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28/04/2017 18:13 CEST | Aktualisiert 29/04/2017 14:55 CEST

Amazon Fresh drängt in die deutsche Lebensmittelbranche - für Supermärkte ist das eine echte Gefahr

JASON REDMOND / Reuters
Das Ende der Supermärkte? Amazon will mit Online-Lieferungen die deutsche Lebensmittelbranche revolutionieren

  • Amazon will mit einem neuen Angebot Supermärkten Konkurrenz machen

  • Der Versand-Gigant liefert künftig auch frische Lebensmittel

  • Für die Supermarkt-Ketten in Deutschland ist das eine gefährliche Entwicklung

Der Paketbote bringt in Deutschland bald nicht mehr nur Briefe, Bücher, Klamotten und Schuhe an die Haustür - sondern auch Eier, Milch, frisches Gemüse und Obst.

Denn wenn es nach Amazon-Chef Jeff Bezos geht, kaufen die Deutschen bald nicht mehr bei Lidl, Aldi, Rewe und Co. ihre Lebensmittel ein - sondern bei ihm. Das lästige Schleppen schwerer Einkaufstüten und das lange Schlangestehen an der Supermarktkasse sollen dann der Geschichte angehören.

Amazon Fresh heißt die Initiative, mit der das Tech-Unternehmen auf den Markt für Lebensmittel drängt. In München hat der Versandhändler jetzt ein erstes großes Verteilzentrum für Lebensmittel eingeweiht.

In den USA, Großbritannien und auch Italien ist Amazon schon als Online-Versand für Lebensmittel erfolgreich. Und noch in diesem Jahr soll Amazon Fresh hierzulande starten.

Die Lebensmittelbranche in Deutschland steht damit vor einem gewaltigen Umbruch - und der könnte das Ende für viele Supermärkte bedeuten.

Amazon drängt auf einen Milliardenmarkt

Noch ist der Online-Versand von Lebensmitteln in Deutschland ein Nischenmarkt. 2016 macht er laut einem Bericht der "Lebensmittelzeitung" nur 1,8 Prozent des gesamten Online-Handels im Land aus.

Doch Experten gehen davon aus, dass das nicht so bleiben wird. Einer Analyse der Strategieberatung Oliver Wyman aus dem Oktober 2016 zufolge könnten Onlineangebote im deutschen insgesamt Lebensmitteleinzelhandel mittelfristig zu Umsatzverschiebungen von sechs bis acht Milliarden Euro führen.

Die Strategieberatung rechnet damit, dass 15 Prozent der Supermärkte Verluste einfahren könnten - und somit 40.000 Arbeitsplätze bedroht seien.

Die Analysten bei Oliver Waman glauben zudem: Amazon wird der größte Profiteur dieser Verschiebung sein.

Das Unternehmen habe seine Hausaufgaben gemacht und einen sehr effizienten Betrieb aufgebaut - die Supermarkt-Ketten und der Einzelhandel bräuchten nun “ein überzeugendes digitales Angebot, um auf Dauer gegen große Online-Anbieter und allen voran Amazon zu bestehen.“

Amazon will den Gang zum Supermarkt überflüssig machen

Tatsächlich hat Amazon seinen Einstieg in den deutschen Lebensmittelmarkt von langer Hand vorbereitet. Schon im Dezember 2015 schickte Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber eine Kampfansage an die Supermarkt-Ketten.

Zwar hätten die Menschen bereits ihre festen Einkaufsquellen und sein Unternehmen wisse, “dass keiner verhungern wird, wenn Amazon keine Lebensmittel liefert”, sagte Kleber dem “Tagesspiegel”. “Also müssen wir es schaffen, es ihnen bequemer zu machen als andere.”

Bereits jetzt kann eine große Anzahl an Lebensmitteln, etwa der Bio-Marke Alnatura, bei Amazon Prime bestellt werden. Mit Amazon Fresh sollen dann frische Produkte wie Obst und Gemüse hinzu kommen.

Als Partner für den Versand in Deutschland hat Amazon bereits den Paketdienst DHL gewonnen. Langfristig will das Unternehmen die Belieferung seiner Kunden selbst übernehmen - und den Gang zum Supermarkt endgültig überflüssig machen.

Deutschlands Lebensmittelhändler fürchten Amazon

Unter den Lebensmittelhändlern geht deshalb die Angst um.

Rewe-Chef Alain Caparros warnte die Branche im letzten Jahr in der “Rheinischen Post”: “Wir müssten uns warm anziehen gegen Amazon Fresh.”

Im März diesen Jahres legte er in der “Süddeutschen Zeitung” im Hinblick auf Amazons Geschäftspläne nach: "Wahrscheinlich wird nicht nur Staub aufgewirbelt, sondern ein Sturm entfacht.”

