POLITIK
28/04/2017 12:00 CEST | Aktualisiert 28/04/2017 13:37 CEST

Wo ist Martin Schulz? Die riskante Wahlkampfstrategie des SPD-Kandidaten

Ina Fassbender / Reuters
European Parliament President Martin Schulz delivers a speech after receiving the Charlemagne Prize 2015 in Aachen, Germany May 14, 2015. Schulz was awarded with the "Karlspreis" for merits that he has contributed towards steadily stabilizing the euro currency union and to overall European unity. REUTERS/Ina Fassbender

  • Wo ist eigentlich Martin Schulz?

  • Der SPD-Kanzlerkandidat war wochenlang allgegenwärtig

  • Jetzt ist er aus der Bundespolitik abgetaucht - eine riskante Strategie

Wo ist eigentlich Martin Schulz?

Während Kanzlerin Merkel gestern in einer Regierungserklärung über Brexit und die Türkei redete, tauchte der SPD-Kanzlerkandidat im Landtagswahlkampf. Sein Kalender gestern, exemplarisch:

10:45 Uhr: Martin Schulz besucht Ausbildungs- und Qualifizierungszentrum in Oberhausen

12.50 Uhr: Martin Schulz lädt nach einem Gespräch mit Vertreterinnen aus dem Einzelhandel bei ver.di zu einem Statement ein

16.00 Uhr: Martin Schulz spricht ein Grußwort beim Stadtteilfest auf einem Spielplatz in Hamm-Heessen

18.30 Uhr: Martin Schulz und der SPD-Fraktionsvorsitzende im nordrhein-westfälischen Landtag Norbert Römer, MdL, sprechen bei einer Abendveranstaltung auf Einladung der SPD im Kreis Soest

So geht das nun schon seit Wochen. Schulz hat sich für den Haustür-Wahlkampf entschieden, nicht für die Bundespolitik. Er zog ohne Ministeramt in die Bundestagswahl, weil er nicht mit der Großen Koalition in Verbindung gebracht werden wollte. Dafür verzichtet er aber auf ein Rederecht im Bundestag und politische Bühne, die er als Außenminister gehabt hätte.

Das könnte sich jetzt rächen.

Während er von im Norden und Westen von Wahlkampftermin zu Wahlkampftermin hetzt, überlässt er seiner Konkurrentin Merkel und Sigmar Gabriel die bundespolitische Bühne.

Die "Frankfurter Allgemeine" attestiert Schulz in einem Kommentar gar einen Ausfall auf bundespolitischer Ebene.

"Schulz ist gewiss fleißig. Er reiht Wahlkampftermin an Wahlkampftermin, er füllt große und kleine Hallen, er erzählt dabei Geschichten aus seinem Leben sowie über das Deutschland, das er sich vorstellt. Nur in Berlin findet der Kanzlerkandidat nicht statt. Als bundespolitischer Akteur ist Schulz derzeit eher ein Ausfall."

Ähnlich sieht es die "Süddeutsche Zeitung". Sie rät Schulz, sich zu einer Koalitionsaussage hinreißen zu lassen. "Je länger zudem das Duo Merkel/Gabriel harmoniert, desto schwerer wird für Schulz ein Wahlkampf gegen die große Koalition", kommentiert die Tageszeitung. Und weiter:

"Das gilt umso mehr, weil die SPD schon jetzt in zwei Lager fällt: ein rot-rot-grünes und ein Ampel-Lager, das mit der FDP regieren will. Dazu mal ein klärendes Wort zu sagen wäre Schulz übrigens als Parteichef durchaus berufen. Und öffentliches Interesse wäre ihm auch gewiss."

Schulz ist quasi zu einem Phantom geworden. Seit der anfänglichen Gerechtigkeitsdebatte konnte er keine inhaltlichen Impulse mehr setzen. Zwar will er zwischen Wahlen im Mai eine Grundsatzrede zur Wirtschaftspolitik in Berlin halten.

Mit dem Programm lässt sich die SPD aber bis Sommer Zeit. Daraus kann man ihr keinen Vorwurf machen - doch sie muss sich die Frage gefallen lassen, wie sie die neugewonnen SPD-Anhänger bis dahin bei Laune hält.

Der Schulz-Effekt ist verpufft

Denn der Schulz-Effekt ist größtenteils verpufft.

In den Umfragewerten stagniert die SPD. Und Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sind zwei Ministerpräsidentenposten in Gefahr. In beiden Bundesländern ist die CDU in Umfragen den Sozialdemokraten gefährlich nahe gekommen.

Mit seinem bundespolitischen Leerlauf geht Schulz also ein großes Risiko ein. Er pokert hoch - und könnte am Ende verlieren.

Wie viel wichtiger den Deutschen das Programm und nicht die Show bei der Wahlentscheidung ist, zeigte kürzlich eine YouGov-Umfrage der HuffPost.

Auf die Frage: "Was ist Ihnen bei der Wahlentscheidung für die verschiedenen Parteien grundsätzlich wichtiger?" antworteten nur 14 Prozent, dass "vor allem" oder "eher" der Spitzenkandidat den Ausschlag gebe. 44 Prozent hingegen gaben an, dass es ihnen auf das Wahlprogramm ankomme.

Das weiß auch Schulz.

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(lp)

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