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28/04/2017 16:14 CEST | Aktualisiert 28/04/2017 16:36 CEST

ADHS: Ich litt jahrelang an Depressionen, bis ein Arzt durch Zufall endlich die Ursache fand

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ADHS: Ich litt jahrelang an Depressionen, bis ein Arzt durch Zufall endlich die Ursache fand.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29.

Wenn man in unserer Gesellschaft an ADHS denkt, haben die meisten schnell ein Bild im Kopf: Den hyperaktiven Jungen, der zum Zappelphilipp degradiert wird. Einer, der nicht still sitzen kann und in der Schule durch mangelnde Impulskontrolle immer wieder auffällig wird.

Die eigentliche Tragik dieses Vorurteils liegt aber nicht nur in der Ignoranz hinsichtlich der Diversität der Symptome. Ein weiteres Problem ist nämlich, dass diese Vorstellungen vor allem auf klinischen Studien beruhen, die in den 1970er Jahren ausschließlich mit weißen Jungen durchgeführt wurden.

Anhand dieser Forschung wurden Diagnosekriterien entwickelt, die bis heute noch gültig sind. Inzwischen sind zwar über vierzig Jahre vergangen, aber verändert hat sich überraschend wenig, insbesondere im deutschen Raum.

Ich habe aber trotzdem ADHS. Und ich bin eine Frau.

Mehr zum Thema: ADHS: Wenn ihr keine Ahnung habt, haltet einfach die Fresse!

Wir müssen mehr über Frauen und ADHS sprechen

In den USA sind in den letzten Jahren zunehmend professionelle Stimmen laut geworden, die einen neuen Aspekt der Forschung in den Mittelpunkt rücken: ADHS betrifft alle Menschen und kennt kein Gender. Und zwar gleichermaßen.

Die Diagnoserate beträgt derzeit allerdings immer noch 3:1 und fällt zugunsten der männlichen Betroffenen aus. Auf drei Diagnosen für Männer kommt eine Diagnose einer Frau. Immerhin ein Fortschritt, denn vor einigen Jahren ging man noch von einer Prävalenz von 10:1 aus.

Besonders unterschiedlich in Bezug auf das Geschlecht ist jedoch der Zeitpunkt der Diagnosestellung. Frauen bleiben in der Regel lange undiagnostiziert (bis ins Erwachsenenalter), bekommen falsche Diagnosen oder bleiben ihr ganzes Leben lang unbehelligt.

Die Wahrscheinlichkeit, durch die Störung ein niedriges Selbstbewusstsein zu entwickeln und an Depressionen zu erkranken, ist dementsprechend hoch. Ebenso die Suizidraten. Wir müssen also dringend mehr über Frauen und ADHS sprechen.

Die Erfahrungen, die Mädchen mit ADHS machen, unterscheiden sich in einigen grundlegenden Punkten von denen männlicher Betroffener, deren Symptome vorwiegend im Bereich der Hyperaktivität angesiedelt sind. Jungen zeigen häufiger auffälliges Verhalten nach Außen. Im Mittelpunkt stehen Probleme mit Impulskontrolle, Aggressivität und Wut.

Wenn man sich ADHS als eine Störung vorstellt, die auf drei Säulen fußt (Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität), entwickeln ADHSlerinnen tendenziell eher Symptome aus dem Aufmerksamkeitsbereich.

Denn im Gegensatz zu Jungen neigen Mädchen aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation schon sehr früh unbewusst zu Coping Mechanismen, um die Abweichungen zu ihren Altersgenossinnen und das Nichterfüllen von gesellschaftlichen Erwartungen zu verstecken. Experten sprechen deshalb von einer "Maskierung“ der Symptome.

Die Diagnose erfolgt erst durch Folgeerkrankungen wie Depressionen

Diese Coping Mechanismen führen dazu, dass die Störung bei Frauen meistens sehr lange nicht erkannt wird und es häufig zu Zufallsdiagnosen im Erwachsenenalter kommt, wenn durch ungünstige Bewältigungsstrategien Folgeerkrankungen wie Essstörungen, Depressionen oder Angststörungen auftreten.

Viele Frauen mit ADHS leiden auch im Erwachsenenalter an Überforderung und können diese oftmals nicht begründen, weil ihnen die Diagnose und damit leider auch die Möglichkeit zur Krankheitseinsicht fehlt.

Die Ursachen werden internalisiert, denn Frauen neigen sozialisationsbedingt dazu, die Verantwortung für ihre Überforderung zuerst bei sich selbst zu suchen und das hat leider weitreichende Folgen für viele Betroffene.

“Vielen ADHSlern wird seit ihrer Jugend erzählt, dass sie dumm seien oder anstrengend, nervig, chaotisch, krank, faul oder abnorm. Diese Dinge fressen sich wie Säure in eine Seele, die ohnehin schon komplett überfordert ist mit sich selbst.

Und sie richten immensen Schaden an. Was folgt, sind Selbsthass und tiefe Verunsicherung. Für viele Betroffene ist es deshalb schwer, lieb zu sich selbst zu sein." - Kathrin Wessling

Viele ADHSlerinnen erleben emotionale Zusammenbrüche

Viele Dinge, die für Nicht-ADHSler alltäglich sind, können von betroffenen Frauen nicht automatisiert werden und stellen eine immense Belastung dar: Einkaufen, Termine, Telefonate, Freundschaften und Beziehungen. Sie berichten zudem, dass sie sich auf Parties oder in Gesellschaft schnell überfordert fühlen.

