Verfassungsschutz ermittelt: Wie "Reichsbürger" ein idyllisches Dorf in Bayern in Aufregung versetzen

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Bolsterlang im Allgäu | getty
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Die Wolken hängen tief über Bolsterlang.

Es ist still im Ort. Kaum ein Mensch lässt sich an diesem Dienstag auf den gewundenen Straßen und Wegen blicken. Kirche und Kneipen sind leer, so wie die meisten Gondeln der Hörnerbahn, die gemächlich den südlich gelegenen Berghang auf- und absteigen.

Doch das Idyll täuscht.

Ein bleiernes Schweigen liegt über dem kleinen Dorf im Allgäu, im äußersten Südwesten Bayerns. Denn das Dorf steht im Visier von Reichsbürgern - und deshalb seit neuestem auch unter Beobachtung des Verfassungsschutzes.

Die Staatsschützer glauben, dass sich in dem Dorf Anhänger der gefährlichen rechtsnationalen Bewegung eingenistet haben. Man muss wissen: Die Reichsbürger lehnen die Bundesrepublik als Staat ab.

Schlagzeilen machte die Bewegung vor einigen Monaten, als ein Reichsbürger in Bayern einen Polizisten erschoss.

Vier Gemeinderäte sind in Bolsterlang bereits zurückgetreten, weil sie im Verdacht stehen, der Bewegung anzugehören. Gegen die Bürgermeisterin wird wegen dieses Verdachts derzeit ermittelt.

Doch wie ein Besuch in dem Ort zeigt, verdrängen die Dorfbewohner das Problem. Und fördern so die Bewegung unfreiwillig, indem sie ihren Vertretern ein Podium geben.

Auf Spurensuche in einem Dorf, das nichts von den gefährlichen Rechtsradikalen in seiner Mitte wissen will.

Reichsbürger: Demokratiefeindliche, gefährliche Waffennarren

Das Dorf ist den Skandal um die mutmaßlichen Reichsbürger in seiner Mitte, der vor rund einem Jahr seinen Anfang nahm, längst satt. Bolsterlang lebt vom Tourismus, an fast jedem der rustikal-hübschen Fachwerk- und Holzhäuser hängt ein Schild, das freie Ferienwohnungen anpreist.

Die Bolsterlanger sind bemüht, das südbayerische Idyll aufrecht zu erhalten. Denn sie verdienen gut daran. Mehr als 800 Euro kann eine Wohnung für zwei Personen pro Woche kosten.

bolsterlang_tourismus Malerisches Winteridyll - Bolsterlang wirbt mit solchen Fotos für Touristen

Schlechte Presse und die Geschichten um die Reichsbürger vertreiben die Touristen, so fürchten die Dorfbewohner.

Etwa 10.000 Reichsbürger gibt es in Deutschland. Die Dunkelziffer liegt wohl weit höher. Mindestens 1700 Angehörige der
rechtsnationalistischen Bewegung vermuten Ermittler in Bayern.

Einer von ihnen kommt im März 2016 nach Bolsterlang.

Der Mann hält einen Vortrag im Gemeindesaal des Dorfes - und verbreitet wirre Thesen über souveräne Gemeinden und Enteignungen durch den Staat.

Die Mitglieder der Reichsbürger lehnen die Bundesrepublik und die Demokratie ab, rechtsextremes Gedankengut und Verschwörungstheorien sind unter ihnen weit verbreitet.

"Die Ideologie ist im Grundsatz geeignet, aus einer anfänglichen Ablehnungshaltung gegenüber dem Staat zu Staatshass zu führen", warnt ein Sprecher der bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz in einem Schreiben an die Huffington Post.

Bayerns Landesregierung hält die Reichsbürger für „demokratiefeindlich“ und „geradezu erpresserisch“. 370 bayerische Bürger mit Waffenerlaubnis stehen laut dem bayerischen Verfassungsschutz unter dem Verdacht, Reichsbürger zu sein.

Der Mann mit den gelben Scheinen

Der Reichsbürger, der im vergangenen März nach Bolsterlang kam, trug aber keine Waffen bei sich, wie man heute weiß. Stattdessen warb er für den Staatsangehörigkeitsausweis, den sogenannten gelben Schein.

