Spahn und Nahles diskutieren bei "Illner" mit Bürgern über den Arbeitsmarkt - und lernen Erstaunliches

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SPAHN NAHLES
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Diese "Maybrit Illner"-Sendung war keine Talkshow wie jede andere. Statt einer Sofa-Runde aus fünf Gästen gab es diesmal nur zwei Gesprächspartner: Andrea Nahles, die SPD-Bundesarbeitsministerin, und Jens Spahn, CDU-Politiker und Staatssekretär im Finanzministerium.

Die beiden Politiker trafen auf Bürger, die ihn von ihrem Problemen am Jobmarkt erzählten. Arbeitslose, Alleinerziehende, Selbstständige. Es wurde eine überraschend intensive Sendung. Nicht nur Zuschauer lernten viel - sondern auch Nahles und Spahn.

Gegen Ende der Sendung kam es noch zu einem kuriosen Treffen: Der CDU-Politiker Spahn traf zufällig auf seine Frisörin - ein Aufeinandertreffen, das von der Redaktion offenbar nicht inszeniert wurde.

Ralf von Pradzynski, 58, gelernter Fernmeldehandwerker, verlor nach 23 Jahren Festanstellung seinen Job. Jetzt beklagt er sich über die um sich greifende Zeitarbeit.

"Der klassische Arbeitsmarkt kippt durch Zeitarbeit weg", sagt er .

Es würde von Unternehmen versucht, die tariflichen Arbeitsplätze auf Teilzeitarbeiter zu übertragen. Er dagegen will keine schlecht bezahlte Zeitarbeit akzeptieren und sucht einen Vollzeitjob. Dafür gab es Lob von Nahles. "Man muss nach zwei Monaten nicht gleich die Flinte ins Korn werfen.“ Spahn dagegen verteidigt die Zeitarbeit: Flexibilität am Arbeitsmarkt sei wichtig.

"Zeitarbeit ist eine Chance, in ein Arbeitsverhältnis zu kommen
", so der Politiker. Von Pradzynski wirkt nicht überzeugt.

Maik Sosnowsky, 37, Blut-Bote der Berliner Charité, stockt mit Hartz IV auf. Er beschwert sich über miese Tricks beim Outsourcing.

Er wurde von der Berliner Klinik in eine Tochterfirma "outgesourct", wie es auf Neudeutsch heißt. Immer wieder würde er miterleben, dass Firmen Zeitarbeiter "Karussell" fahren lassen.

Nach dem Gesetz müsse die den Angestellten nach neun Monaten den vollen Lohn zahlen. Doch den befristeten Angestellten würde rechtzeitig gekündigt, damit ihnen nicht der gleiche Lohn wie den Festangestellten gezahlt werden müsse.

Nahles greift Spahn an: Deshalb habe sie sich eingesetzt, dass bei Zeitarbeit der gleich Lohn schon ab dem ersten Tag gelten soll. "Doch das ist in der Koalition nicht zu machen." Soll heißen: Die CDU ist Schuld. Spahn gibt den Schwarzen Peter zurück:

"Die Charité ist eine öffentliche Einrichtung in einer Stadt mit rot-rot-grünem Senat. Das ist unmöglich."

Illner kommentiert: "Das mussten sie jetzt sagen"

Christel Wellmann, 58, Gebäudereinigerin, hat drei Jobs, verdient unter Hartz IV-Niveau. Sie berichtet, wie Firmen den Mindestlohn unterlaufen.

Die Gebäudereinigerin bekommt 1000 Euro netto. Spahn stellt überrascht fest, dass es für sie besser wäre, Hartz IV zu beziehen: "Wer drei Jobs hat und malocht, muss mehr verdienen, als jemand, der nicht arbeitet." Doch sie sagt: "Ich liebe meine Arbeit."

Auch Wellmann berichtet von miesen Tricks. Ihre Firma schreibt den Frauen vor, dass sie in einem Hotel 20 Zimmer in acht Stunden reinigen müssen. Schaffen sie das nicht, wird der Lohn gekürzt. Pausen sind nicht drin. So wird noch der Mindestlohn unterschritten.

"Der Mindestlohn wird so ausgehebelt, dass er im Grunde genommen nicht zu bekommen ist."

Nahles ist empört: "Das ist ein richtiger Rechtsbruch. Ein Fall für die Kontrolle. Da ist der Zoll zuständig."

Allerdings muss sie zugeben, dass dies Wellmann erstmal nicht helfen wird. Illner stichelt bei Spahn: "Kommen sie wieder mit dem Argument der Flexibilisierung?" Dem fällt erstmal nichts ein.

Lily Sandberg, selbständige Friseuse, zahlt Angestellte über Tarif - weil es sich für sie lohnt

Sandberg führt einen Friseursalon mit drei Angestellten im Prenzlauer Berg in Berlin. Bei ihr kostet ein Herren-Schnitt 28 Euro, eine für Frauen 41 Euro . Sie zahlt ihre Angestellten übertariflich - und das macht sich für sie bezahlt.

Spahn runzelt die Stirn: "Ich glaube, ich war schon mal bei Ihnen", sagt er. "Ja, Sie kommen mir auch irgendwie bekannt vor." Jetzt wissen wir, wie viel Spahn für einen Haarschnitt zahlt.

Christine Finke, Autorin, hat drei Kinder - und wird als Alleinerziehende am Jobmarkt benachteiligt.

Finke arbeitet als selbstständige Autorin, weil sie kein Hartz IV beziehen will. Sie ist gut ausgebildet, bekommt aber aufgrund ihrer Kinder keine Anstellung. Sie sieht "Elterbenachteilung" auf dem Arbeitsmarkt.

"Die Arbeitgeber sehen mich als unkalkulierbares Risiko."

"Nicht alle sind faul - und nicht alle fehlen wegen kranker Kinder", sagt sie über Alleinerziehende.

Fink fordert anonyme Bewerbungen und sogar eine Alleinerziehenden-Quote für Unternehmen. Außerdem schlägt sie vor, dass Männer, die keinen Unterhalt zahlen, Sozialstunden leisten müssten. Die Idee kommt bei Spahn und Nahles gut an: Wieder was gelernt.

Ein Problem ist für sie die Aufsicht über die Kinder. So dürfe wegen des Jugendschutzes ihre 16-jährige Tochter nach 20 Uhr nicht mehr auf die jüngeren Geschwister aufpassen.

Das hatte der Politiker Spahn noch nie gehört - und fragt irritiert seine Kollegin: "Haben wir das beschlossen? Wenn wir das beschlossen haben, müssen wird das ändern."

Man lernt eben nicht aus.

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(lp)

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