"Die Nato bereitet einen Angriff auf Russland vor" - mein absurder Besuch in einer russischen Talkshow

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REITI
Boris Reitschuster zu Gast in der Talkshow "60 Minutes" | screenshot
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"Die Nato ist kriegslüstern und will Russland überfallen."

"Die Medien in Deutschland sind von der EU gesteuert."

"Der französische Wahlsieger Emmanuel Macron ist eine Kreatur der Geheimdienste."

Diese Aussagen bekamen rund drei Millionen Fernsehzuschauer der Sendung "60 Minuten" des russischen Staatssenders Rossija1 am Anfang der Woche vorgeführt.

Der Titel der Talkshow: "Die Nato bereitet einen Angriff auf Russland vor“.

"Wer kritisiert, wird nicht gehört"

Auch ich war einer der Gäste in der Sendung. Von den zehn Diskussionsteilnehmern waren acht klar kremltreu. Und sie sind sich offenbar für keine noch so absurde Aussage zu schade – wie etwa, Macron könne nicht ganz normal sein, weil seine Frau viel älter ist als er.

Eingeladen wurde ich, weil ich als Journalist die russische Politik immer wieder kritisiere. Kreml-Kritiker sind in russischen Talkshows seit einigen Monaten gerne gesehene Gäste, um den Propaganda-Sendungen, die Millionen Russen regelmäßig schauen, Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Was ich in der Talkshow erlebt habe, zeigt wie viel Angst die russische Führung mittlerweile vor ihrem Volk und vor der Wahrheit hat - und die Aussagen von den Kreml-Kritikern in den Talkshows geschickt manipuliert werden.

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(Studio von "60 Minutes")

"Die Nato hat sich in eine aggressive Allianz verwandelt"

In dem Ton, in dem die Sendung angefangen hatte, ging es dann auch weiter:

"Der Spiegel" in Hamburg und die deutsche Nachrichtenagentur "dpa" bekämen von der EU knapp zwei Millionen Euro, damit sie im Auftrag Brüssels Nachrichten verbreiten; die Leser würden dabei denken, sie bekämen Informationen aus unabhängiger Quelle, behauptet Alexander Sosnowski, vorgestellt als deutscher Journalist.

Sosnowski, laut Homepage früher für die Deutsche Welle tätig, zitiert an anderer Stelle den deutschen Ex-Verteidigungsstaatssekretär Willy Wimmer (CDU) als Kronzeugen. Wimmer gebe zu, dass sich die Nato von einem Verteidigungsbündnis in eine aggressive Allianz verwandelt habe.

Ich bin in die Sendung zugeschaltet aus Brüssel, mit einem Moderator und zwei Mit-Diskutanten. Meine Redezeit ist in dem Feld von 10 Teilnehmern gering, ich werde meist schnell unterbrochen, kann kaum zu Ende sprechen.

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(Boris Reitschuster zu Gast im Brüsseler Studio von "60 Minutes")

Aber ich versuche, Akzente zu setzen. Auch mit vielen Zwischenrufen. Mit kräftiger Stimme im Kampf gegen das runtergeregelte Mikrophon.

Verschwörungstheorien en masse

Dass Ex-Staatssekretär Wimmer doch ständig in russischen Propaganda-Sendern auftrete, fahre ich Sosnowski in die Parade. Was Wimmer erzählt, wirft bei mir die Frage auf: Wohnt er in einem anderen Deutschland als ich?

Es ist ein striktes Verschwörungs-Weltbild, das die meisten Teilnehmer des Talkshow verbreiten und das hängen bleibt.

Die Nato hat sich darin gegen Russland verschworen, wartet nur noch auf den passenden Moment für den Angriff – dieser Eindruck soll offenbar vermittelt werden.

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(Der ehemalige CDU-Staatssekretär Willy Wimmer zu Gast beim russischen Staatssender "RT Deutsch")

In Frankreich und Deutschland, so scheinen sich fast alle einig, läuft Politik nach den gleichen Mustern ab wie in Russland – als Geheimdienstaktion, als ständige, durchgehende Manipulation, so die Meinung der Mehrheit der Gäste im Studio. Überall sehen sie Verschwörung. Und überall Russland-Feinde.

Die Enthüllungen über den Kandidaten Francois Fillon, dessen Frau 800.000 Euro aus der französischen Staatskasse kassierte, seien doch inszeniert, feixt Boris Nadeschdin.

Millionen Russen ziehen nach Europa - so schlimm kann es also gar nicht sein

Er bezeichnet den Vorgang zwar als "Bestechung", aber sieht darin kein Problem. Im Gegenteil: Bestechungsgelder in solchen Höhen seien doch lächerlich. Das sage aber viel über die Zustände in Russland aus, entgegne ich, wenn man solche Bestechungsgelder als "lächerlich" betrachte – bei uns in Europa sei das nicht so.

