Umfrageeinbruch vor dem ersten Wahlgang: Das Scheitern der Marine Le Pen

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MARINE LE PEN
Die Chefin des Front National Marine Le Pen | Philippe Laurenson / Reuters
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Die Atmosphäre am Ende von Marine Le Pens Wahlkampf gleicht einem plötzlichen, heftigen Gewitter.

Es ist zwei Jahre her, seit Le Pen bekannt gegeben hat, sich als Kandidatin für die Präsidentschaftswahl für den Front National zur Wahl zu stellen. Ihr Ziel: Französische Präsidentin zu werden und eine politische Wende einzuläuten.

Am Abend des 7. Mai, nach dem 2. Wahlgang, wollte sie sich als Präsidentin feiern lassen.

Am Sonntag steht der erste Wahlgang an und es zeigt sich: Nichts lief wie geplant.

Ihr erster großer Irrtum war: Le Pen rechnete damit im zweiten Wahlgang entweder gegen den Konservativen Nicolas Sarkozy anzutreten oder gegen den amtierenden Präsidenten.

Die zwei großen Irrtümer von Le Pen

Beide sind bei den Franzosen extrem unbeliebt - ein Sieg Le Pens wäre wahrscheinlich gewesen. Nur sagte erst Hollande wegen seiner miserablen Beliebtheitswerte ab. Und dann verlor Sarkozy die Vorwahl bei den Konservativen - stattdessen tritt für dieses Lager nun der erzkonservative François Fillon an.

Der zieht vor allem die Katholiken an - eine Wählergruppe, die in Frankreich lange Jahre mit dem Front National flirtete.

Der zweite große Irrtum von Le Pen war: Sie stellte sich darauf ein, gegen “einen Kandidaten des Systems” zu kämpfen, wie sie sagt. Und tatsächlich sind mit dem parteilosen Mitte-Politiker Emmanuel Macron und mit Fillon zwei Repräsentanten des etablierten politischen Betriebs im Rennen.

Seit einigen Wochen holt aber der Ultralinke Jean-Luc Mélenchon in den Umfragen stark auf - und Le Pen findet sich in einem Wahlkampf mit vier Favoriten wieder.

Auch Mélenchon wettert - wie Le Pen - gegen die herrschende politische Klasse, gegen ein ausbeuterisches Europa, gegen eine unfaire Globalisierung.

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(Die Umfragewerte von Le Pen zeigen derzeit vor allem in eine Richtung: nach unten)

Kampagnen-Strategie nicht angepasst

Wer in Frankreich der politischen Klasse einen Denkzettel verpassen will, muss also in diesem Jahr nicht für Le Pen stimmen. Mélenchon trauen viele politische Beobachter inzwischen zu, in die Stichwahl zu kommen - und Le Pen auf den dritten Platz zu verweisen.

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All das führt dazu, dass Le Pens Umfragewerte seit Monaten sinken. Lag die Populistin am Anfang ihrer Kampagne noch bei rund 30 Prozent, liegt sie jetzt nur noch bei etwas mehr als 20 Prozent.

“Auch wenn es wahrscheinlich das beste Ergebnis wird, das ein Kandidat des Front National jemals bei einer Präsidentschaftswahl erzielt hat und es gleichzeitig auch ein historischer Stimmenrekord bei einer Wahl für die Partei werden wird, ist die Erosion in den Umfragewerten deutlich”, sagt Yves-Marie Cann, politikwissenschaftlicher Direktor bei der französischen Kommunikationsagentur ELABE.

“Das zeigt, dass sie es nicht schafft, ihre Kampagnen-Strategie anzupassen”, resümiert Cann.

Strammer Rechtskurs

Um zu verhindern, dass aus diesem Einbruch in den Umfragewerten ein Erdrutsch wird, hat die FN-Kandidatin in den vergangenen zehn Tagen eine deutliche politische Wende hingelegt. Ganz offensichtlich will sie für den ersten Wahlgang ihre Stammwähler an sich binden, indem sie sich auf die Ursprünge des FN besinnt: Die Nation und den Kampf gegen die Immigration.

