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Plötzlich steckte ich in einem Polit-Thriller: Was ich als Putinkritiker in einer russischen Talkshow erlebt habe

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Boris Reitschuster ist der Russland-Experte der HuffPost - und sprach jetzt in einer Talkshow | Mesto_vstrechi
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HuffPost-Russlandexperte und Putin-Kritiker Boris Reitschuster bekam plötzlich einen Anruf aus Moskau: die Einladung in eine bekannte russische Talkshow. Und schon steckte er mitten in einem Polit-Thriller mit noch offenem Ausgang.

Hätte mir diesen Montag beim Osteressen in Berlin jemand erzählt, dass ich innerhalb weniger Minuten aus der Berliner Gemütlichkeit in einen Moskauer Polit-Thriller gerissen werde – ich hätte ihn für verrückt erklärt.

Ich ging davon aus, dass ich so schnell nicht mehr nach Russland reisen kann – im schlimmsten Fall für Jahre. Dabei ist Moskau meine Wahlheimat. Ich habe 16 Jahre dort gelebt. 2012 musste ich wegziehen, weil es zu gefährlich wurde.

Zwar habe ich noch ein Visum – aber gleichzeitig hatte ich die deutliche Empfehlung aus "gut informierten Kreisen", ich solle mein Glück nicht auf die Probe stellen. Kurz: Ohne explizite Einladung sollte ich lieber nicht nach Russland reisen.

Der "schlimmste Russland-Hasser" zu Gast in Moskau

Wenn man wie ich von der Polizei geschlagen, absichtlich angefahren und festgenommen worden ist, wenn man wegen seiner Kritik an Putin und seinen Büchern als schlimmster Russland-Hasser und Goebbels-Nachfolger beschimpft wird, wenn man erlebt hat, wie Kollegen unter Druck gesetzt, festgenommen und ermordet wurden - dann nimmt man solche Warnungen ernst.

Der Salat war noch nicht angefasst, da klingelte mein Handy. Eine unbekannte russische Nummer. Was mich auch immer geritten hat – ich ging ran.

Am anderen Ende ein Producer des russischen Fernsehsenders NTW: "Ich heiße Stas. Können Sie morgen in unsere Sendung kommen – "Mesto wstretschi" ("Treffpunkt")?"

Der erste April sei doch vorbei, antworte ich. Denn es ist erst ein paar Tage her, dass ich in einem meiner Texte in der Huffington Post massiv russische Talkshows kritisiert hatte.

Nein, es sei ernst gemeint, sagt Stas, ein freundlicher junger Mann. Was dann folgt, kann ich immer noch kaum fassen.

Solche Einladungen gab es schon vorher – aber immer nur für Aufzeichnungen. Oder für Sendungen, in denen ich übel vorgeführt wurde. "Aufzeichnung" – das bedeutet, dass nachträglich alles zurechtgeschnitten werden kann.

"Ich kann sagen, was ich will? Keine Tricks?"

"Nein, bei uns sind Sie live auf Sendung", versichert Stas. Ich wiederhole meine Frage ein paar Mal. Er bleibt dabei. "Live für die Pinguine?", hake ich nach. So nennt man im Moskauer TV-Jargon Sendungen, die zwar im Fernen Osten Russlands live zu sehen sind – darunter auch Tschukotka, der russische Widerpart zu Alaska -, aber eben nicht dort, wo die Mehrheit der mehr als 140 Millionen Russen leben.

Die Antwort: kein Pinguin-Live. Echt live. Das Thema: das Referendum in der Türkei, und die Reaktionen in Europa. "Und ich kann sagen, was ich will?", frage ich ungläubig. "Was Sie wollen!"

"Keine Fouls? Keine Tricks?" –
"Nein, Sie haben mein Wort!"

"Bis wann brauchen Sie Bescheid"?
"Innerhalb einer Stunde."

"Und wann müsste ich fliegen?"
"In vier Stunden, heute Nacht noch!"

Das saß. Allein der Gedanke, in ein paar Stunden in Moskau zu sein – was gerade noch jahrelang entfernt schien. Da war Euphorie. Und da war Angst.

Man denkt in solchen Situationen an all die Warnungen, an all die alten Geschichten, die Prügel von der Polizei, die Festnahme 2007, die Morddrohungen.

Fliegen oder nicht fliegen?

Hastig mache ich mich ans telefonieren und chatten. Von Bekannten mit sehr guten Drähten nach ganz oben, von denen es bisher die Reisewarnung gab, kommt grünes Licht. Freies Geleit. Und auch aus anderer guter Quelle das Signal: "Keine Fouls!"

