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"Ich war so einsam": Drei Frauen beschreiben, wie es sich anfühlt, an postnataler Depression zu leiden

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POSTNATALE DEPRESSION
Postnatale Depression betrifft viel mehr Frauen als die meisten denken. | iStock
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Die Geburt eines Kindes ist für die meisten Eltern das größte Glück. Doch was passiert, wenn die junge Mutter nach der Geburt auf einmal krank wird? So schwer, dass sie nicht für ihr Kind sorgen kann und an ihrem Leben verzweifelt?

Obwohl postnatale Depression jede Frau treffen kann, ist es für viele noch immer ein Tabu, darüber zu sprechen. Schuld daran ist das gesellschaftliche Stigma, das der Krankheit noch immer anhaftet - und das Unvermögen der meisten Menschen, sich vorzustellen, wie sich Betroffene fühlen.

In der britischen Huffington Post haben drei Mütter mutig von dem Gefühl der Isolation und der Angst berichtet, die sie verspürten, als sie nach der Geburt ihrer Kinder an einer Postnatalen Depression litten.

Alison Whitehouse (29), Fia Lane (21) und Francesca Calise (48) wollen mit ihren ehrlichen Worten andere Mütter wissen lassen, dass sie nicht alleine sind.

"Es ging nie um meinen Sohn"

"Es war die einsamste und furchtbarste Zeit, die ich je durchlebt habe“, sagt Alison Whitehouse, Mutter des 15 Monate alten Rupert.

"Für mich ging es dabei nie um meinen Sohn. Rupert und ich sind uns nahe, wir haben eine unheimlich starke Bindung zueinander, aber jede andere Empfindung hat mich einfach überrollt."

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Alison Whitehouse (29), Mutter des 15 Monate alten Rupert

Postnatale Depression betrifft etwa 15 Prozent der jungen Mütter

Postnatale Depression (PND) ist viel verbreiteter als die meisten denken. In Großbritannien sind lau dem Royal College of Psychiatrists10 bis 15 Prozent der jungen Mütter betroffen.

In Deutschland leiden dem Onlineportal “gesundheitsinformation” zufolge sieben Prozent aller Frauen nach der Geburt ihres Kindes an einer milden Form der Depression, während weitere sieben Prozent sogar an einer schweren postnatalen Depression erkranken.

Manchmal gibt es einen offensichtlichen Auslöser für die PND, aber es kann jede Frau treffen, ganz gleich, ob sie vorher schon an einer psychischen Erkrankung gelitten hat oder nicht.

"Ein Postnatale Depression kann jede Frau treffen und niemand trägt die Schuld dafür“, sagte der Frauenarzt Raja Gangopadhyay. Er hat sich auf Perinatale Psychische Gesundheit spezialisiert und unterstützt die Wohltätigkeitsorganisation Pandas Foundation, eine Organisation, die sich Postnatale Depression zum Thema gemacht hat.

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Mütter mit postnataler Depression entwickeln oft Selbstzweifel

Eine Postnatale Depression trete meist ein oder zwei Monate nach der Geburt auf, sagte Gangopadhyay. Typische Symptome seien tiefe Traurigkeit und häufiges Weinen, zugleich verspüren Betroffene oft ein allgemeines Angstgefühl.

Andere Mütter berichten von Gleichgültigkeit gegenüber Dingen, die normalerweise Freude bereiten. Auch leiden die Frauen häufig unter Appetitlosigkeit und Konzentrationsstörungen.

Da von jungen Müttern gemeinhin erwartet wird, sie müssten nach der Geburt ihres Kindes überglücklich sein, entwickeln Frauen mit postnataler Depression häufig Selbstzweifel. Diese können soweit gehen, dass sie an Selbstverletzung denken oder daran, ihrem Baby zu schaden.

"Es fühlte sich an, als hätte ich mein Leben verloren"

Fia Lane, die Mutter des vier Monate alten Kairo, sagt: "Gleich nach der Geburt hatte ich gehofft, eine überwältigende Liebe und ein ebensolches Glück zu verspüren. Aber so war es nicht. Ich weinte nur und es war frustrierend, weil ich niemandem erklären konnte, was eigentlich los war."

"Ich liebte mein Kind, aber ich war einfach nicht glücklich. Es fühlte sich für mich an, als hätte ich mein Leben verloren. Ich litt einfach nur."

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Fia Lane (21), Mutter des vier Monate alten Kairo

"Ich fühlte mich so müde, dass ich mich nicht mehr um mich selbst kümmern konnte"

Francesca Calise, Mutter der achtjährigen Giulia, sagt, sie habe nach der Geburt an Schlafproblemen gelitten, da sie den Kopf nicht frei bekam.

"Ich fühlte mich müde", erzählt sie. "Ich fühlte mich so müde, dass ich mich nicht mehr um mich selbst kümmern konnte und dass da plötzlich ein Baby war, um das ich mich auch kümmern musste, war furchtbar für mich."

"Das Schlimmste war, dass ich auf einmal keine eigene Person, keine Frau mehr war, sondern nur noch 'die Mutter'.“

"Ich stellte eine Haushaltshilfe ein, weil ich es selbst nicht mehr geschafft habe. Sie hat mein Leben gerettet – es war jemand da, der mich verstand."

Es ist wichtig, die Krankheit nicht zu stigmatisieren

Alison Whitehouse, Fia Lane und Francesca Calise sind entschlossen, die Postnatale Depression von ihrem Stigma zu befreien und andere Betroffene daran zu erinnern, dass sie nicht alleine sind.

Ich spüre dieses Stigma, denn sobald man sich eingesteht, an Depressionen zu leiden, dann ist es, als würde man sich eingestehen, die Kontrolle zu verlieren", sagt Fia Lane.

"Man hat Angst, andere damit zu belasten, aber man muss darüber sprechen."

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Francesca Calise (48), Mutter der achtjährigen Giulia

"Niemand wird dir dein Kind wegnehmen", sagt Alison Whitehouse. "Das ist ein beängstigender Gedanke: 'Wenn ich darüber spreche, dann wird man denken, dass ich eine schlechte Mutter bin und mir mein Kind wegnehmen.''Aber so ist es nicht."

Frauenarzt Gangopadhyay ermutigt Frauen dazu, sich Hilfe zu suchen und erinnert sie daran, dass es keine Schande ist, zuzugeben, dass man leidet. "Es ist eine Krankheit“, sagte er.

"Diese Krankheit muss behandelt werden, genauso wie jede andere Krankheit auch. Leidet eine Frau an einer Postnatalen Depression, dann braucht sie Unterstützung. Mit der richtigen Behandlung kann jede Frau die Depression überwinden."

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post UK und wurde von Cornelia Lüttmann und Babette Habenstein aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

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(lk)