POLITIK
28/04/2017 10:33 CEST | Aktualisiert 28/04/2017 10:33 CEST

Kreml-Kritiker auf dem Weg zu Wahlkampf-Veranstaltung mit Chemikalie angegriffen

Twitter
Dieses Bild zeigt, wie gefährlich Putin-Kritiker in Russland leben

  • Putin-Gegner Nawalnij ist auf dem Weg zur ersten Wahlkampf-Veranstaltung attackiert worden

  • Der Chemikalien-Angriff steht symptomatisch für eine besorgniserregende Entwicklung in Russland

Putin-Gegner leben gefährlich in Russland. Alexej Nawalnij wurde jetzt in Moskau erneut attackiert. Ein Unbekannter spritzte dem Hoffnungsträger der Opposition auf dem Weg zu seiner ersten großen Wahlkampfveranstaltung eine Chemikalie ins Gesicht, als er in sein Auto einsteigen wollte

Die Flüssigkeit geriet auch in Nawalnijs Auge, er musste deswegen im Krankenhaus behandelt werden. Die Diagnose: „Chemische Verbrennung des Auges.“ Er habe Schmerzen, sein Auge brenne und er könne es nicht öffnen, berichtet der 40-jährige Anwalt, der als Blogger bekannt wurde.

Die Attacke erfolgte am Donnerstag direkt vor Nawalnijs "Stiftung für die Bekämpfung der Korruption“ unweit der Metrostation "Awtosawodskaja“ in Moskau.

Mehr zum Thema: HuffPost-Autor berichtet: "So verlief mein absurder Besuch in einer russischen Talkshow

Auch Nawalnijs Auto wurde beschädigt. Die Polizei weigerte sich, Überwachungs-Kameras eines Business-Centers sicherzustellen, die den Angriff aufgezeichnet haben, beklagten Mitstreiter.

Nawalnijs Enthüllungen machen ihn zum Staatsfeind

Nawalnij hatte in den vergangenen Monaten für Schlagzeilen gesorgt mit Enthüllungen über sagenhafte Reichtümer von Premierminister Dmitrij Medwedew, einem engen Putin-Vertrauten. Medwedews Beliebtheitswerte fielen daraufhin rasant.

Diese Enthüllungen waren auch der Auslöser für die landesweiten Protestaktionen, bei denen Ende März mehr als Zehntausend Menschen auf die Straße gingen. Die Polizei ging mit brutaler Gewalt gegen die Demonstranten vor, darunter auffallend viele Schüler und Studenten.

Nawalnij wurde wegen der Proteste in einem Schauprozess zu fünfzehn Tagen Arrest verurteilt. Er gilt als Kreml-Gegner Nummer eins.

Bei den Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr will der charismatische Anti-Korruptions-Kämpfer den Präsidenten herausfordern. Die Opposition glaubt, dass Putin seine Kandidatur um jeden Preis verhindern will.

Die Angriffe scheinen System zu haben

Bereits Mitte März gab es einen Ähnlichen Angriff auf den Moskauer Anwalt: Auch damals wurde er wie jetzt in Moskau mit "Seljonka“ bespritzt. Die Chemikalie mit der deutschen Bezeichnung "Brillantgrün“ ist ein Triphenylmethanfarbstoff und laut EU-Gefahrstoffkennzeichnung gesundheitsschädlich.

Dennoch wird „Brillantgrün“ in Russland noch als Desinfektionsmittel verwendet. Es färbt die Haut für längere Zeit giftgrün. Wenn es zu Attacken verwendet wird hat es neben der Gesundheitsgefahr insbesondere für die Augen einen stigmatisierenden Charakter.

Attacken mit Chemikalien, Fäkalien und Prügeln auf Kreml-Kritiker sind in Russland an der Tagesordnung. Die Opposition sieht dahinter regierungsnahe Organisationen; die Polizei ermittelt in der Regel nur pro forma und lässt die Angreifer oft demonstrativ gewähren.

Der nur noch via Internet und einige regionale Anbieter ausgestrahlte kritische russische TV-Sender Doschd“ berichtete Mitte April, der Kreml habe eine Diskreditierungs-Kampagne gegen Nawalnij gestartet.

Obskures Video soll den Regimegegner bloßstellen

Im Internet erschien ein obskures Video mit dem Titel: "Hitler 1945. Nawalny 2018 – Wir können es wiederholen.“

Es zeigt den Oppositionsführer in Hitler-Uniform in einem Spalier aus SS-Männern mit Hakenkreuzstandarten. Dabei streckt er den rechten Arm aus, und sein Gesicht verwandelt sich in einen Totenkopf. Hinter dem Video steckt offenbar der Propaganda-Apparat des Kremls.

Auch an Schulen und Universitäten machen Lehrer und Dozenten Stimmung gegen Nawalnij, klagt die Opposition. Dies geschehe offenbar auf Anweisung von oben.

In den staatlich gesteuerten Medien wird der Oppositionelle totgeschwiegen. Talkshows-Gäste werden ermahnt, seinen Namen nicht zu nennen.

Die Gewalt nimmt zu

In der südrussischen Stadt stürmten kürzlich Männer in Kosakenuniformen Nawalnijs Wahlkampfbüro, bewarfen seine Anhänger mit Eiern und Mehlbeuteln und attackierten sie mit Fäusten und Stühlen.

Nawalnijs Bruder Oleg, Vater zweiter kleiner Kinder, sitzt nach einem Schauprozess eine mehrjährige Haftstrafe ab.

Kreml-Kritiker sagen, er sei eine Art Geisel und die Haftbedingungen würden regelmäßig genau dann verschärft, wenn sein Bruder besonders lautstark die Regierung kritisiert.

Nawalnij ist wegen nationalistischer Aussagen in der Vergangenheit auch innerhalb der Opposition nicht unumstritten.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Sponsored by Trentino