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24/04/2017 11:59 CEST | Aktualisiert 24/04/2017 12:29 CEST

Das Antiepileptikum Valproat trägt Schuld an Missbildungen bei über 4.000 Kindern – und es wird noch verkauft

asiseeit via Getty Images
Gefährliches Medikament Valproat. Jetzt klagen die Betroffenen.

Schwangere Frauen, die Medikamente mit dem Wirkstoff Valproat einnehmen, riskieren, dass ihr Baby mit Missbildungen zur Welt kommt.

Doch trotz fataler Nebenwirkungen wird es immer noch verschrieben.

Diese Gefahr ist seit Jahrzehnten bekannt - doch das Medikament wird immer noch verkauft. Der Grund: Der Wirkstoff Valproat. Dieser wird bei Epilepsie und bipolaren Störungen verschrieben und ist in bestimmten Fällen das einzige bekannte Mittel, das den Betroffenen helfen kann.

Französische Familien verklagen den Pharmakonzern Sanofi

Immer mehr Studien konnten belegen, dass die Einnahme von Valproat während der Schwangerschaft bei den Babys zu Intelligenzminderung, Autismus oder Missbildungen wie einem offenen Rücken oder einer Gaumenspalte führen kann.

Deshalb darf nach einer EU-Regelung im Jahr 2014 Valproinsäure an Frauen im gebärfähigen Alter nur noch im absoluten Ausnahmefall verschrieben werden.

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Doch offenbar hielten sich französische Ärzte nicht daran. Laut der französischen Arzneimittelaufsicht ANSM sind bis zu 4.100 Kinder in Frankreich wegen der Einnahem von Valproat mit schweren Missbildungen auf die Welt gekommen.

Auch nach 2014 seien noch etwa 450 Babys durch das Medikament geschädigt oder tot geboren worden.

Jetzt verklagen betroffene Familien deshalb den französischen Pharmakonzern Sanofi, der das Medikament herstellt. Die Frauen seien vor der Einnahme nicht auf die Gefahren für ihr ungeborenes Baby hingewiesen worden.

In Deutschland wird Valproat etwa 250.000 Mal jährlich an Frauen verschrieben

Doch wie sieht es in Deutschland aus? Laut der Bundesregierung wird Valproinsäure in Deutschland weniger häufig als in Frankreich verschrieben.

Das Gesundheitsministerium hat diesen Monat für das Medikament zudem die Einführung einer Patientenkarte angeordnet. Auf eine Anfrage der Partei "Die Linke" hin erklärte das Gesundheitsministerium aber, dass es keine Untersuchungen zur Verschreibungspraxis der Ärzte in Deutschland durchführen wolle.

Laut dem "Spiegel" ist das Medikament in den letzten zehn Jahren etwa 250.000 bis 290.000 Mal jährlich an Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter verordnet worden.

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Nun verklagen die Betroffenen den Pharmakonzern Sanofi. Credit: Wikimedia Commons

Das Magazin recherchierte die Zahlen beim Wissenschaftlichen Institut der AOK. In Deutschland könnte es also auch Betroffene geben.

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Die Ärzte stecken bei der Verschreibung von Valproat in einem Dilemma.

"Valproat gehört zu den wirkstärksten Mitteln bei bestimmten Epilepsien", sagte Hajo Hamer, Neurologe und Chefarzt an der Universität in Erlangen, der "FAZ".

Deshalb sei es in manchen Fällen das einzige Medikament, das einen Anfall verhindern kann. Ein epileptischer Anfall während der Schwangerschaft bedeute ein erhebliches Risiko für das ungeborene Kind. "Wenn Anfallsfreiheit das höchste Gut ist, dann gibt es zu Valproat manchmal keine Alternative“, sagte Hamer.

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(mm)

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