Einmal bekomme ich den geballten Applaus des sonst brav auf Seiten der Kreml-Sprecher stehenden Publikums: Als ich mich wundere, dass hier so ein finsteres Bild von Europa gezeichnet werde, während Millionen Menschen immer noch nach Europa streben, auch so viele Russen – so schlimm könnte es doch dann nicht sein bei uns, wie es hier geschildert werde.

Die Sendung "60 Minutes" vom 24.4 - unter den Gästen: Boris Reitschuster. Der Text geht unter dem Video weiter.

Sichtbar nervös wird der Moderator, als ich sage, dass nicht die Nato nach Osten vorrückt, wie in Russland immer behauptet, sondern die Nachbarn Russlands hastig in die Nato flüchten – weil der Kreml so aggressiv ist, ihnen droht.

Dass, wenn in einem Haus ein Bewohner ständig mit allen Nachbarn im Clinch liegt, und meint, alle seien gegen ihn, er sich doch mal fragen sollte, ob es vielleicht auch an seinem Verhalten liegen könnte.

Duma-Abgeordneter will meine Argumente ins Lächerliche ziehen

Tatjana Zhdanoka, Europa-Abgeordnete und stramme Kreml-Streitaxt aus Lettland mit dem Charme einer Sowjet-Propaganda-Funktionärin, die mir gegenübersitzt, verzerrt das Gesicht. Was ich erzähle, passt nicht zu ihren Grusel-Geschichten aus Europa. Über die armen Balten, die von den Amerikanern dominiert werden.

Die Co-Moderatorin – Olga Skabejewa, die vor kurzem ARD-Doping-Reporter Hajo Seppelt rüde provozierte und mit ihm zusammenstieß - unterbricht mich hastig und gibt das Wort dem Duma-Abgeordneten Schelesnjak.

Der versucht, meine Worte ins Lächerliche zu ziehen. Wenn ich jetzt die Nato als Lebkuchenhaus darstelle, sei das Unsinn, das wisse doch jeder, man brauche sich nur die 20 Länder anschauen, die "Opfer von Nato-Aggressionen" wurden.

Im Youtube-Video der Sendung, wo auch der Live-Stream lief, ist genau diese Stelle nicht mehr verstehbar, der Ton ist verzerrt– just ab dem Moment, in dem ich zu sprechen beginne. Aber das liegt wohl an der Technik.

Hier die Stelle mit der technischen Störung im Video. Der Text geht unter dem Video weiter.

Auf der Homepage des Senders ist die Stelle aber normal zu sehen.

Propaganda-Alarmstufe rot

Ich gebe nicht klein bei. Dass Sputnik, staatliches Auslandsmedium des Kremls, im Wahlkampf verbreitete, Macron sei homosexuell, erzähle ich – und man sich dann nicht wundern sollte, wenn Russland nicht den Zuschauerpreis an Sympathie gewinnt.

Schade, dass ich nur die Gesichter der zwei Mitdiskutanten im Brüsseler Studio und des Moderators sehe – und nicht in der Hauptarena in Moskau. Der Moderator im Brüsseler Studio verliert etwas an Farbe im Gesicht.

Sosnowski fällt mir sofort ins Wort, die anderen auch. Propaganda-Alarmstufe rot.

Na ja, irgendjemand habe irgendetwas irgendwann geschrieben.

Nein, halte ich dagegen: Es war ein staatliches russisches Auslandsmedium, das dieses Gerücht in die Welt setzte. Ich wiederhole es ein paar Mal. Es ist, als habe ich in ein Wespennest gestochen.

Auch als ich erzähle, dass Moskau den Front National finanziert, mit Millionen Euro, ist die Reaktion gereizt.

Ob das alles ist, fragt der Moderator, diese paar Kleinigkeiten? Nein, es sei nicht alles, aber ist das allein nicht schlimm genug? Ich wiederhole nochmal die Vorwürfe, kann aber nicht aussprechen.

Schon wieder wird mein Mikrofon runtergefahren

Moskau sei doch an einem einigen Europa interessiert, heuchelt Duma-Mann Schelesnjak. "Wieso unterstützt der Kreml dann rechte, antieuropäische Parteien", rufe ich dazwischen. Er reagiert nicht.

Meine wichtigste und für den Kreml wohl unangenehmste Aussage geht aber leider unter: Dass es in Frankreich halt noch echte Wahlen gibt und Spannung – während in Russland doch alles vorab klar ist – diese Worte sind kaum zu hören, weil mein Mikrophon runtergefahren wird.

Es ist ein Parallel-Universum, das in der russischen Fernsehwelt präsentiert wird.

