Die Macht der Wut-Rentner: Warum die Jungen in Deutschland nichts mehr zu lachen haben

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RENTNER
Protest der Alten | getty
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Wer heute jung ist, hat in Deutschland nichts mehr zu lachen.

Das liegt nicht an der Arbeitslosenquote - nirgendwo sonst in der westlichen Welt haben so viele junge Erwachsene einen Job.

Und es liegt auch nicht am Bildungssystem. So viel man auch im Detail daran aussetzen mag: In Deutschland muss man sich wenigstens nicht bis über beide Ohren verschulden, um die Semestergebühren zu bezahlen, so wie in den USA.

Die Babyboomer machen Politik - zum Nachteil der Jungen

Das Problem für die Jungen sind die Alten in diesem Land.

Sie bestimmen den Ton und das Tempo in der Politik. Und es sieht derzeit nicht danach aus, als ob sich in nächster Zukunft daran etwas ändern würde.

Im Gegenteil: Die Bewegung in der politischen Landschaft geht momentan von einer Generation aus, die seit Jahrzehnten die Debatten in dieser Republik bestimmt. Die Rede ist von den Angehörigen der Jahrgänge 1950 bis 1970, jene Alterskohorte, die umgangssprachlich auch als „Babyboomer-Generation“ bezeichnet wird.

Sie stellt nicht nur die geburtenreichsten Jahrgänge in der Geschichte Deutschlands, was ihr allein zahlenmäßig einen enormen Einfluss sichert. Ihre ältesten Vertreter kommen zudem nun langsam ins Rentenalter. Und zeigen nur wenig Interesse daran, die Debatten jenen zu überlassen, die sich noch mehr als ein halbes Leben lang mit den Verhältnissen in Deutschland arrangieren müssen.

Die Jungen werden für die Alten blechen

Das fängt schon in den Führungsetagen der großen Volksparteien an: SPD-Chef Martin Schulz ist mit seinen 61 Jahren derzeit der Youngster unter den Parteichefs von Sozialdemokraten, CDU (Angela Merkel, Jahrgang 1954) und CSU (Horst Seehofer, Jahrgang 1949).

Gemeinsam haben diese drei Politiker im Jahr 2014 eine große Rentenreform beschlossen, deren Kernelemente die Rente mit 63 und die so genannte „Mütterrente“ sind.

Beide Vorhaben kommen aufgrund ihrer Struktur fast ausschließlich der Babyboomer-Generation zugute – sie beziehen sich auf Frauen, deren Kinder vor 1992 zur Welt gekommen sind und auf Arbeitnehmer mit einer geschlossenen Erwerbsbiografie, wie sie in den meisten Fällen nur vor den großen Arbeitsmarktreformen der Neunziger- und Nullerjahre möglich war.

Bisher können beide Vorhaben weitestgehend aus den Überschüssen der Rentenkasse bezahlt werden. Doch in wenigen Jahren dürfte damit Schluss sein. Dann zahlen dafür vor allem die nachfolgenden Generationen über ihre Lohnsteuerabgaben und erhöhte Rentenversicherungssätze.

Keine Partei dieser Republik wird sich trauen, die Reformen zurück zu nehmen, wenn sie nicht politischen Selbstmord begehen will. Laut einer Studie des „Berlin-Instituts“ werden die Bürger über 60 im Jahr 2030 mindestens 43 Prozent der Wahlberechtigten stellen. Im Jahr 1980 waren es noch 26 Prozent.

Rentner gehen weit häufiger wählen

Und die Alten gehen – im Gegensatz zu den jüngeren Deutschen – auch mit hoher Wahrscheinlichkeit wählen. Während bei den Menschen über 50 die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013 bei über 75 Prozent lag, gaben nur drei von fünf Erstwählern ihre Stimme ab.

Auch im Ausland kennt man diesen Effekt: Beim Brexit-Referendum in Großbritannien waren vor allem die älteren Wähler für einen Ausstieg aus der EU. Und ihr Anteil unter den Wählern war überproportional hoch.

Das führte zu einer paradoxen Situation: Junge Wähler zeigten erst wenig Interesse daran, über die Zukunft ihres Landes abzustimmen. Und dann beschwerten sich Jüngere, dass ihnen die Zukunft genommen worden sei.

Aber es sind eben nicht nur die Faktoren, die direkt die Parteiendemokratie beeinflussen. Auch in der Zivilgesellschaft geben die Alten an vielen Stellen den Ton an. Nicht immer nur zum Guten.

Schon bei Pegida waren die Alten eine Macht

In der Pegida-Bewegung etwa waren ältere Menschen stark überrepräsentiert. Das Durchschnittsalter der Demonstranten lag laut einer Studie der TU Dresden bei 48 Jahren. Es waren die Älteren, die auf diese Weise wochenlang die Themen setzten und die Diskussion über Integration und den Islam mitprägten.

Auch in Bürgerinitiativen sind die Alten präsent – die „Welt“ berichtete jüngst über „wütende Rentner“, die sich gegen den Bau von Strommasten engagieren.

Die Pointe dabei: In diesen Initiativen praktizieren die Alten eine Protestform, die ihre Generation selbst in den 1970er- und 1980er-Jahren eingeübt hat. Meist wehren sie sich gegen irgendwas. Für etwas zu sein, das scheint den meisten von ihnen nicht im Blut zu liegen. Und sie haben dabei einen sehr langen Atem.

Die Jüngeren kämpfen derweil mit dem Alltag

Im Gegensatz zu den Jüngeren, die sich immer noch gern „projektbezogen“ engagieren.

Es ist ja nicht so, dass die „Generation Y“ untätig wäre: In der Flüchtlingskrise bildeten die Jüngeren das Rückgrat jener gigantischen Bürgerbewegung, die besonders im Herbst 2015 entscheidend dazu beigetragen hat, Hilfe zu leisten und Engpässe in der Versorgung von Flüchtlingen zu überbrücken.

Zwei Jahre später ist davon jedoch nicht mehr allzu viel zu spüren. Die Jüngeren sind längst wieder im Alltag angekommen. Wer will es ihnen verdenken?

Ein sicheres Auskommen zu finden ist in dem von befristeten Arbeitsverträgen geprägten Jobeinsteiger-Markt längst nicht mehr so einfach, wie es vor 20 oder 30 Jahren gewesen ist.

Und die Alten? Die haben Zeit. Und das ist derzeit ihr größtes Kapital.

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