Eine Chirurgin erklärt: Das passiert in eurem Körper, wenn euch eine Kugel trifft

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Bevor die Kugel aus dem Körper entfernt wird, müssen Chirurgen meist erst die Blutungen stoppen | Screenshot/huffpostus
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Der Held aus einem Action-Film ist von einer Kugel getroffen worden. Er humpelt mit letzter Kraft zu einem sicheren Hauseingang, zieht sich mühsam sein T-Shirt über den Kopf, um den verletzten Bauch freizubekommen.

Mit einer Pinzette versucht er, die Kugel aus seinem Bauch herauszuziehen und tatsächlich schafft er es auch - weil er eine Filmfigur und kein Trauma-Patient in der Unfallchirurgie ist.

Viele haben dennoch genau diese Vorstellung - sollte sie jemals eine Kugel treffen. Sie denken, bei einer Schussverletzung sei die Kugel das größte Problem. Und das Schussopfer nach der Entfernung der Kugel wieder geheilt. Doch diese Annahme ist schlichtweg falsch.

Dr. Amy Goldberg, eine Chirurgin der “Temple-Universitätsklinik” in Nord-Philadelphia, erklärt der Huffpost, was wirklich passiert, wenn eine Kugel in einen menschlichen Körper eindringt.

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"Zuerst müssen die Blutungen gestoppt werden"

“In der Unfallchirurgie wird zunächst der körperliche Schaden behoben, den die Kugel verursacht”, sagt Goldberg. Eine Kugel könne nämlich sämtliche Muskeln, Rippen, Gefäße, Organe und Knochen zerreissen.

Die Kugel könne dabei problemlos im Körper feststecken. Als allererstes muss nämlich laut Goldberg die Blutung gestoppt werden, die die Kugel verursacht hat - egal ob der Patient noch bei Bewusstsein ist und ununterbrochen, qualvoll schreit.

“Es ist wahrlich kein schonendes Verfahren. Auch eine Reanimation ist nicht selten, wenn der Angeschossene nicht mehr atmet und das Herz plötzlich stehen bleibt”, sagt Goldberg.

"Manchmal findest du die lebensbedrohliche Wunde nicht"

Gerade Schusswunden seien schwierig zu lokalisieren. Man müsse genau schauen, wo die Einschusswunde und somit die schlimmste Verletzung ist.

“Du stehst manchmal am Operationstisch, siehst den angeschossenen Körper vor dir und schaust. Schaust nach der schlimmsten Verletzung. Und manchmal findest du sie, manchmal aber leider auch nicht”, sagt Goldberg.

Wenn die Patienten dann auf dem OP-Tisch sterben, schmerze es Goldberg manchmal auch sehr. Denn es gebe Menschen mit Schussverletzungen, die schon im Eingangsbereich der Notaufnahme sterben oder dann mitten auf dem Weg in den Operationssaal.

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“Bei anderen Patienten entwickelt sich innerhalb von wenigen Tagen nach dem chirurgischen Eingriff eine lebensbedrohliche Komplikation und das müssen wir dann sofort behandeln”, erklärt Goldberg.

"Die lebensbedrohlichsten Wunden sehen auf den ersten Blick nicht am schlimmsten aus"

Die Arbeit als Arzt ist immer ein Spiel zwischen Leben und Tod. Das findet Goldberg, sei vor allem auch bei der Behandlung von Schussverletzungen der Fall.

“Es ist gut möglich, dass der Arzt von verschiedenen Wunden irritiert ist und manchmal auch zunächst nicht die schlimmste Wunde behandelt. Die lebensbedrohlichsten Wunden sehen nämlich auf den ersten Blick nicht wie die schlimmsten aus”, sagt Goldberg.

Wenn beispielsweise ein Mann mit einem Kopfschuss und anderen Schüssen am Körper in die Notaufnahme eingeliefert werde, sei der Kopfschuss manchmal nicht die lebensbedrohlichste Verletzung. Auch der Schuss in den Brustkorb kann für den Patienten tödlich enden.

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Doch natürlich können Schusswunden auch behandelt werden - und nicht jeder Patient stirbt an ihnen. “Das überrascht aber viele Menschen, denn die meisten denken, dass man nach Schüssen ins Gesicht oder den Brustkorb stirbt”, sagt Goldberg. Bei einer Schussverletzung mit einer Kugel seien im Normalfall 14 Operationen notwendig.

Die Chirurgin entscheide bei Schussverletzungen nicht über schuldig und unschuldig. Sie unterscheide generell zwischen vernünftig und absurd - und Gewalt mit Schusswaffen sei für sie absurd und sinnlos.

Der Artikel stammt ursprünglich aus der amerikanischen Ausgabe der "Huffpost" und wurde von Simone Lohner aus dem Englischen übersetzt.

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(pb)

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