WIRTSCHAFT
20/04/2017 12:24 CEST | Aktualisiert 20/04/2017 12:57 CEST

Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Diese Zahlen zeigen es

Darrin Zammit Lupi / Reuters
Wie gerecht ist Deutschland? Merkel und Schulz haben einen fundamental unterschiedlichen Blick auf unser Land

  • Die SPD setzt in ihrem Wahlkampf voll auf das Thema Gerechtigkeit

  • Tatsächlich sind Millionen Deutsche von Armut bedroht - obwohl es gleichzeitig Millionen Menschen besser geht denn je

Unterschiedlicher könnten die Einschätzungen kaum sein. "Den Menschen in Deutschland ging es noch nie so gut wie im Augenblick", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einiger Zeit im Bundestag.

SPD-Herausforderer Martin Schulz meint: "Millionen von Menschen fühlen, dass es in diesem Staat nicht gerecht zugeht", wie er in einem Interview sagte. Und auch NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft setzt zur Wahl im bevölkerungsreichsten Bundesland in drei Wochen zentral auf mehr Gerechtigkeit.

Doch ob es wirklich so ungerecht zugeht hierzulande, ist umstritten.

Gewerkschaften und Sozialverbände jubeln über den SPD-Kurs. "Im Lauf des letzten Jahrzehnts ist für Millionen von Menschen die Unsicherheit zurückgekehrt - in Gestalt von Minijobs, von befristeten Arbeitsverhältnissen, von schlecht bezahlter Leiharbeit, von Scheinselbstständigkeit, Niedrig- und Armutslöhnen", sagt etwa Verdi-Chef Frank Bsirske.

Wirtschaftsverbände und Arbeitgeber halten dagegen. "Die Gerechtigkeitsproblematik ist angesichts der geringen Arbeitslosenquote in unserem Land am niedrigsten im Verhältnis zu den anderen europäischen Ländern", sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

Wer hat recht?

Sicher ist: Das Vermögen in Deutschland ist nicht sehr gleichmäßig verteilt. Laut Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat das eine Prozent der Bevölkerung mit dem größten Vermögen bis zu 26 Prozent des Gesamtvermögens.

Die einkommensreichsten 10 Prozent der Haushalte verfügen über mehr als 35 Prozent des Vermögens. Während die obersten 60 Prozent der Beschäftigten seit Mitte der 90er Jahre ihren Bruttolohn im Schnitt steigern konnten, ging er bei den unteren 40 Prozent real nach unten. Bei den Einkommensunterschieden liegt Deutschland im OECD-Vergleich im Mittelfeld der Industrienationen.

Beim Aufbau von Vermögen spielen Erbschaften und Schenkungen eine zentrale Rolle, aber auch das Unternehmertum. Das Volumen von Erbschaften und Vermächtnissen lag 2014 bei fast 40 Milliarden Euro, 2007 noch bei nur knapp 22 Milliarden. Schenkungen stiegen von fast 13 Milliarden auf über 70 Milliarden Euro.

"Nie ging es dem Land besser"

Doch die Beschäftigungslage in Deutschland ist gut. Das ist ein Pfund, mit dem die Union wuchert, wenn sie Schulz parieren will.

Finanzstaatssekretär Jens Spahn (CDU) warf dem SPD-Hoffnungsträger in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" nun "Sozialromantik pur" vor. Die Politik solle lieber für mehr Wachstum sorgen und weiter mehr Menschen in Jobs bringen. Schon heute gelte: "Nie ging es dem Land besser."

Tatsächlich lag die Arbeitslosenzahl 2016 mit 2,7 Millionen auf dem niedrigsten Stand seit einem Vierteljahrhundert. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen sank von 1,76 Millionen 2005 auf zuletzt unter eine Million. Die Agenda 2010, deren Fehler Schulz korrigieren will, hat laut Ökonomen keinen geringen Anteil an der guten Lage.

Doch haben solche Ängste keinen realen Kern? Ja. Teilweise

Arbeitslose sind Härten ausgesetzt. Sie stehen unter Druck, auch unliebsame Jobs anzunehmen, um nicht in Hartz IV abzurutschen. Und Armutsgefährdung ist in Deutschland beileibe kein Randphänomen. Oft sind die Jüngeren betroffen, nämlich 19 Prozent der 18- bis 34-Jährigen. Zwei Millionen Kinder sind armutsgefährdet, weil kein Elternteil erwerbstätig ist oder ein Alleinverdiener nur in Teilzeit arbeitet.

Alleinerziehende, Arbeitslose, Ausländer, Senioren und Kinderreiche sind besonders häufig von Armut betroffen. 15,7 Prozent der Menschen im Land droht Armut. Sie haben ein Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens, Stand 2015.

Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor lag die Quote noch bei 14,7 Prozent.

Millionen Menschen drohen also abgehängt zu werden oder sind es bereits. Doch diese soziale Kehrseite des Wohlstands muss nicht für Schulz sprechen - so werfen Opposition und auch Sozialpolitiker der Union dem SPD-Mann vor, bisher gar nichts Wirkungsvolles für die wirklich Armen im Köcher zu haben.

Seine Pläne etwa für längeres Arbeitslosengeld zielten mehr auf Facharbeiter und andere gar nicht so schlecht Gestellte. So werden die Konturen im Wahlkampf um Gerechtigkeit immer klarer - offen ist die Wirkung auf die Wähler.

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