"Komplettversagen aller Kontrollmechanismen" - Wie das Doppelleben von Soldat Franco A. das Asylsystem in Verruf bringt

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"Komplettversagen aller Kontrollmechanismen" - Wie das Doppelleben von Franco A. das Asylsystem in Verruf bringt | dpa
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  • Bundeswehrsoldat Franco A. hat die Behörden als Flüchtling getarnt über Monate zum Narren gehalten
  • Sein Doppelleben wirft viele Fragen auf - und bringt das Asylsystem in Verruf

Ungläubig tritt der SPD-Bundestagsabgeordnete Burkhard Lischka am Freitag nach der Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums vor die Kameras:

"Es gibt Geschichten, wenn ein Autor damit zu einem Verlag gehen würde für einen Fantasy-Roman - die sind vielleicht so überzeichnet, dass solche Geschichten durch einen Verlag abgelehnt würden"

"In der Realität ist das manchmal anders." Er spricht von Franco A.: Ein fremdenfeindlicher Soldat, der ein Doppelleben als syrischer Flüchtling führte, womöglich einen Anschlag geplant hatte.

Die mit dem Fall betrauten Ermittler hätten bei ihren Recherchen dermaßen gravierende Fehler in der Bearbeitung des fingierten Asylantrags festgestellt, dass intern bereits von einem "Komplettversagen aller Kontrollmechanismen" die Rede sei. Das berichtet "Spiegel-Online".

Doch wie schaffe es Franco A. sich so einfach als Flüchtling auszugeben - und sogar Leistungen zu erhalten?

Der Oberleutnant meldet sich Ende 2015 bei der Polizei in seiner Heimatstadt Offenbach als Flüchtling. Er wird in die Erstaufnahmeeinrichtung Gießen-Meisenbornweg geschickt, Anfang 2016 der bayerischen Erstaufnahmestelle in Zirndorf zugewiesen.

Erst im Mai 2016 stellt Franco A. seinen regulären Asylantrag. Zu diesem Zeitpunkt und noch einmal im November letzten Jahres wird er vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) befragt.

Franco A.: Obstverkäufer aus Damaskus

Problemlos schlüpft er dazu in die Rolle eines Obstverkäufers aus Damaskus, der der christlichen Minderheit angehöre. Medienberichten zufolge nennt er sich "David Benjamin".

Die nur rudimentären Arabischkenntnisse erklärt er damit, dass er in einer französischstämmigen Kolonie in Damaskus aufgewachsen sei.

Laut "Spiegel Online" tischte Franco A. den Asylentscheidern auf, dass er das Gymnasium Mission Laïque Française besucht habe und deshalb kaum Arabisch spreche.

► Deutlich wird auch: Bei der Prüfung wurden grundsätzliche Standards missachtet. Laut Ermittlern soll die marokkanische Dolmetscherin des Bamf sofort ins Französische gewechselt haben. Eine Einordnung des Mannes und seines Akzents auf Arabisch war somit nicht möglich.

► Weiterer Fehler: Franco A. habe laut "Spiegel Online" angegeben, sich vor der Einberufung als Soldat für die syrische Armee gefürchtet zu haben. Doch eine tiefer gehende Überprüfung fand nicht statt, beispielsweise ob bereits ein Einberufungs-Bescheid vorlag. Ebenso seien Nachfragen zum Tod seines Vaters durch die Terrormiliz IS ausgeblieben.

► Festzuhalten bleibt auch, dass der Asylantrag nicht in der Hochphase der Flüchtlingskrise, als das Bamf im Sommer 2015 heillos überlastet war, stattfand. Darauf weist das Innenministerium sogar selbst hin.

Franco A. bekommt als Soldat Sold - und nebenbei Leistungen als Flüchtling

Letztendlich hält das Bamf die Geschichte von Franco A. für glaubwürdig. Bereits einen Monat nach der letzten Befragung wird er als Flüchtling registriert, erhält einen Platz im Heim. Und bezieht neben seinem Soldatensold Leistungen als Flüchtling.

Während der Unterbringung "verhielt er sich unauffällig und war erreichbar, Behördentermine nahm er wahr", berichtet das bayerische Ministerium für Integration.

Aber wie er dieses unfassbare Doppelleben - zwischen Dienstpflichten als Soldat, der im französischen Illkirch stationiert ist, und Flüchtlingsalltag - führen konnte, ist noch unklar.

Ebenso ist bislang offen, warum sich der 28-Jährige überhaupt als Flüchtling ausgab. Er schweigt bislang. Die Hinweise auf einen Anschlag verdichteten sich bisher nicht.

Allerdings gibt es zwei Vermutungen:

► Einerseits bestätigten Sicherheitskreise unter vorgehaltener Hand, dass Franco A. einen Anschlag verüben wollte, um ihn Asylbewerbern in die Schuhe zu schieben und so Ressentiments gegen Flüchtlinge zu schüren. Bewiesen ist das nicht.

► Andererseits könnte Franco A. auch nur versucht haben, die lasche Überprüfung des Bamf von Flüchtlingen bloßzustellen, um es anschließend zu offenbaren. Dafür würde sprechen, dass es nach Informationen von "Spiegel Online" A.s Traum gewesen sei, Journalist zu werden.

Ziemlich sicher ist hingegen, dass der Mann von Fremdenhass getrieben wird. In Sprachnachrichten mit seinem mutmaßlichen Komplizen offenbart er seine rechtsextreme Gesinnung.

Keine "anlasslose Überprüfung aller Asylbescheide"

Aufgrund der Brisanz des Falles wollen das Bundesinnenministerium und das Bamf "jetzt jeden Stein umdrehen".

Die Ämter wollen herausfinden, wie es zu einer solchen Fehlentscheidung kommen konnte, sagte ein Sprecher des Innenministeriums am Freitag in Berlin.

Er betonte auch, für eine "anlasslose Überprüfung aller Asylbescheide" gebe es hingegen keine rechtliche Grundlage".

(Mit Material von dpa)

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(pb)