POLITIK
24/04/2017 10:26 CEST | Aktualisiert 24/04/2017 12:03 CEST

Radikalisierte Erstwähler: Warum Marine Le Pen den Kampf um Frankreichs Zukunft doch gewinnen könnte

NurPhoto via Getty Images
Junge Frau sitzt nach dem ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl in Paris Polizisten gegenüber

Europa atmet auf: Eigentlich ist alles noch mal gut ausgegangen. Das könnte man zumindest meinen, wenn man sich die Kommentare vieler Medien zur ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl anschaut.

Der Liberale Emmanuel Macron gewinnt vor der Rechtsradikalen Marine Le Pen. Und in der Stichwahl, so die einhellige Hoffnung, wird sich eine ganz große Koalition finden, die einen Wahlsieg des Front National und damit das Ende der Fünften Republik verhindern.

Macrons Sieg ist noch lange nicht ausgemacht

Und doch ist die weit verbreitete Erleichterung über das Wahlergebnis in Frankreich trügerisch. Das gilt besonders mit Blick auf das Wahlverhalten der jüngeren Wähler.

Bei den 18- bis 24-Jährigen kamen die Kandidaten der radikalen Rechten und der radikalen Linken zusammen auf 51 Prozent der Stimmen. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon lag bei den Erstwählern mit 31 Prozent vorn, vor Marine Le Pen mit 21 Prozent.

Das sind für beide Kandidaten zusammen gut zehn Prozent mehr als im Schnitt aller Wähler.

Auch bei den Wählern der mittleren Generationen sah das Ergebnis kaum weniger beruhigend aus. Unter den 25- bis 34-Jährigen holten Links- und Rechtsradikale 48 Prozent der Stimmen, bei den 35- bis 49-Jährigen waren es ebenfalls 51 Prozent.

Es lag vor allem an den älteren Wählern, dass Macron den ersten Wahlgang gewann. Zwar holte er auch bei den 25- bis 34-Jährigen überdurchschnittlich viele Stimmen, aber nur bei den Wählern jenseits der 60 erzielten gemäßigte Politiker wie Macron zusammen eine klare Stimmenmehrheit.

Und das ist auch ein Fingerzeig auf das, was Frankreich im zweiten Durchgang der Präsidentenwahl erwartet: Vielen jüngeren Franzosen ging es um eine Abwahl des bisherigen Systems. Sie wollten ein anderes Frankreich. Und deswegen ist das Rennen um das höchste Amt in Frankreich noch lange nicht gelaufen.

Oskar Lafontaines Männerfreund

Denn, dass sich die enttäuschte Jugend jetzt auf einmal für Macron begeistert, ist eher unwahrscheinlich. Warum, zeigt ein Blick auf das radikale Wahlprogramm von Jean-Luc Mélenchon.

Der Männerfreund von Oskar Lafontaine galt in den letzten Wochen des Wahlkampfs als Shootingstar. Sein Wahlprogramm wurde im französischen Buchhandel zum Bestseller.

Darin forderte er unter anderem die Aufkündigung der EU-Verträge und deren Neuverhandlung. „Das Europa unserer Träume ist tot“, stand dort. Darüber hinaus solle Frankreich aus der Nato austreten. Immer wieder bezog er auch Position für Russland im Ukraine-Krieg.

Für Frankreich versprach er einen radikalen Systemwechsel.

Die Fünfte Republik mit ihrem von Charles de Gaulle geschaffenen Präsidialsystem wollte er beenden. Er plante, die 32-Stunden Woche einzuführen und kündigte an, im Falle eines Wahlsiegs ein Investitionsprogramm in Höhe von 100 Milliarden Euro zu starten. Woher er das Geld nehmen wollte, blieb aber weitgehend unklar.

Prekäre Lage der französischen Jugend

Das sind offenbar genau die Versprechen, die junge Franzosen gerne hören wollten.

Dazu muss man wissen: In Frankreich ist die wirtschaftliche Lage von Menschen unter 25 weitaus prekärer als in Deutschland. Fast ein Viertel der Menschen in dieser Altersklasse hat derzeit keinen Job, prekäre Arbeitsverhältnisse sind weit verbreitet. Noch mehr als in Deutschland profitieren vor allem die älteren Arbeitnehmer von den sozialen Segnungen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren erkämpft wurden.

Die Radikalisierung der französischen Jugend war absehbar.

Schon im Vorfeld der letzten französischen Regionalwahlen wurde deutlich, wie stark der Zustrom junger Wähler zum Front National ist. Im März veröffentlichte die „Financial Times“ eine Umfrage zur Präsidentenwahl, wonach Erstwähler zu 40 Prozent beabsichtigten, Marine Le Pen zu wählen.

Es mag sein, dass Jean-Luc Mélenchon für viele der Radikalisierten zuletzt wie das „kleinere Übel“ gewirkt haben könnte. So lässt sich auch sein überraschender Aufstieg in den letzten Wochen vor der Wahl erklären, der ihn von Zustimmungswerten von etwa 13 Prozent bis nahe an die 20-Prozent-Marke geführt hat. Mélenchon war zeitweise der beliebteste Politiker Frankreichs.

Im zweiten Wahlgang jedoch werden die Karten noch einmal neu gemischt.

Sicherlich ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass Le Pen doch noch das Rennen macht. Aber wenn sie ein gutes Ergebnis holt, dann wird das vor allem an den Stimmen der radikalisierten Jungwähler liegen. Und das ist keine gute Nachricht für künftige Wahlen in Frankreich.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Sponsored by Trentino