ADHS: Ich litt jahrelang an Depressionen, bis ein Arzt durch Zufall endlich die Ursache fand

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ADHS: Ich litt jahrelang an Depressionen, bis ein Arzt durch Zufall endlich die Ursache fand. | iStock
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Dieser Artikel erschien ursprĂŒnglich bei Refinery29.

Wenn man in unserer Gesellschaft an ADHS denkt, haben die meisten schnell ein Bild im Kopf: Den hyperaktiven Jungen, der zum Zappelphilipp degradiert wird. Einer, der nicht still sitzen kann und in der Schule durch mangelnde Impulskontrolle immer wieder auffÀllig wird.

Die eigentliche Tragik dieses Vorurteils liegt aber nicht nur in der Ignoranz hinsichtlich der DiversitĂ€t der Symptome. Ein weiteres Problem ist nĂ€mlich, dass diese Vorstellungen vor allem auf klinischen Studien beruhen, die in den 1970er Jahren ausschließlich mit weißen Jungen durchgefĂŒhrt wurden.

Anhand dieser Forschung wurden Diagnosekriterien entwickelt, die bis heute noch gĂŒltig sind. Inzwischen sind zwar ĂŒber vierzig Jahre vergangen, aber verĂ€ndert hat sich ĂŒberraschend wenig, insbesondere im deutschen Raum.

Ich habe aber trotzdem ADHS. Und ich bin eine Frau.

➚ Mehr zum Thema: ADHS: Wenn ihr keine Ahnung habt, haltet einfach die Fresse!

Wir mĂŒssen mehr ĂŒber Frauen und ADHS sprechen

In den USA sind in den letzten Jahren zunehmend professionelle Stimmen laut geworden, die einen neuen Aspekt der Forschung in den Mittelpunkt rĂŒcken: ADHS betrifft alle Menschen und kennt kein Gender. Und zwar gleichermaßen.

Die Diagnoserate betrĂ€gt derzeit allerdings immer noch 3:1 und fĂ€llt zugunsten der mĂ€nnlichen Betroffenen aus. Auf drei Diagnosen fĂŒr MĂ€nner kommt eine Diagnose einer Frau. Immerhin ein Fortschritt, denn vor einigen Jahren ging man noch von einer PrĂ€valenz von 10:1 aus.

Besonders unterschiedlich in Bezug auf das Geschlecht ist jedoch der Zeitpunkt der Diagnosestellung. Frauen bleiben in der Regel lange undiagnostiziert (bis ins Erwachsenenalter), bekommen falsche Diagnosen oder bleiben ihr ganzes Leben lang unbehelligt.

Die Wahrscheinlichkeit, durch die Störung ein niedriges Selbstbewusstsein zu entwickeln und an Depressionen zu erkranken, ist dementsprechend hoch. Ebenso die Suizidraten. Wir mĂŒssen also dringend mehr ĂŒber Frauen und ADHS sprechen.

Die Erfahrungen, die MĂ€dchen mit ADHS machen, unterscheiden sich in einigen grundlegenden Punkten von denen mĂ€nnlicher Betroffener, deren Symptome vorwiegend im Bereich der HyperaktivitĂ€t angesiedelt sind. Jungen zeigen hĂ€ufiger auffĂ€lliges Verhalten nach Außen. Im Mittelpunkt stehen Probleme mit Impulskontrolle, AggressivitĂ€t und Wut.

Wenn man sich ADHS als eine Störung vorstellt, die auf drei SĂ€ulen fußt (HyperaktivitĂ€t, Unaufmerksamkeit und ImpulsivitĂ€t), entwickeln ADHSlerinnen tendenziell eher Symptome aus dem Aufmerksamkeitsbereich.

Denn im Gegensatz zu Jungen neigen MĂ€dchen aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation schon sehr frĂŒh unbewusst zu Coping Mechanismen, um die Abweichungen zu ihren Altersgenossinnen und das NichterfĂŒllen von gesellschaftlichen Erwartungen zu verstecken. Experten sprechen deshalb von einer "Maskierung“ der Symptome.