Kurz vor der Sendung hatte der Moderator in Brüssel ein Interview mit Nato-Generalsekretär Stoltenberg aufgezeichnet. Es war Anlass für die Sendung mit Zuschaltung aus Brüssel und sollte nach der Talkshow gesendet werden.

Skabejewa im Moskauer Studio lobt ihren Co-Moderator und Ehemann in Brüssel: "Du hast mit der Nato aus einer Position der Stärke heraus gesprochen."

"Gebell statt Diskussion"

Ich muss unvermittelt lachen. Ich stelle mir vor, wie groß die Angst der Nato-Männer vor dem Journalisten aus Moskau war.

Sosnowski schreibt später über die Sendung auf seinem Facebook-Account: "60 Minuten, die Brüssel aufrüttelten." Klar doch, Brüssel spricht von nichts anderem mehr, denke ich mir.

Mit einer fairen Diskussion hat diese Sendung nichts zu tun. Die Moderatoren sind Einpeitscher und das Gegenteil von neutral. "Anne Will" ist eine Nonne dagegen.

Eigentlich soll man ja andere beim Sprechen nicht unterbrechen, aber in dieser Sendung konnte ich einfach nicht den Mund halten. Da mein Mikrophon die meiste Zeit heruntergedreht war, waren meine Zwischenrufe aber kaum zu verstehen.

sputnik
(Artikel bei Sputnik-News, in dem Gerüchte über Emmanuel Macrons angebliche Homosexualität verbreitet werden.)

Ein Moskauer Freund fragt mich danach: "Na, wie hast Du Dich gefühlt in diesen Fernseh-Irrenhaus? Das ist Gebell statt Diskussion."

Den Menschen in Russland geht es immer schlechter

Ein anderer schreibt: "Nach einer Minute habe ich den Ton ausgemacht. Die Gesichter, sie sind interessant. In ihnen steckt…Angst. Ehrlich! Ohne Ton sieht man das sehr gut. Sie fürchten, sich selbst einzugestehen, dass sie nicht ewig sind, dass sie irgendwann zur Verantwortung gezogen werden – und das dringt aus ihrem Unterbewusstsein zum Vorschein!"

Man müsste solche Talkshows auf Deutsch übersetzen – denn sie liegen außerhalb dessen, was sich der normale Westeuropäer vorstellen kann – und wo seine Schmerzgrenze sind.

Was steckt hinter dieser Propaganda?

Den Menschen in Russland geht es immer schlechter, die jungen Menschen haben keine Perspektiven.

Feindbilder und Angst vor einem Angriff der Nato sollen ablenken – von der gescheiterten Innen- und Wirtschaftspolitik Putins, von Korruption und Willkür. Fatal ist nur, dass dabei Menschen und ganze Völker verunsichert und gegeneinander aufgehetzt werden.

Kreml-Kritiker sollen der Sendung Glaubwürdigkeit verleihen

Warum lädt das russische Fernsehen plötzlich scharfe Kritiker Putins wie mich ein?

Weil die Glaubwürdigkeit der Talkshows nach 15 Jahren Propaganda gegen null geht. Gemäßigt kritische Stimmen, auch aus dem Ausland, kommen dort schon seit einiger Zeit zu Wort – aber nur in homöopathischer Dosis oder in der Opferrolle.

Mit der Einladung von lautstarken Kritikern, die massiv kontra geben können, versucht der Kreml offenbar, das Image seines gesteuerten TVs aufzupolieren. Dafür muss er riskieren, dass aufmüpfige Gäste bei einem Teil der Zuschauer Zweifel an den Lügen und absurden Verschwörungstheorien wecken.

Und dass sie Einblicke ins Herz des vom Kreml gesteuerten Propaganda-TVs bekommen, darüber aufklären können, wie in diesem Artikel.

Potemkinsche Fassade für den Propaganda-Apparat

So ein Auftritt bietet deshalb Chancen. Aber die sind sehr genau gegen die Risiken abzuwägen. Nicht nur, dass man schnell unter die Räder der Propaganda-Maschinerie gerät.

Natürlich wollen die TV-Macher kritische Gäste ausnutzen, um ihre Shows glaubwürdiger zu gestalten: Als Potemkinsche Fassade für den Propaganda-Apparat.

Es auf ein paar Versuche ankommen zu lassen und darüber zu berichten, ist journalistische Pflicht.

An solchen bizarren Spektakeln regelmäßig teilzunehmen, wäre aber nicht nur extrem belastend für die Nerven – man würde auch Gefahr laufen, trotz aller guten Absichten weniger Aufklärer zu sein als vielmehr nützlicher Idiot.

Mehr zum Thema: Plötzlich steckte ich in einem Polit-Thriller: Was ich als Putinkritiker in einer russischen Talkshow erlebt habe

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