POLITIK
21/04/2017 12:55 CEST | Aktualisiert 21/04/2017 15:31 CEST

Warum sich mitten in Berlin junge Flüchtlinge prostituieren

dpa/Gettystock
Warum sich mitten in Berlin junge Flüchtlinge prostituieren

  • Im Berliner Stadtteil Tiergarten bieten junge Flüchtlinge Sex gegen Geld an – und das schon seit mehr als einem Jahr

  • Ihnen hilft Ralf Rötten mit seinem Verein "Hilfe für Jungs"

  • Er hat einen eindringlichen Appell an die Bundesregierung

Lange interessierte sich kaum jemand für das, was nur wenige hundert Meter von der Berliner Siegessäule passiert. Im Park des Stadtteils Tiergarten bieten junge Flüchtlinge Sex gegen Geld an – und das schon seit mehr als einem Jahr.

Es war Frühjahr 2016, als Ralf Rötten von immer mehr Prostitutionsfällen in dem Areal erfuhr. Rötten ist Geschäftsführer des Vereins "Hilfe für Jungs“, der sich um junge Männer kümmert, die sexuelle Dienste anbieten.

"Es hat einen einfachen Grund, warum sich ausgerechnet im Tiergarten junge Männer prostituieren“

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. 2015 hatten die Mitarbeiter des Vereins 50 Kontakte zu Prostituierten in dem Park, 2016 waren es schon knapp 400. Darunter viele Flüchtlinge.

"Es hat einen einfachen Grund, warum sich ausgerechnet im Tiergarten junge Männer prostituieren“, sagt Rötten im Gespräch mit der Huffington Post.

In den vergangenen Jahren seien in Berlin alle anderen Orte weggefallen, die dafür in Frage kommen: etwa der Bahnhof Zoo und das Pornokino im Beate-Uhse-Haus, das abgerissen wurde.

Außerdem sei der Tiergarten schon seit vielen Jahren in der Schwulenszene für sogenanntes Cruising bekannt – also ein Ort, wo sich Männer für unverbindlichen Sex treffen. Dass sich dort nun auch Flüchtlinge prostituieren, sei "dann auch nicht mehr so überraschend“, sagt Rötten.

Streetworker verteilen Gleitgel und Kondome

Seit 25 Jahren kämpft sein Verein gegen sexuelle Ausbeutung und Gewalt – Rötten selbst ist seit 13 Jahren dabei und seit sieben Jahren Geschäftsführer. Fünf Pädagogen und zwei Ärzte kümmern sich dabei ausschließlich um junge männliche Prostituierte – und sind auch für den Park in Berlin-Tiergarten zuständig.

Bis zu vier Mal in der Woche gehen zwei "Hilfe für Jungs“-Streetworker in den Park und sind dort bis Mitternacht unterwegs.

Sie klären die jungen Männer über sexuell übertragbare Krankheiten auf, verteilen Gleitgel und Kondome. In der Anlaufstelle des Vereins können sie außerdem duschen, ihre Wäsche waschen und etwa Tischtennis spielen.

Für die jungen Männer im Tiergarten ist "Hilfe für Jungs“ damit eine wichtige Anlaufstelle.

Rötten kennt Fälle von Flüchtlingen, die auf eigene Faust nach Berlin gekommen sind, weil sie in der Stadt, in der sie gemeldet waren, nicht klarkamen.

"Das Problem dabei ist, dass sie dann hier keinen Anspruch auf Versorgung haben – und sich auf andere Weise was dazuverdienen müssen, um zu überleben“, sagt Rötten.

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Andere Flüchtlinge wiederum seien gar obdachlos und würden im Tiergarten campieren. Wieder andere würden sich in einem offenen Asylverfahren befinden – bekommen also keine Deutschkurse, können keine Ausbildung beginnen und keinen Job anfangen.

"Das Asylverfahren ist so gestrickt, dass es die Geflüchteten teilweise in die Prostitution zwingt"

"Das Asylverfahren ist so gestrickt, dass es die Geflüchteten teilweise in die Prostitution zwingt – und das ist für uns nicht hinzunehmen“, sagt Rötten.

Er hat deswegen eine klare Forderung an staatliche Stellen wie die Bundesregierung, um Prostitution zu bekämpfen: "Sie müssen zügig dafür sorgen, dass die jungen Männer Klarheit bekommen."

Klarheit ist leider immer noch rar in der Flüchtlingspolitik. Das Asylverfahren hat tatsächlich schwerwiegende Lücken und Behörden kommen immer noch nicht hinterher, alle Asylanträge zügig zu bearbeiten.

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(sk)

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