Sie leiden unter Reizüberflutung oder dem Gefühl, Lautstärken ungeschützt ausgeliefert zu sein. Sie haben Probleme mit dem Organisieren oder eben dem genauen Gegenteil: Einer zwanghaften Fokussierung auf Planung, als Kompensation der eigenen Defizite.

Viele ADHSlerinnen erleben emotionale Zusammenbrüche im Laufe des Tages und ein Gefühl ständiger Überforderung, das dazu führt, dass sie sich immer mehr aus sozialen Situationen zurückziehen.

Dem folgt ein herabgesetztes Selbstwertgefühl, weil man meint, den kleinsten Ansprüchen nicht zu genügen. Die Betroffenen entwickeln immer neue Strategien, um die Symptome zu maskieren.

Im Unterschied zu Jungen, deren Symptome im Laufe der Pubertät eher rückläufig sind, nehmen die Symptome bei Frauen in dieser Entwicklungsphase zu - werden aber aus Unwissenheit häufig als Pubertätsrebellion abgetan, im Sinne von: “Das wächst sich schon wieder aus”. Die Verletzungen, die sich daraus ergeben, hinterlassen tiefe Spuren.

Jungen hingegen externalisieren in diesem Alter die Symptome und reagieren mit Wut und nach außen gerichteter Aggression.

"Männer haben eine Tendenz dazu, Schmerz von sich abzuwälzen, indem sie Aggressionen nach außen entwickeln. Dagegen neigen Frauen dazu, Selbsthass zu entwickeln." - Why so many Women with ADHD never get the help they need

Daraus sollte sich die simple Forderung ergeben, die Diagnosekriterien genderneutral zu erweitern.

Denn neben dem Stereotyp des Mädchens, müsste es folglich auch männliche ADHSler geben, die aufgrund ihrer weniger geschlechtsspezifischen Sozialisation ebenso dazu tendieren, die Symptome zu maskieren. Auf diese Kinder und die Diversität der Symptome sollte gezielt Augenmerk gerichtet werden.

Ich hatte ADHS und wusste es nicht

Ich für meinen Teil bin sehr behütet aufgewachsen. Ein gesundes und glückliches Kind, das bevorzugt mit älteren Jungs der Nachbarschaft abhing. Dabei konnte ich aus Sicht der Erwachsenen am lautesten "rumkommandieren“ (aus heutiger Perspektive eine ziemlich abwertende Bezeichnung für ein selbstbewusstes Mädchen).

Ich war mutig. Aber auch eine Tagträumerin, die stundenlang in ihrem Zimmer Tiersticker sortieren oder Minipiano spielen konnte. Zuhause war ich sehr impulsiv.

Nach der Einschulung wurde meine Charakterstärke, die vorher regelmäßig gelobt wurde, zu einer vermeintlichen Charakterschwäche. Meine Ideen und meine Durchsetzungskraft wurden zu einem handfesten Defizit. Meinung galt nun als Aufsässigkeit. Hinterfragen war unangebracht. Der Frontalunterricht brach mir die Beine. Ich war total unterstimuliert.

Das Lerntempo war an guten Tagen zu langsam und an schlechten Tagen viel zu langsam. Ich kann mich an Wochen erinnern, an denen ich in der Schule kein einziges Wort gewechselt habe, weil ich nur in die Leere hinter der Tafel starrte und tagträumte.

Rasende Gedanken, aber ein eingeschlafenes Äußeres. Die Frustration wuchs von Tag zu Tag.

In der Pubertät randalierte ich

In der Pubertät wurde die Impulsivität schlimmer. Ich erspare meinen Eltern aber, die Details jetzt hier nochmal lesen zu müssen. Ich kiffte. Ich randalierte.

In der Schule verhielt ich mich unter größter Anstrengung immer unauffällig, was mir daheim unter den ständigen Provokationen meines älteren Bruders nicht gelang. Ich fand einen Weg, das System zu betrügen, in welchem ich immerzu scheiterte, wenn ich so war, wie ich nunmal war, und trotz meiner hohen Intelligenz einfach nicht genügte.

Meine Lösung lautete, nicht aufzufallen! Ich war Meister der Tarnung. Niemandem was erzählen. Immer nur so viel preisgeben und leisten, dass man gerade so durchrutschen konnte. Schule. Freundschaften. Abi. Studium. Das klingt einfach, aber es fraß meine ganze Kraft.

Ich war so bemüht, interessiert auszusehen und dabei rasten meine Gedanken und ich war voller Emotionen.

Rückblickend weiß ich, dass diese Selbstaufgabe damals unbewusst passierte. Ich wurde unsicher. Errötete schnell. Totaler Rückzug. Die Selbstzweifel wuchsen. Wieso bekam ich die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe, wenn ich so war, wie ich nunmal war?

Ich verheimlichte mein Innenleben und meine Zweifel und tat selbstbewusst gegenüber meinen Eltern. Rückblickend ist es offensichtlich, welche Coping-Strategien ich damals auffuhr und wie ich die Selbstzweifel dadurch einfach nur internalisierte und zu einem lebenslangen Begleiter machte.

Meine Diagnose bekam ich durch Zufall

Meine Diagnose bekam ich erst mit Mitte 20. Eher durch Zufall. Wegen Depressionen und weil ich ausgeprägte Sozialängste entwickelt hatte.

Ich wollte mich lieber nicht mit Menschen umgeben, weil ich immer das Gefühl hatte dann nicht ich selbst sein zu können. Alles würde auffliegen. Was auch immer dieses „alles“ war. Ich wusste es nach all den Jahren nicht mehr.

Heute weiß ich es. Es war nichts. Es war bloß ADHS bei Mädchen.

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(lm)

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