Fliegen oder nicht fliegen? Risiko oder Sicherheit? So kurzfristig die Einladung – ob es wirklich keine Falle ist? Durch mein Gehirn jagen in dieser Stunde wahrscheinlich mehr Gedanken als sonst an einem ganzen Tag.

"Mach das bloß nicht!", warnt mich ein deutscher Kollege: "Viel zu riskant!"

Doch dann fasse ich mir ein Herz: "Du beklagst dich ständig, dass du in Russland nicht zu Wort kommst – jetzt bieten sie dir das an, jetzt wird nicht gekniffen!"

Mir ist etwas mulmig, als ich wenige Stunden später, um kurz nach 22 Uhr das Haus verlasse. Und noch mulmiger, als ich um 23.15 Uhr im Flughafen Berlin-Schönefeld sitze, während draußen die Aeroflot-Maschine nach Moskau anrollt.

"Noch kannst Du bleiben", sagte eine Stimme in mir.

Mehr zum Thema: Die Generation Putin rebelliert: Russlands Jugend hat genug von der Korruption und Propaganda des Kreml

Ich steige ein. Die Maschine ist fast leer. Um 0.30 Uhr bin ich gefühlt wieder in Russland – wenn auch nur in einem Flugzeug, und noch in Berlin.

Aber es gibt kein Zurück mehr. Während des zweieinhalbstündigen Flugs mache ich kein Auge zu. Ich fühle mich, als hätte ich zwanzig Tassen Kaffee getrunken.

Und dann das: Sternenklarer Himmel, beste Weitsicht, und auf einmal sehe ich Moskau, erst die Vororte, dann fliegt der Pilot eine Schleife, den ganzen Norden der hell erleuchteten Stadt entlang ist. Ganz hinten zeichnen sich die Kreml-Türme ab. Was für ein Moment.

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Aus Sicherheitsgründen (Hacken!) ist es ratsam, nur alte Technik nach Moskau mitzunehmen – daher das schlechte Bild vom Uralt-Handy

Nach der Euphorie das bange Gefühl: Kommst Du rein? Wird Dir die Einreise verweigert wie dem CDU-Abgeordneten Karl-Georg Wellmann 2015, der die Nacht am Flughafen verbringen musste und dann in den nächsten Flieger zurück nach Deutschland gesetzt wurde?

Ich folge jedem Gesichtszug der jungen Grenzbeamtin, als sie in ihrem Computer meine Daten anfordert und dann liest. Keinerlei besondere Regung. Gott sei Dank! Sie greift routiniert nach dem Stempel, drückt ihn in meinen Pass und reicht ihn mir: "Danke!"

Ich bin da. 50 Meter weiter die Zöllner. Einer lächelt und winkt mich durch. "Warum hast Du den nicht kontrolliert?", höre ich den anderen seinen Kollegen fragen.

Die Antwort höre ich nicht mehr.

"Wissen sie wirklich, wer ich bin?"

In der Ankunftshalle fehlt jede Spur von dem Fahrer, der mich abholen soll. Ist doch etwas faul? Nein. Er war nur auf der Toilette. Durch das nächtliche Moskau geht es Richtung Hotel. Es fühlt sich an wie eine Rückkehr nach Hause.

Im Hotel bekomme ich kein Auge zu. Moskau liegt mir zu Füßen, in der Morgendämmerung, hinter dem Fenster des 18. Stocks, im Hotel, einem der alten Stalin-Hochhäuser.

Ich bin aufgewühlt, als ich um 12 Uhr abgeholt werde – ins Fernsehzentrum im Stadtteil Ostankino. Der Fahrer preist die ganze Fahrt über Putin in den höchsten Tönen.

Vor dem Studio begrüßt mich Stas. Der Producer strahlt über das ganze Gesicht: "Schön, dass Sie da sind!" Ich wiederhole die gleichen Fragen. Nein, keine Tabu-Themen, ich kann sagen was ich will. Nein, kein Pinguin-TV. Alles live.

"Sie wissen wirklich, wer ich bin, wen Sie eingeladen haben?", frage ich nochmal. Und ob! Er kennt meine Artikel in der Huffington Post, meine Posts auf Facebook – einige davon hatte ich selbst schon vergessen.

"Linientreue" gegen "Kritiker"

Kurz vor 14 Uhr geht es ins Studio. Ich komme mir vor wie in einem anderen Universum. Wer deutsche Talkshows gewohnt ist, kommt sich hier vor wie auf einem Marktplatz. Emotionen über Emotionen – obwohl die Sendung "Mesto wstretschi" für russische TV-Verhältnisse eher eine der ruhigeren ist.

