

Die Freiheit kann sehr schnell verschwinden

Wahlen sind in einer Demokratie kein massendynamischer Grenzerfahrungstrip für Leute, die mal testen wollen, wie weit sie gehen können. Wenn es so weit kommt, ist es nämlich sehr bald mit demokratischen Verhältnissen vorbei. Und womöglich schon bald danach mit der Demokratie. Genau das konnten wir aus den vergangenen 100 Tagen lernen.

Und das Beste ist: Die Botschaft scheint auch angekommen zu sein. Mittlerweile kommt die AfD nur noch auf Umfrageergebnisse zwischen sieben und zehn Prozent. Anders gesagt: Sie hat binnen Wochen gut 40 Prozent ihrer Anhängerschaft verloren. Frau Petry dürfte Sie mittlerweile verfluchen.

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Gut möglich, dass Ihnen auch der niederländische Rechtsradikale Geert Wilders seinen Absturz auf gut 13 Prozent der Stimmen bei den Parlamentswahlen im März zu verdanken hat. Und Marine Le Pen? Die kam vor Ihren Amtsantritt in den Umfragen zum ersten Wahlgang bei der französischen Präsidentschaftswahl auf knapp 30 Prozentpunkte. Gelandet ist sie im April bei weniger als 22.

Und das Beste ist: Wir reden endlich wieder über Demokratie. Über den Wert der Freiheit, über die Gefahr, in der demokratische Errungenschaften ständig stehen.

Vor ein paar Jahren haben die Menschen noch müde darüber gelächelt, wenn mal wieder jemand gesagt hat, dass „Freiheit jeden Tag aufs Neue verteidigt“ werden müsse. Jetzt merkt jeder, wie schnell das alles gehen kann. Nicht nur in Ländern wie Polen oder Ungarn. Sondern auch in einem der reichsten Länder der Welt, dessen Präsident mit einem Knopfdruck ein atomares Inferno entfesseln kann.

In vielen Städten des Kontinents gehen jetzt sogar Menschen für Europa auf die Straße. Wer hätte das gedacht. Und auch die Abonnentenzahlen von US-Medien steigen wieder. Das ist wahrlich phänomenal.

Danke, Mr. Trump. Sie haben mehr für die Demokratie getan als jeder Sonntagsredner.

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(mf)