Die Diagnose erfolgt erst durch Folgeerkrankungen wie Depressionen

Diese Coping Mechanismen fĂŒhren dazu, dass die Störung bei Frauen meistens sehr lange nicht erkannt wird und es hĂ€ufig zu Zufallsdiagnosen im Erwachsenenalter kommt, wenn durch ungĂŒnstige BewĂ€ltigungsstrategien Folgeerkrankungen wie Essstörungen, Depressionen oder Angststörungen auftreten.

Viele Frauen mit ADHS leiden auch im Erwachsenenalter an Überforderung und können diese oftmals nicht begrĂŒnden, weil ihnen die Diagnose und damit leider auch die Möglichkeit zur Krankheitseinsicht fehlt.

Die Ursachen werden internalisiert, denn Frauen neigen sozialisationsbedingt dazu, die Verantwortung fĂŒr ihre Überforderung zuerst bei sich selbst zu suchen und das hat leider weitreichende Folgen fĂŒr viele Betroffene.

“Vielen ADHSlern wird seit ihrer Jugend erzĂ€hlt, dass sie dumm seien oder anstrengend, nervig, chaotisch, krank, faul oder abnorm. Diese Dinge fressen sich wie SĂ€ure in eine Seele, die ohnehin schon komplett ĂŒberfordert ist mit sich selbst.

Und sie richten immensen Schaden an. Was folgt, sind Selbsthass und tiefe Verunsicherung. FĂŒr viele Betroffene ist es deshalb schwer, lieb zu sich selbst zu sein." - Kathrin Wessling

Viele ADHSlerinnen erleben emotionale ZusammenbrĂŒche

Viele Dinge, die fĂŒr Nicht-ADHSler alltĂ€glich sind, können von betroffenen Frauen nicht automatisiert werden und stellen eine immense Belastung dar: Einkaufen, Termine, Telefonate, Freundschaften und Beziehungen. Sie berichten zudem, dass sie sich auf Parties oder in Gesellschaft schnell ĂŒberfordert fĂŒhlen.

Sie leiden unter ReizĂŒberflutung oder dem GefĂŒhl, LautstĂ€rken ungeschĂŒtzt ausgeliefert zu sein. Sie haben Probleme mit dem Organisieren oder eben dem genauen Gegenteil: Einer zwanghaften Fokussierung auf Planung, als Kompensation der eigenen Defizite.

Viele ADHSlerinnen erleben emotionale ZusammenbrĂŒche im Laufe des Tages und ein GefĂŒhl stĂ€ndiger Überforderung, das dazu fĂŒhrt, dass sie sich immer mehr aus sozialen Situationen zurĂŒckziehen.

Dem folgt ein herabgesetztes SelbstwertgefĂŒhl, weil man meint, den kleinsten AnsprĂŒchen nicht zu genĂŒgen. Die Betroffenen entwickeln immer neue Strategien, um die Symptome zu maskieren.

Im Unterschied zu Jungen, deren Symptome im Laufe der PubertĂ€t eher rĂŒcklĂ€ufig sind, nehmen die Symptome bei Frauen in dieser Entwicklungsphase zu - werden aber aus Unwissenheit hĂ€ufig als PubertĂ€tsrebellion abgetan, im Sinne von: “Das wĂ€chst sich schon wieder aus”. Die Verletzungen, die sich daraus ergeben, hinterlassen tiefe Spuren.

Jungen hingegen externalisieren in diesem Alter die Symptome und reagieren mit Wut und nach außen gerichteter Aggression.

"MĂ€nner haben eine Tendenz dazu, Schmerz von sich abzuwĂ€lzen, indem sie Aggressionen nach außen entwickeln. Dagegen neigen Frauen dazu, Selbsthass zu entwickeln." - Why so many Women with ADHD never get the help they need

Daraus sollte sich die simple Forderung ergeben, die Diagnosekriterien genderneutral zu erweitern.

Denn neben dem Stereotyp des MĂ€dchens, mĂŒsste es folglich auch mĂ€nnliche ADHSler geben, die aufgrund ihrer weniger geschlechtsspezifischen Sozialisation ebenso dazu tendieren, die Symptome zu maskieren. Auf diese Kinder und die DiversitĂ€t der Symptome sollte gezielt Augenmerk gerichtet werden.

