"Ich habe mir gewünscht, dass dieses Herz aufhört zu schlagen": Ein Kinderherzchirurg berichtet über seine Arbeit

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"Ich habe mir gewünscht, dass dieses Herz aufhört zu schlagen": Ein Kinderherzchirurg berichtet über seine Arbeit | sturti via Getty Images
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René Prêtre arbeitet als Chef der Kinderherzchirurgie an den Universitätskliniken in Genf und Lausanne in der Schweiz. Der 60-Jährige hat laut eigener Aussage zwischen 5000 und 6000 Kinderherzen operiert. In der HuffPost schreibt er über seinen Alltag im Krankenhaus - und darüber, welche Fälle ihm besonders in Erinnerung geblieben sind.

Das Herz, ist das, was wie wild in unserer Brust schlägt, wenn wir unsere erste große Liebe treffen.

Das Herz ist das, was wir hören, wenn wir mit dem Kopf auf dem Kissen liegen und seine regelmäßigen Schläge uns Sicherheit geben.

Das Herz ist das, was uns durch sein Pulsieren und seinen sich ändernden Rhythmus bewusst macht, dass wir leben.

"Ich stoppe jeden Tag die Schläge"

Und das Herz ist das, dessen Schläge ich jeden Tag für einige Zeit stoppe - manchmal für mehrere Stunden - um es zu reparieren.

Und es ist das Herz, das ich später wieder zum Schlagen bringe - häufig stärker als es vorher war, so dass es seine Aufgaben wieder übernehmen kann.

Ich bin Herzchirurg und spezialisiert auf Geburtsfehler. Sprich, ich arbeite mit Kinderherzen, manchmal auch mit den Herzen von Neugeborenen.

Den Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenenherzen erklärte Prêtre in einem Interview mit dem Magazin “Der Spiegel” kürzlich so: Das Herz von Kindern reagiere viel stärker auf Eingriffe, erklärte er. Bei Kinderherzen werden auch keine künstlichen Herzklappen eingesetzt.

Sondern die defekte Herzklappe wird so umgestaltet, wie die Natur sie eigentlich vorgesehen hätte. Wer Kinderherzen operiere, müsse auch künstlerisches Talent haben, sagt Pretre. “Teile des Herzens müssen wie eine Skulptur nachgebildet werden.”

"Heute habe ich weniger Angst und Sorge"

Jahre der Praxis haben meinen Glauben in mein Können und mein Wissen so gestärkt, dass ich heute ganz anders an eine Operation herangehen als zu Beginn meiner Karriere.

Heute betrachte ich das Herz nicht mehr so ängstlich, wenn es aufhört zu schlagen, wenn wir es gestoppt haben, indem wir kaltes Blut in das Herz einleiten.

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(Prêtre unterstützt mit seiner Stiftung "Le Petit Coeur" die medizinische Versorgung von Kindern in Afrika und Asien und operiert auch selbst in diesen Ländern. Quelle: René Prêtre)

Ich überwache das Herz auch heute nicht mehr so sorgenvoll, wenn es wieder anfängt zu schlagen, wenn warmes Blut in das Herz zurückfließt.

Tatsächlich ist für mich die einzige Überraschung bei einer Operation nur noch, wenn das Herz nicht genau in dem Augenblick stehen bleibt, in dem ich will, dass es stehen bleibt. Und es überrascht mich, wenn es am Ende nicht sofort wieder zu schlagen beginnt.

"Nicht alle Operationen geglückt"

In diesen Momenten erinnere ich mich an die tausenden Herzen, die ich schon operiert habe.

Auch, weil nicht alle Operationen geglückt sind.

Im “Spiegel” berichtet Prêtre von einem Jungen, den er operierte. Der Elfjährige lebte ganz normal, spielte Fußball. Doch Prêtre glaubte, dass es in 20 oder 30 Jahren Probleme mit seinem Herzen geben könnte. Obwohl die Mutter Zweifel und Angst vor der Operation bei ihrem Sohn hatte, überredete Prêtre sie, den Eingriff zu machen.

Als der Chirurg schon fast fertig operiert hatte, riss ein Faden im Herzen und es kam es zu einem Kreislaufstillstand, bei dem das Gehirn des Jungen nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde. Der Junge blieb schwer geschädigt. Prêtre sagt: “Ich habe das Leben dieses Jungen zerstört.”

Ich erinnere mich an meine erste Herzoperation bei einem Kind. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon viele Operationen begleitet, weil man so als Mediziner ausgebildet wird.

Aber diese Operation war die erste, bei der ich selbst Hand an ein Herz gelegt habe und jeden Schritt der Operation selbst ausgeführt habe.

Ich habe den Fluß des warmen Blutes im Herzmuskel unterbrochen, indem ich das kalte Blut eingeleitet habe.

Das Herz hätte ungefähr nach 30 Sekunden aufhören müssen zu schlagen. Es würde sicher nach 30 Sekunden aufhören zu schlagen, dachte ich mir.

"Der langsame Walzer des Herzens"

Aber ich schaute wie besessen auf das Herz, das seinen langsamen Walzer immer weiter fortsetzte.

Langsam kam ich zu der Überzeugung, dass ich den Eingriff schlecht ausgeführt hatte, die Klammer um die Aorta falsch gesetzt oder das kalte Blut an der falschen Stelle eingepresst war.

Ich habe damals wohl einen der ungewöhnlichsten Wünsche gehabt, die man als Mensch haben kann: Dass dieses Herz sofort aufhört zu schlagen.

Dann hörte es tatsächlich zu schlagen auf. Ich hatte alles richtig gemacht.

Aber meine Nervosität kehrte am Ende der Operation zurück. Plötzlich schloss sich ein Loch im Herzen und das warme Blut strömte wieder ein.

Ganz am Ende nahm sich dieses kleine Herz dann wahnsinnig viel Zeit, um wieder zu schlagen. Es dauerte eine ganze Minute, bis es sich das erste Mal wieder zusammenzog.

"Ich war in diesem Moment wirklich glücklich"

Ich glaube nicht, dass ich in diesem Moment wieder einen Wunsch geäußert habe. Aber ich erinnere mich daran, wie bewegt ich war, als ich den Gesichtsausdruck voller Glück des Jungen und den seiner Eltern nach der OP sah.

Aber in ihren Gesichtern waren auch Reste der Angst, die die Operation begleitet hatte.

Nach einigen Minuten hatte das Herz seine ganze Kraft wieder gewonnen. Es schlug schon tapfer. Mir schien es sogar so, dass es wegen mir stärker als vorher schlug. Ich war in diesem Moment wirklich glücklich.

Mittlerweile hat die Routine die Aufregung und das Glück, das ich bei den ersten Operationen empfunden habe, abgestumpft. Aber das Glück finde ich jedes mal wieder nach einer Operation bei den Eltern, die mir das Herz ihrer Kinder überlassen haben.

Für sie hat dieses faszinierende Organ seine Magie und sein Mysterium bewahrt.

Für sie, wie heute noch für mich, ist es das Herz, das im Zentrum unseres Körpers und unserer Leidenschaften steht und das >den Takt unseres Lebens vorgibt.

Der Text basiert auf einem Gastbeitrag den René Prêtre für die französische Ausgabe der Huffington Post geschrieben hat.

Prêtres Buch "In der Mitte schlägt das Herz: Von der großen Verantwortung für ein kleines Leben" ist kürzlich in Deutschland erschienen. Unter diesem Link könnt ihr das Buch bei Amazon bestellen.

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