Das Studio erinnert an einen Ring, auf der einen Seite die vier "Linientreuen", gegenüber die vier "Kritiker", zumindest soll es so aussehen – mitten drin ich – und an der Kopfseite die vier "Experten".

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Dazwischen junge Frauen mit Mikrofonen – die das Rederecht verteilen. Strikt nach Regieanweisung über Ohrknopf.

Dass die USA der Weltbösewicht sind und eine Verschwörung nach der anderen anzetteln, ist offenbar Konsens.

Erdogan? Nur ein Instrument in den Händen Trumps.

Der Putsch gegen Erdogan? Auch von den Amerikanern inszeniert.

Auch wenn sich die Versionen widersprechen – Hauptsache scheint zu sein, dass die USA Schuld sind. Die Moderatoren sind Stichwortgeber.

Kaum fällt das Wort "Schtaty" (USA) geht ein Raunen durch das Publikum. Es wirkt wie ferngesteuert. Die Reaktionen auf bestimmte Reizworte sind so schnell und heftig, dass es unheimlich wirkt.

Geschimpfe, Raunen. Immer im richtigen Moment die "richtige" Reaktion.

Ich versuche, vorsichtig den Kopf zu drehen, um zu sehen, ob die Zuschauer Monitore in den Rückenlehnen vor sich haben. Irgendeinen Steuerungsmechanismus. Ich sehe nichts. Auch keine Ohrstöpsel.

Manche Zuschauer wirken wie Schauspieler

In den zwei Stunden komme ich nicht hinter das Geheimnis. Ich verstehe nur, dass die Regieführung perfekt ist. Alles wirkt fast irreal. Am Ende ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich die Zuschauer am liebsten abtasten würde – um mich zu überzeugen, dass sie echt sind.

Natürlich sind sie es. Aber sie sind auch das Gegenteil von spontan. Manche wirken wie Schauspieler. Oder Absolventen des Propaganda-Instituts der KPdSU.

Umso größer ist meine Überraschung, als ich die Sendung später im Internet ansehe: Die Reaktionen wirken auf dem Bildschirm viel weniger künstlich als im Studio.

"Ich habe die Lacher auf meiner Seite"

Meine Sorge, nicht zu Wort zu kommen, erweist sich zunächst als unbegründet. Im Gegenteil. Man stößt mich geradezu an.

"Wenn ich Ihnen hier zuhöre, habe ich den Eindruck, Sie alle halten Trump für einen großen Strategen, der wie ein genialer Schachspieler viele Züge im Voraus plant. Sie sollten die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass er nicht Schach spielt, sondern Tschapajew, eine russische Abart des Dame-Spiels, in der die Figuren als Waffen benutzt werden."

Ich habe die Lacher auf meiner Seite.

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Im Laufe der Diskussion erweist sich der polnische Kollege, der auf meiner Bank sitzt, als strammer Islamkritiker. Er sitzt zwar auf der "Kritiker"-Bank – aber wohl vor allem, weil er Europa kritisiert.

Würde ich nur die Sendung sehen und wäre ich nicht gerade erst aus Berlin angereist – ich würde direkt Asyl in Russland beantragen, so katastrophal stellen die Männer hier die Situation in Westeuropa dar, wo der Islam angeblich langsam die Kontrolle übernimmt.

Dabei fühle ich mich wohl in Europa, und Millionen Menschen wollen dorthin. Diesen Gedanken kann ich aber nicht mehr aussprechen – die Zeit ist zu knapp.

Ob die Regie auch Gedanken lesen kann? Ob ich deshalb das Mikrofon nicht mehr bekommen habe? Natürlich nicht. Aber nach zwei Stunden in diesem Studio neigt man dazu, alles für möglich zu halten.

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Ich spüre, wie stark die inszenierte Stimmung wirkt. Ein "falsches" Wort – und die geballte Zuschauerwut richtet sich gegen einen.

Mit einem fairen Wettstreit von Meinungen hat die Sendung nichts zu tun. Es ist eher wie "betreutes Diskutieren".

Mit klar verteilten Rollen. Gott sei Dank bin ich heute nicht der Prügelknabe. Im Gegenteil: Die Moderatoren fassen mich – für russische Verhältnisse – geradezu vorsichtig an.

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Nach den zwei Stunden bin ich so erschöpft, als wäre ich stundenlang gelaufen. Stas, der Producer, lächelt mir zu: "Und, habe ich mein Wort gehalten?"

