1000 Festnahmen in einer Nacht: Razzia zeigt, wie groß Erdogans Angst vor einem Aufstand ist

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ERDOGAN POLICE
1000 Festnahmen in einer Nacht: Razzia zeigt, wie groß Erdogans Angst vor einem Aufstand ist | OZAN KOSE via Getty Images
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  • Der türkische Präsident Erdogan hat 1100 Menschen festnehmen lassen
  • Die Personen sollen Verbindungen zur Gülen-Bewegung haben
  • Erdogan hat Angst, dass es zu neuen Ausschreitungen kommt

Für einen kurzen Moment schien es fast so, als kehre nun endlich Ruhe ein in der Türkei.

Gewalttätige Ausschreitungen zumindest, wie sie viele Beobachter nach dem Referendum über das Präsidialsystem befürchteten, sind ausgeblieben.

Doch plötzlich bebt es wieder am Bosporus.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in der Nacht auf Mittwoch über 1100 Menschen festnehmen lassen – wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung.

Die massive Säuberungswelle könnte der Vorbote einer neuen Ära sein. Die Festnahmen zeigen, wie groß die Angst des Präsidenten vor einem neuen Aufstand seiner Gegner ist – trotz Erdogans jetzt fast diktatorischen Machtfülle.

► In allen 81 Provinzen schlug die Polizei zu.
► Die Beamte gingen gegen eigene Kollegen vor.
► Ziel der Operation sei es, die geheime Struktur der Gülen-Bewegung innerhalb der Polizei zu zerschlagen, gab die Regierung bekannt.

Wie stellt die türkische Regierung die Aktion dar?

Innenminister Süleyman Soylu nannte den Einsatz "einen sehr wichtigen Schritt“ im Kampf gegen die Gülen-Bewegung.

Ziel der geheimen Struktur sei es gewesen, durch Infiltration die Kontrolle über den Polizeiapparat zu erlangen.

Nach offiziellen Angaben von Anfang des Monats wurden seit Juli mehr als 47.000 Verdächtige wegen angeblicher Gülen-Verbindungen in Untersuchungshaft genommen. Rund 100.000 Beschuldigte wurden aus dem Staatsdienst entlassen.

Was steckt wirklich dahinter?

Dass es – ein Dreivierteljahr nach dem Putschversuch – tatsächlich noch um den versuchten Coup im Juli geht, ist zumindest zweifelhaft.

Die bundesweiten Razzien zeigen eher, wie nervös Erdogan und seine Gefolgsleute mittlerweile sind.

Mehr zum Thema: Trotz diktatorischer Machtfülle: Wieso Erdogan so schwach ist, wie lange nicht

Sie wissen durch den knappen Ausgang des Referendums gut, dass ihre Zustimmung in der Bevölkerung bröckelt.

Aus Armeekreisen heißt es, dass sich auch im Militär Gegner des Präsidenten zusammenschließen. Größere Gruppen von Nationalisten hätten sich bereits in Position gebracht, für den Fall, dass Erdogan das Referendum verloren hätte, erfuhr die HuffPost zuletzt.

Dann wäre sogar ein ernstzunehmender Putschversuch denkbar gewesen. Erdogan weiß um die Gefahr eines neuen Aufbäumens oppositioneller Kräfte. Auch deshalb verlängerte der Nationale Sicherheitsrat direkt am Tag nach dem Referendum den Ausnahmezustand, der ein willkürliches Vorgehen gegen Verdächtige legitimiert.

Also waren die Festgenommenen keine Gülen-Anhänger?

Wie gut die Gülen-Bewegung noch in den türkischen Behörden verletzt ist, ist schwer einzuschätzen. Nach den hunderttausenden Entlassungen und Festnahmen, ist jedoch unwahrscheinlich, dass die Bewegung des islamischen Predigers für Erdogan noch eine tatsächliche Gefahr darstellt.

Die lauert für den Präsidenten eher von Seiten der Nationalisten. Auch in der Polizei, die zum Ziel der Razzien wurde, haben diese großen Einfluss.

Im Kampf um die Verfassungsänderung hatte sich auch der politische Arm der nationalistischen türkischen Kräfte, die Partei MHP, in Teilen gegen Erdogan gestellt.

Was wird noch folgen?

Noch sind es Spekulationen. Doch die Nacht-und-Nebel-Festnahme tausender Beamter könnte eine zweite Säuberungswelle einleiten.

Erdogan weiß, dass es für ihn kritische Zeiten sind. Er will jedes Aufbegehren im Keim ersticken.

Den kritischen Denkern in der Türkei könnten düstere Wochen bevorstehen.

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(ks)

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