Ein Volk rechnet mit seinen Eliten ab. Nach dieser Wahl wird in Frankreich nichts mehr sein, wie es war

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MACRON
Emmanuel Macron, head of the political movement En Marche !, or Onwards !, and candidate for the 2017 French presidential election, celebrates on stage at the Parc des Expositions hall in Paris after partial results in the first round of 2017 French presidential election, France, April 23, 2017. REUTERS/Philippe Wojazer TPX IMAGES OF THE DAY | Philippe Wojazer / Reuters
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Ein Volk rechnet mit seinen Eliten ab. Beim ersten Wahlgang der französischen Präsidentenwahl hat ein politischer Jungstar, der sozial-liberale Europa-Freund Emmanuel Macron, laut Hochrechnungen die meisten Stimmen bekommen. Er verwies die Rechtspopulistin Marine Le Pen auf Rang zwei.

In Europa herrscht Erleichterung über das gute Abschneiden Macrons. In der ersten Euphorie stieg der Euro bis auf 1,0933 US-Dollar und damit den höchsten Stand seit fast fünf Monaten.

In der Erleichterung wird übersehen, was für eine brutale Abrechnung mit den Eliten des Landes diese Wahl ist. Es ist eine Revolution.

Frankreichs Zwei-Parteien-System gibt es nicht mehr

Die Kandidaten der traditionell stärksten Parteien, die Sozialisten und die konservativen Republikaner, wurden auf die Ränge drei und vier verwiesen. Frankreichs Zwei-Parteien-System gibt es nicht mehr.

Laut Innenministerium kommt Macron auf fast 24 Prozent, Le Pen auf 22 Prozent. Knapp unter 20 Prozent erreichte der Konservative François Fillon, der Linke Jean-Luc Mélenchon verbuchte 19 Prozent für sich.

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Kaum zu fassen: Der Kandidat der regierenden Sozialisten, Benoit Hamon, erhielt nur 6,35 Prozent. Der derzeitige Präsident François Hollande war sich seiner phänomenal schlechten Umfragewerte bewusst und ist erst gar nicht zur Wahl angetreten.

Über der Erleichterung über Macrons gutes Abschneiden darf nicht vergessen werden, dass die 48-jährige Le Pen besser abschnitt, als vor fünf Jahren, als sie im ersten Wahlgang 17,9 Prozent der Stimmen geholt hatte.

Die rechtkonservative Zeitung "Le Figaro" jammert: "Ein immenser Schlamassel (...) Die Rechte, die fünf Jahre lang in den Umfragen haushoch vor den Sozialisten lag, (...) diese Rechte, der der Sieg nicht entgehen konnte, ist jäh eliminiert worden."

Auch "Le Monde" aus Paris schreibt: "Das Jahr 2017 ist in dieser Hinsicht eine Ruptur: Niemals in der Geschichte haben die beiden Hauptformationen unseres politischen Lebens zusammengerechnet ein so schwaches Ergebnis eingefahren."

"Fataler Schlag für die Fünfte Republik"

Die sozialdemokratische "Liberation" sieht bereits das Ende der Republik kommen: "Fünfte Republik außer Atem (...) Diese erste Runde der Präsidentschaftswahl hat unserer Fünften Republik einen heftigen und vielleicht fatalen Schlag versetzt. (...) Sie ist dabei, unfähig zu werden."

Der 39-jährige Emmanuel Macron geht nun als Favorit in die Stichwahl um das Amt des französischen Staatspräsidenten. Marcons Bewegung "En Marche!", der sich binnen Monaten Hunderttausende angeschlossen haben, ist gerade mal ein Jahr alt. Einen klassischen Parteiapparat hat er bis heute nicht. Er führte sein Wahlkampfteam wie ein Start-up-Unternehmen.

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Nach dem Ergebnis des ersten Wahlgangs vom Sonntag hat Macron die besseren Chancen, obwohl er in Hochrechnungen wenig Vorsprung vor Le Pen hatte. Denn sofort riefen die gemäßigten unter den neun unterlegenen Kandidaten ihre Anhänger auf, Macron zu unterstützen.

Frankreichs Wähler wünschen sich Veränderungen. Wenn die Wahl Hoffnung macht, dann ist es die Erkenntnis, dass ein Volk an der Wahlurne mit seinen Eliten abrechnen kann, ohne den Fehler der Amerikaner bei Präsidentschaftswahl oder den Briten beim Brexit-Votum zu begehen.

Wenn ihm eine Alternative angeboten wird.

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(ks)

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