Ich nicke, und bin immer noch etwas verwundert. "Wenn Sie jetzt Ihr Telefon anmachen, wird eine Jagd auf Sie beginnen, wetten?" sagt Stas. Ich sehe ihn verdutzt an. Was meint er? Wahrscheinlich bin ich einfach zu müde und ausgelaugt.

Wenig später gehe ich spazierend durch Moskau. Vom Kiewer Bahnhof über die Moskwa-Brücke zum Außenministerium, den Arbat entlang, zum Kreml.

Die Jagd beginnt

Bin ich wirklich da? In dieser Stadt, die ich viel besser kenne und die mir viel näher ist als jede andere, meiner zweiten Heimat? Oder wird mich gleich jemand zwicken und sagen: "Alles nur geträumt?"

Als ich mein Telefon wieder anmache, sind schon Nachrichten von den anderen russischen Sendern da. Das ist wohl die Jagd, die Stas meinte. Ob ich nicht noch in Moskau bleiben könnte? In ihre Sendung kommen. Ob ich sie nicht regelmäßig besuchen könnte.

Ich hake nach. Ja, live. Ja, ich könne alles sagen. Warum kneift mich niemand?

Als ich mich später bei meinen gut informieren Bekannten umhöre, ist zu vernehmen, dass alles kein Zufall ist.

"Offenbar bin ich mitten in einem Polit-Thriller"

Die Propaganda im Fernsehen führt sich offenbar selbst ad absurdum, wirkt nicht mehr. Die immer gleichen Gesichter. Denen immer weniger getraut wird.

Offenbar hat deshalb jemand eine Ampel umgestellt, von rot auf grün. Offenbar bin ich mitten in einem Polit-Thriller.

Anders als viele im Westen glauben, war und ist der Kreml kein Monolith-Block. Es gibt ganz unterschiedliche Strömungen. Und welche oben fließt - das kann sich schnell ändern.

Es ist ein Poker-Spiel. Offenbar haben die Massenproteste vom März einiges ins Rollen gebracht – auch was die Rolle des gesteuerten Fernsehens angeht.

Dort lautstarke Kritiker einzuladen, sie zu Wort kommen zu lassen – das, so offenbar das Kalkül, könnte das ramponierte Vertrauen in die für den Kreml so extrem wichtigen TV-Sender wieder etwas aufpolieren. Insofern stärkt auf gewisse Weise jeder solcher Besuch im Kreml-Fernsehen auch das System.

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Andererseits bietet er eine Möglichkeit, die es sonst nicht gibt: Millionen Russen direkt zu erreichen. Genau die überwältigende Mehrheit, die sich vor allem über das Fernsehen informiert und nicht im viel freieren Internet.

Auch wenn die Sendungen weit von einem fairen Austausch entfernt sind und manche Kreml-Kritiker deshalb warnen, man könne nur verlieren – ich glaube mittlerweile, das ist zu kurz gedacht. Wenn von fünf Millionen Zuschauern auch nur bei ein paar hunderttausend Menschen Feindbilder und starre Überzeugungen etwas ins Wanken geraten – ist das nicht zumindest einen Versuch wert?

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Ja, die Sendungen sind wie ein Fußballspiel, bei dem zwei Mann barfuß gegen eine gut eingespielte Profi-Mannschaft antreten, die den Schiedsrichter auf ihrer Seite hat - und das Publikum sowieso.

Aber auch die chancenlose Mannschaft kann viele daran erinnern, was echter Fußball ist. Sie kann Sympathien wecken. Am lebenden Beispiel zeigen, dass da nicht nur Feinde sitzen im Westen, wie es sonst ständig suggeriert wird.

Eine kleine Schwalbe macht in einem großen sibirischen Winter noch keinen Frühling, und eine Einladung in eine Talkshow ohne Sprechverbote ist, leider, auch noch kein Hauch von Glasnost.

Aber trotzdem: Irgendetwas scheint in Bewegung zu geraten. Und in erstarrten Systemen bringt jede Bewegung – neben Risiken – auch Chancen.

Solange ich sagen kann, was ich will, nichts herausgeschnitten wird und ich nicht die Rolle des Prügelknaben zugewiesen bekomme, werde ich deshalb auch im russischen Staatsfernsehen das sagen, was ich auch sonst jedem sage.

Ich werde viel Baldrian einpacken müssen. Und jeder Besuch kann der letzte sein. Aber Meinungsfreiheit ist ja, wie die Geschichte zeigt, manchmal ansteckend.

Wer möchte, kann sich die russische Talkshow mit Boris Reitschuster als Gast auch im Original ansehen - auch ohne Russischkenntnisse ist sie ein kurzes Durchzappen wert.

(jz/cho)

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