Viele seiner Kollegen teilen Caparros Sorgen. Laut dem Ergebnis einer Befragung im von der Lebensmittel Zeitung und UGW Communication GmbH erstellten POS Marketing Report 2017 gehen 55 Prozent der Marktzentralhändler und 46 Prozent der Markthändler davon aus, dass Amazon Fresh sich auf dem Lebensmittel-Markt schon in den nächsten zwei oder drei Jahren etablieren wird.

"Zu einem Massensterben der Supermärkte wird es nicht kommen"

Branchenexperten zweifeln indes, dass Amazon dieses Vorhaben umsetzen können wird. “Der Kuchen für den Zukunftsmarkt Lebensmittel-Onlinehandel ist noch nicht verteilt”, sagte etwa Lars Hofacker, Leiter des Forschungsbereichs E-Commerce am wissenschaftlichen Handelsinstitut EHI, der HuffPost.

Viele Lebensmittelhändler würden sich noch vom Onlinehandel fernhalten und der Start von Amazon Fresh würde den Markt sicherlich aufwirbeln - an das Ende der Supermärkte glaubt Hofacker aber nicht. “Vertrauen spielt bei Lebensmitteln eine viel stärkere Rolle als bei anderen Branchen. Es ist noch alles offen.”

Gerrit Heinemann, Experte für E-Commerce von der Hochschule Niederrhein, ist ähnlich skeptisch: “Ich halte zehn Prozent Marktanteil für Amazon für möglich, aber nicht mehr”, sagte er der HuffPost. “Aber wenn 10 Prozent weniger Umsatz gemacht werden bei einem Händler, dann tut ihm das natürlich schon weh.”

Amazon Fresh werde eher ein Thema für Gutbetuchte und Paare ohne Kinder werden - und somit eher die Premiummärkte, wie Edeka, betreffen, als Ketten wie Penny, Netto oder Rewe. Unter den Supermärkten “wird es zu einer Ausdünnung kommen, nicht aber zu einem Massensterben”, sagte Heinemann.

Auch Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer im Handelsverband HDE, sieht keinen unaufhaltsamen Siegeszug Amazons auf dem Lebensmittelmarkt bevorstehen. Der hiesige Lebensmittelmarkt gehöre zu den wettbewerbsintensivsten der Welt, sagte er der "Lebensmittelzeitung" - "Amazon steht hier ein harter Kampf bevor."

Deutsche Lebensmittelhändler haben bis heute kein überzeugendes Digital-Angebot

Ein Kampf, bei dem es um sehr viel Geld geht.

200 Milliarden Euro Umsatz macht der deutsche Lebensmittelhandel im Jahr - und auf diesen hat es Amazon nun also abgesehen. Mit Amazon Fresh bereitet der Tech-Gigant ein großes und bequem zu bestellendes Angebot für die Kunden in Deutschland vor.

Und auch wenn Experten keine Revolution des Marktes erwarten, müssen sich die Supermarktketten und Lebensmittelhändler auf einen großen Umbruch vorbereiten.

„Angebote wie Amazon Fresh werden das milliardenschwere Lebensmittel-Geschäft über kurz oder lang umpflügen und für zahlreiche Insolvenzen sorgen“, sagte Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbands der Insolvenzverwalter in Deutschland (VID), der “WirtschaftsWoche”.

Denn die Entwicklung gehe klar zulasten traditioneller Handelsketten und ihrer Lieferanten aus der Ernährungsindustrie. Dort seien die Gewinnmargen bereits heute extrem niedrig. „Der zusätzliche Preisdruck durch Online-Anbieter verschärft die Situation und könnte Tausende Arbeitsplätze kosten“, sagte Niering der "WirtschaftsWoche".

Will der deutsche Lebensmittelhandel das verhindern, sollte er endlich den Kampf mit Amazon aufnehmen.

Die traditionellen Händler bräuchten ein überzeugendes digitales Angebot, "um auf Dauer gegen große Online-Anbieter und allen voran Amazon zu bestehen", analysierte Oliver-Wyman-Projektmanager Cornelius Herzog schon im letzten Jahr.

Bis heute ist das nicht geschehen: Lidl hat gerade erst seine Pläne für einen Online-Shop eingestellt, Aldi bietet erst gar keinen an und der Online-Shop von Rewe erwirtschaftet noch keine starken Umsätze.

So wird sich Amazons Marktübernahme nicht aufhalten lassen.

Mehr zum Thema: Lieber Edeka, wenn ich dieses Produkt sehe, glaube ich, dass du den Verstand verloren hast

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