Eine Zahl aus dem Armutsbericht zeigt, dass Millionen Menschen nicht vom Wirtschaftsboom profitieren

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Eine Zahl zeigt, wie wenig Millionen Menschen in Deutschland vom Wirtschaftsboom profitieren | Sean Gallup via Getty Images
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  • Deutschland streitet darüber, ob die Ungleichheit im Land zunimmt
  • Eine Statistik im Armutsbericht der Bundesregierung zeigt, dass der Wirtschaftsboom nicht allen zugute kommt

Im Wahlkampf diskutieren die Menschen in Deutschland vor allem über eine Frage: Wie gerecht geht es in der Bundesrepublik zu?

Dabei herrscht wenig Einigkeit - selbst in der Frage, ob die Armut in Deutschland in den vergangenen Jahren gesunken oder gestiegen ist. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Arbeitgeberverbände verweisen gerne auf die gute wirtschaftliche Lage und meinen, es sei den Deutschen nie besser gegangen.

Die Bundesregierung warnt in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht jedoch vor einer Spaltung der Gesellschaft. Doch die rund 600 Seiten haben die Debatte nicht unbedingt weiter gebracht.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" hat aus dem Wust der Zahlen nun eine Statistik ausgegraben, die zeigt: Im Kampf gegen die Armut ist Deutschland in den vergangenen Jahren nicht weitergekommen.

So viele Menschen haben nicht vom Aufschwung profitiert

In der Statistik wird erfasst, wie viele Menschen von staatlicher Hilfe abhängig sind, um auf die Höhe des Existenzminimums zu kommen. Und das waren sowohl 2006 wie auch 2015 dieselbe Anzahl von Menschen: Knapp acht Millionen.

Das heißt: Vom wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland, der in diesen Jahren stattfand, konnten Millionen Menschen nicht profitieren. Der Wirtschaftsboom hat nicht alle Menschen erreicht.

Diese eine Zahl, die acht Millionen, kann bei der Debatte helfen, wie wie groß die Ungleichheit in Deutschland ist.

Denn verschiedene Verbände und Sozialforscher streiten über die richtige Definition von Armut.

Armut ist schwer zu fassen

Für viele Sozialwissenschaftler ist jeder armutsbedroht, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband gibt es demnach rund 13 Millionen Arme in Deutschland.

Mehr zum Thema: Warum die Diskussion um Armut in Deutschland so kompliziert ist

Kritiker verweisen darauf, dass Armut und Armutsgefährdung nicht dasselbe seien.

Mit letzteren bemesse man Ungleichheit, aber keine miserablen Lebensumstände. In Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer als Alleinstehender weniger als 917 Euro zum Leben hat. Dabei macht es aber einen bedeutenden Unterschied, ob eine Person in München oder in Berlin über dieses Einkommen verfügt.

Bei dieser Debatte gerät das eigentlich Problem jedoch aus dem Fokus. Die Zahl aus dem Armutsbericht der Bundesregierung lässt sich jedoch nicht wegdiskutieren: Acht Millionen Menschen sind in Deutschland abgehängt.

Deutschland hat ein Armutsproblem

"Man kann die Zahl der acht Millionen Hilfsbedürftigen natürlich relativieren, und man kann sie erklären, aber eines sollte man nicht tun: die Augen davor verschließen, dass es in Deutschland eine große Zahl von Menschen gibt, die es aus der Armut auch in guten Zeiten nicht herausschaffen".

Eine Erklärung für die Stagnation der Zahlen sind Zuwanderer und Flüchtlinge, die ins Land kamen. Aber das schmälert die Herausforderung nicht. Man müsse es offen aussprechen, lautet das Fazit der "Zeit": "Deutschland hat (wieder) ein Armutsproblem".

Millionen Menschen in Deutschland drohen, abgehängt zu werden. Oder sind es bereits. Dabei trifft es vor allem Alleinerziehende, Arbeitslose, Ausländer, Senioren und Kinderreiche. 43,8 Prozent aller Alleinerziehenden beispielsweise waren 2015 armutsgefährdet.

Auch zwei Millionen Kinder sind von Armut bedroht, weil kein Elternteil erwerbstätig ist oder ein Alleinverdiener nur in Teilzeit arbeitet.

Diese Menschen müssen im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte stehen. Der wirtschaftliche Aufschwung muss sich auch bei ihnen bemerkbar machen.

Mehr zum Thema: Bevor du über soziale Ungerechtigkeit in Deutschland diskutierst, solltest du diese 7 Fakten kennen

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(ks)

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