Diesen braucht man als normaler Bürger eigentlich nur selten, etwa bei Adoptionen aus dem Ausland oder der Einbürgerung ausländischer Ehepartner. Für Reichsbürger hingegen ist der gelbe Schein ein Zeichen nationaler Identität, ein Dokument des richtigen Deutschseins.

Mehr zum Thema: Sie leugnen die Existenz der Bundesrepublik: Wie die "Reichsbürger" Deutschland lahmlegen wollen

Den Vortrag des Mannes mit den gelben Scheinen besuchen damals auch vier Gemeinderäte des Dorfes – und die Bürgermeisterin, Monika Zeller. Später wollen sie nichts davon wissen, einen Reichsbürger zu sich eingeladen zu haben.
Den gelben Schein aber haben sie jedoch alle beantragt.

staatsangehörigkeitsausweis Der sogenannte "gelbe Schein", der Staatsangehörigskeitsausweis

Als das im März dieses Jahres herauskommt, müssen die vier Gemeinderäte nach Protesten einiger entschlossener Bolsterlanger zurücktreten. Gegen Bürgermeisterin Zeller ermittelt seitdem der bayerische Verfassungsschutz.

“Reichsbürger“ unterwandern den bayerischen Staatsapparat

"Seit Ende Oktober 2016 steht die gesamte Reichsbürgerbewegung unter Beobachtung des Bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz", bestätigt die Behörde der Huffington Post.

Damals schoß im mittelfränkischen Georgensmünd ein 49-jähriger "Reichsbürger“ mehrere Polizisten nieder. Einer der Beamten starb.

Bei den Ermittlungen stellt sich heraus: Der Schütze hatte gute Beziehungen zur bayerischen Polizei, unterhielt eine WhatsApp-Gruppe mit einem Haupt- und einem Oberkommissar.

In ganz Bayern wurden mittlerweile zehn Polizisten vom Dienst suspendiert, weil sie Kontakte zu "Reichsbürgern“ pflegten – mehr als in jedem anderen Bundesland.

Insgesamt gibt es 20 Fälle, in denen die Verbindungen von bayerischen Staatsbediensteten zu der Gruppierung untersucht werden.

Es scheint ihr gelungen zu sein, den bayerischen Staatsapparat zu unterwandern. Wie sowas seinen Anfang nehmen kann, ist auch in Bolsterlang zu beobachten.

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes haben sich bereits regionale Schwerpunkte der "Reichsbürger“ in Bayern gebildet, etwa in der Region Bayreuth und im Landkreis Dachau.

Im Jahr 2016 wurden 20 "Reichsbürger“ allein in Bayern verurteilt. CSU-Innenminister Herrmann warnte im Februar: „Sie werden zunehmend gewalttätig.“

Jetzt rückt also das unscheinbare Bolsterlang in den Fokus der Bewegung.

Die Bolsterlanger wollen einfach ihre Ruhe haben

Mit Reportern und Journalisten wollen sie in Bolsterlang über die "Reichsbürger“ nicht reden. Nicht die Ladenbesitzer, nicht die Hotelbetreiber, nicht die Bäcker und auch nicht die Angestellten der Gästeinformation.

Selbst im Rathaus gibt es keine Auskunft. Die Bürgermeisterin hat sich für zwei Wochen in den Urlaub verabschiedet. Nur eine Kassiererin ist bereit über die Stimmung im Dorf zu Auskunft zu geben.

bolsterlang Nebel über Bolsterlang: Das Dorf hüllt sich in Schweigen

Über die Reichsbürger werde schon gesprochen, sagt sie. “Aber nicht mit Sorge.” Die junge Frau glaubt nicht, dass Bolsterlang unterwandert worden ist. Dass man sich einen Reichsbürger zum Vortrag eingeladen hat, habe die Bürgermeisterin wohl nicht gewusst, glaubt die Kassiererin.

Die Ermittler glauben das nicht. Die Landesanwaltschaft hat mittlerweile ein Disziplinarverfahren gegen Monika Zeller eingeleitet.

Mehr zum Thema: Neonazis, Reichsbürger und Hass-Kommentare: Deutschland rechtsradikalisiert sich

(ben)

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