POLITIK
27/04/2017 06:15 CEST | Aktualisiert 27/04/2017 07:25 CEST

"Maischberger": AKP-Anhänger liefert den bisher zynischsten Grund, für Erdogans Verfassung zu stimmen

Marc Pfitzenreuter via Getty Images
Erdogan-Vertreter Ozan Ceyhun bei 'Menschen bei Maischberger' am 20. April 2016 in Köln

Die türkische Minderheit in Deutschland ist das Thema bei "Menschen bei Maischberger". Eine Mehrheit der türkischen Wähler hat für die autoritäre Verfassungsänderung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gestimmt. Was trieb sie an?

"Türken in Deutschland: Immer noch Bürger 2. Klasse?", fragt Moderatorin Sandra Maischberger ihre Gäste.

● Die stellvertretende Parteivorsitzende der CDU Julia Klöckner

● Der AKP-Anhänger Ozan Ceyhun

● Die türkischstämmige SPD-Integrationspolitikerin Bilkay Öney

● Der ebenfalls türkischstämmige Schauspieler Tayfun Bademsoy

● Die Direktorin des "Forschungszentrums Globaler Islam" Susanne Schröter

Und wieder zieht ein Erdogan-Anhänger in einer Talkshow alle Aufmerksamkeit auf sich. Ozan Ceyhun liefert den bisher absurdesten Grund, für den türkischen Staatspräsidenten und seine autoritäre Verfassung zu stimmen.

Er ist gut vorbereitet. Unglaublich: Ceyhun war früher Europaabgeordneter für Grüne und SPD - jetzt stimmt er für Erdogan.

Ceyhun fordert für türkische Staatsbürger in Deutschland das kommunale Wahlrecht. Er sagt, er habe beim Verfassungsreferendum für Erdogans Präsidialsystem gestimmt, da die alte Verfassung von der Militärregierung nach dem Putsch von 1980 erlassen worden sei.

Ob die Türkei etwa mit einer faschistischen Regierung geführt werden solle, fragt er rhetorisch?

Da zuckt das deutsche Publikum zusammen. Well played, AKP-Mann! Er verschweigt dabei aber, dass die Verfassung seitdem regelmäßig überarbeitet und modernisiert worden ist - auch auf Druck der EU hin. Bis vor wenigen Jahren befand sich die Türkei noch auf dem Weg in Richtung einer stabilen Demokratie.

Klöckner: "Ich finde das Votum sehr erschreckend"

Die CDU-Politikerin Julia Klöckner ist empört über die Mehrheit der türkischstämmigen Wähler, die für das Verfassungsreferendum stimmten.

"Ich finde das Votum sehr erschreckend. Dass Menschen, die hier leben, im theoretischen Nein, die hier in Freiheit leben, mit Meinungsfreiheit, man wird nicht ins Gefängnis geworfen, grundlos, ihren Landsleute in einem anderen Land, eine Autokratie, eine Diktatur an den Hals wählen - das finde ich mehr als erschreckend", so die CDU-Politikerin.

"Und ich finde es übrigens auch illoyal gegenüber unseren Werten hier in Deutschland. Mit unserem Grundgesetz ist diese Haltung nicht vereinbar", fährt sie fort.

Der Rassismus der Deutschen sei Schuld

Die türkischstämmige SPD-Integrationspolitikerin Bilkay Öney aus Baden-Württemberg gibt dagegen dem Rassismus der Deutschen die Schuld an Erdogans Erfolg in der Bundesrepublik.

"Es gibt ein Identitätsproblem. Warum? Weil Menschen, die hier zwischen zwei Kulturen leben, es nicht immer einfach haben und manchmal vor die Wahl gestellt werden", sagt sie.

Der türkische Staatspräsident würde dies ausnutzen.

"Erdogan hat das erkannt. Weil er weiß, dass viele Türken hier ein Identitätsproblem haben, sagt er, ’Komm zu mir', ich bin dafür da. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen sagen, 'Was habe ich mit Erdogan zu tun, verdammt, mein Präsident heißt doch Frank-Walther Steinmeier'", sagt Öney.

Türken leiden unter Beleidigungen

Der "Tatort"-Schauspieler Bademsoy stimmt ihr zu. Die heutige Ablehnung der deutschen Gesellschaft unter Türken gehe auf Beleidigungen wie "Kanake" oder "Kümmeltürke" zurück, die sie sich anhören mussten.

Er berichtet, wie er als Schauspieler der Schaubühne per Telefon Wohnungen gesucht habe. Die Szene spielt er im Studio nach. "Ich war hoch angesehen - bis ich meinen Namen gesagt habe. 'Was sind sie? Bademsoy? Türke? Nein, keine Türken!' Aufgelegt."

Als er mit zehn Jahren nach Deutschland kam, sei bespuckt worden. Andere Kinder hätten ihn Faulpelz genannt, weil er nicht Deutschsprechen konnte - und der Lehrer tat nichts.

Solche Erfahrungen vergisst man nicht.

"Fundamentale Rückbesinnung" bei jungen Türken

Islamforscherin Schröter spricht von einer "fundamentalen Rückbesinnung" bei jungen Türken. Imame würden türkische Jugendliche radikalisieren. Sie spricht von der "Generation Halal-Haram". Zu deutsch: Generation Erlaubt-Verboten.

Für die gebe es nur noch "wahre Muslime" und Christen, Juden und andere "Ungläubige". Es gebe zurzeit die Tendenz, sich "als Opfer zu sehen", sagt die Islamforscherin.

Der Erdogan-Anhänger Ceyhun bestätigt ihre These unbeabsichtigt. Spricht andauernd, wirft aber den anderen Gästen vor, ihn nicht zu Wort kommen zu lassen.

"Darf ich auch mal meine Meinung sagen?" ruft er. "Ich bin hier alibimäßig eingeladen worden! Ich weiß, dass ich der falsche Gast bin!“ Und tatsächlich - die Moderatorin Maischberger überlässt ihm das Wort.

Der bisher zynischste Grund, für Erdogan zu stimmen

Er liefert noch einen absurden Grund liefert er, warum er für die Verfassungsänderung stimme musste.

"In der Türkei gibt es keine Opposition. Wenn es in der Türkei eine Opposition gegeben hätte, würde ich sie unterstützen", sagt er. Hätte es eine sozialdemokratische Partei gegeben, die einen Gegenvorschlag gemacht hätte, dann hätte er diese unterstützt.

Die Opposition saß während der Abstimmung leider im Knast. Vor den entscheidenden Sitzungen im Parlament hatte Erdogan Parlamentarier der HDP verhaften lassen. Außerdem wurden Zeitungen enteignet und vorsorglich der Notstand verhängt.

Klar - da musste er leider für Erdogan stimmen. Das dürfte der bisher zynischste Grund sein, die Verfassungsänderung des Präsidenten zu unterstützen.

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(ll)

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