Ein Zeichen für diesen Kurswechsel ist auch, dass die Nichte von Marine Le Pen, Marion Maréchal Le Pen, zuletzt sogar noch vor ihrer Tante bei einer Veranstaltung auftreten durfte.

Marion steht für den rückwärtsgewandten, extrem rechten Front National von früher. Marine wollte eher die politische Mitte für die Partei gewinnen.

Das Ziel, das Marine Le Pen mit dem Einsatz ihrer Nichte verfolgte: Sich um jeden Preis die Stimmen der Ultrarechten zu sichern.

Zwei weitere Anzeichen für einen strammeren Rechtskurs, aber auch für die Verzweiflung von Le Pen, sind zwei Maßnahmen, die bisher nicht in ihrem Programm vorkommen: So forderte sie jüngst einen vollkommenen Einwanderungsstopp, auch für legale Einwanderer.

Außerdem will sie die Reservisten des Militärs aktivieren, um diese Maßnahme an den Grenzen des Landes umzusetzen.

Le Pen hat also ihren Kurs der softeren Parolen verlassen, um sich wieder den harten und provokativen Botschaften zu widmen, die auf ihre Kernwählerschaft abzielen. Auf diese Wählerschaft zielte wohl auch ihre umstrittene Aussage, dass das Frankreich von heute keine Verantwortung für die Deportation der Juden während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg trage.

Auch das Thema Terrorismus hat Le Pen zuletzt wieder in den Mittelpunkt gerückt.

“Mit mir hätte es keinen Mohammed Merah gegeben”, sagte sie vor ein paar Tagen in Paris. Der Algerier hatte 2012 sieben Menschen bei einem Anschlag getötet.

“Mit mir hätte es im November 2015 keinen Terrorismus im Bataclan und im Stade de France gegeben”, sagte sie weiter.
Nachdem die Polizei kürzlich zwei Personen verhaftet hatte, die wohl noch vor dem Wahlkampf ein Attentat planten, treffen diese Parolen tatsächlich bei vielen Wählern auf fruchtbaren Boden.

Auf die Kernwählerschaft des FN zielen auch Le Pens Aussagen über die Kolonialzeit.

“Die Kolonialzeit hat viel Gutes bewirkt, vor allem in Algerien; Krankenhäuser, Straßen, Schulen - Algerier, die ehrlich sind, geben das sogar zu”, sagte sie kürzlich im Fernsehsender BFMTV.

“Ihre Wählerschaft hält zu ihr und sie ist auch nicht zurückgegangen”, sagt der Wahlforscher Yves-Marie Cann. Allerdings habe Le Pen auch keine neuen Wähler für sich begeistern können.

Schon bei früheren Wahlen hat der FN rund 18 Prozent der Wähler für sich gewinnen können. Wenn Le Pen im ersten Wahlgang am Sonntag nur rund 20 Prozent holen sollte, wäre das ein Zeichen, dass ihre Strategie, die politische Mitte anzusprechen, gescheitert ist.

Konservative Wähler wollen eher zu Fillon als zu Le Pen

Und etwas sollte Le Pen Sorgen machen.

Seit einiger Zeit beobachten die Wahlforscher, dass sich die ehemaligen Wähler des Konservativen Nicolas Sarkozy, die sich bis jetzt für keinen Kandidaten entschieden hatten, für François Fillon aussprechen.

Das ist überraschend, denn Fillon steht seit Wochen im Zentrum eines Justizskandals, weil er seine Frau illegal beschäftigt haben soll. Le Pen mag damit gerechnet haben, Fillons Wähler auf ihre Seite zu ziehen - daraus scheint nichts zu werden.

“Marine Le Pen hat diese Wähler nicht zu sich ziehen können”, resümiert Cann. Angesichts der Tatsache, dass ein Viertel der Franzosen noch unentschieden ist, wen sie wählen werden, sind das keine guten Aussichten für Le Pen.

Ihre einzige Hoffnung am Ende bleibt, dass die Umfragen - wie bei Donald Trump und dem Brexit - ihr Wählerpotential nicht abbilden.

Ob das so ist, wird Europa am Sonntag erfahren.

Dieser Text erschien zuerst bei der französischen Ausgabe der Huffington Post und wurde von Benjamin Reuter und Uschi Jonas übersetzt und ergänzt.

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