Ich hatte ADHS und wusste es nicht

Ich fĂŒr meinen Teil bin sehr behĂŒtet aufgewachsen. Ein gesundes und glĂŒckliches Kind, das bevorzugt mit Ă€lteren Jungs der Nachbarschaft abhing. Dabei konnte ich aus Sicht der Erwachsenen am lautesten "rumkommandieren“ (aus heutiger Perspektive eine ziemlich abwertende Bezeichnung fĂŒr ein selbstbewusstes MĂ€dchen).

Ich war mutig. Aber auch eine TagtrÀumerin, die stundenlang in ihrem Zimmer Tiersticker sortieren oder Minipiano spielen konnte. Zuhause war ich sehr impulsiv.

Nach der Einschulung wurde meine CharakterstĂ€rke, die vorher regelmĂ€ĂŸig gelobt wurde, zu einer vermeintlichen CharakterschwĂ€che. Meine Ideen und meine Durchsetzungskraft wurden zu einem handfesten Defizit. Meinung galt nun als AufsĂ€ssigkeit. Hinterfragen war unangebracht. Der Frontalunterricht brach mir die Beine. Ich war total unterstimuliert.

Das Lerntempo war an guten Tagen zu langsam und an schlechten Tagen viel zu langsam. Ich kann mich an Wochen erinnern, an denen ich in der Schule kein einziges Wort gewechselt habe, weil ich nur in die Leere hinter der Tafel starrte und tagtrÀumte.

Rasende Gedanken, aber ein eingeschlafenes Äußeres. Die Frustration wuchs von Tag zu Tag.

In der PubertÀt randalierte ich

In der PubertĂ€t wurde die ImpulsivitĂ€t schlimmer. Ich erspare meinen Eltern aber, die Details jetzt hier nochmal lesen zu mĂŒssen. Ich kiffte. Ich randalierte.

In der Schule verhielt ich mich unter grĂ¶ĂŸter Anstrengung immer unauffĂ€llig, was mir daheim unter den stĂ€ndigen Provokationen meines Ă€lteren Bruders nicht gelang. Ich fand einen Weg, das System zu betrĂŒgen, in welchem ich immerzu scheiterte, wenn ich so war, wie ich nunmal war, und trotz meiner hohen Intelligenz einfach nicht genĂŒgte.

Meine Lösung lautete, nicht aufzufallen! Ich war Meister der Tarnung. Niemandem was erzĂ€hlen. Immer nur so viel preisgeben und leisten, dass man gerade so durchrutschen konnte. Schule. Freundschaften. Abi. Studium. Das klingt einfach, aber es fraß meine ganze Kraft.

Ich war so bemĂŒht, interessiert auszusehen und dabei rasten meine Gedanken und ich war voller Emotionen.

RĂŒckblickend weiß ich, dass diese Selbstaufgabe damals unbewusst passierte. Ich wurde unsicher. Errötete schnell. Totaler RĂŒckzug. Die Selbstzweifel wuchsen. Wieso bekam ich die einfachsten Dinge nicht auf die Reihe, wenn ich so war, wie ich nunmal war?

Ich verheimlichte mein Innenleben und meine Zweifel und tat selbstbewusst gegenĂŒber meinen Eltern. RĂŒckblickend ist es offensichtlich, welche Coping-Strategien ich damals auffuhr und wie ich die Selbstzweifel dadurch einfach nur internalisierte und zu einem lebenslangen Begleiter machte.

Meine Diagnose bekam ich durch Zufall

Meine Diagnose bekam ich erst mit Mitte 20. Eher durch Zufall. Wegen Depressionen und weil ich ausgeprÀgte SozialÀngste entwickelt hatte.

Ich wollte mich lieber nicht mit Menschen umgeben, weil ich immer das GefĂŒhl hatte dann nicht ich selbst sein zu können. Alles wĂŒrde auffliegen. Was auch immer dieses „alles“ war. Ich wusste es nach all den Jahren nicht mehr.

Heute weiß ich es. Es war nichts. Es war bloß ADHS bei MĂ€dchen.

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(lm)

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