Huffpost Germany

Die Grünen stehen vor einen historischen Absturz - dabei liegt die Rettung so nah

Veröffentlicht: Aktualisiert:
GRNE
Katrin-Göring Eckardt und Cem Özdemir führen die Grünen in den Wahlkampf | getty
Drucken

Die Grünen erleben derzeit einen beinahe historischen Absturz.

In den Umfragen für die Bundestagswahl geht es steil bergab: In den vergangenen 12 Monaten haben sich die Zustimmungswerte der Partei mehr als halbiert. In einer aktuellen Forsa-Umfrage können sich nur noch 6 Prozent der Deutschen vorstellen, die Partei zu wählen.

Und auch auf Länderebene, wo die Grünen bisher teils sehr erfolgreich waren - immerhin sind sie an mehr Länderregierungen beteiligt als die CDU - läuft es nicht mehr.

Im Saarland scheiterte die Partei zuletzt an der Fünf-Prozent-Hürde. Dieses Schicksal könnte den Grünen auch am 14. Mai bei der NRW-Wahl drohen.

Nicht mehr der “heiße Scheiß”

Die Parteiführung um Katrin-Göring Eckardt und Cem Özdemir scheint keine Idee zu haben, wie sie die Krise überwinden können. Eckardt befand zuletzt, dass die Themen der Partei derzeit nicht der “heiße Scheiß” seien.

So weit, so ratlos.

Dabei müsste die Parteiführung nur zu unseren Nachbarn in die Niederlande schauen, um zu sehen, wie man als Grüner die Wähler begeistert.

Denn dort mischt seit Monaten der Polit-Shooting-Star Jesse Klaver dem Politbetrieb auf.

Der 30-Jährige ist Vorsitzender der niederländischen Grün-Links-Partei, und er hat die Zahl ihrer Parlamentssitze bei der Parlamentswahl vor einem Monat fast vervierfacht. Das wäre so, als würden die Grünen in Deutschland mit 20 Prozent der Stimmen in den Bundestag einziehen.

In Amsterdam wurde seine Partei sogar stärkste Kraft.

Eventjes er tussenuit. #liefde #vaderenzoon #vakantie #opladen #nieuwe #energie

Ein Beitrag geteilt von Jesse Klaver (@jesseklaver) am

(Klaver zeigt sich auf Instagram mit seinen Kindern)

Neue Müllverordnung als Topthema

Klavers Strategie fußt vor allem auf zwei Botschaften, von denen auch die deutschen Grünen lernen können: Gerechtigkeit und Optimismus.

“Ich will sichergehen, dass wir eine gerechtere Gesellschaft haben, ich will gegen Ungleichheit kämpfen”, sagte Klaver der britischen Tageszeitung “The Guardian”. Soziale Gerechtigkeit war ein großes Thema des Niederländers im Wahlkampf.

Die Grünen in Deutschland dringen mit diesem Thema nicht durch, obwohl es durchaus Potential gäbe.

Im letzten Bundestagswahlkampf scheiterten die Grünen grandios mit ihrer Idee, die Steuern zu erhöhen. Kein Wunder, denn die Wähler wissen: Eine Steuererhöhung für Besserverdienende macht ein Land nicht automatisch gerechter.

Im aktuellen Vorwahlkampf für die Bundestagswahl gibt es keine Partei, die das Thema Gerechtigkeit wirklich zukunftsorientiert angeht. Linke und SPD suchen die Rezepte in der Vor-Schröder-Ära.

Sie wollen zurück in eine Zeit vor den Hartz-Reformen, in denen das soziale Netz in vielen Fällen zu einer Hängematte wurde und ein rigider Arbeitsmarkt die Chancen junger Menschen bremste.

Es wird zu wenig über Chancengerechtigkeit gesprochen

Für eine grüne Wirtschaft, die Innovationen fördert und gleichzeitig nachhaltig ist und Deutschland für alle Menschen zukunftsfest macht, streitet keine der Parteien derzeit offensiv. Statt darüber, wie man Risiken absichert, sollte es darum gehen, wie man Chancen schafft. Wie man junge Menschen auf die digitale Zukunft vorbereitet - wie man Chancengerechtigkeit schafft.

Immer noch ist der soziale Aufstieg in Deutschland zu sehr an die Herkunft gekoppelt.

Klaver warb im Wahlkampf für ein flexibles Rentenalter je nach Berufsgruppe, Steuersenkungen beim Einkommen und Steuererhöhungen für Unternehmen, die die Umwelt besonders stark belasten.

Statt Entwürfe für eine solche Wirtschaft zu diskutieren, machte Katrin-Göring Eckardt in einem großen Interview mit der “Bild am Sonntag” zuletzt folgenden Vorschlag:

"Wir Grünen wollen ein bundesweit einheitliches Müll- und Recyclingsystem. Wir wollen die deutschlandweite Wertstofftonne einführen."

Mehr als eine Müll-Diskussion haben die Grünen offenbar nicht zu bieten.

Mit einer solchen Botschaft wird es schwer, 6000 junge Menschen bei einer Wahlveranstaltung zu versammeln und zu begeistern, wie Klaver imWahlkampf in Amsterdam. Klaver nannte seine Auftritte im Wahlkampf "Meetups". Die deutschen Grünen sprechen altbacken von "Haustürwahlkampf".

Vielleicht ist es auch diese Rhetorik, die Klaver glauben lässt, dass die "traditionellen Parteien keine Wahlen mehr gewinnen". Die Grünen in Deutschland sind inzwischen eine solche traditionelle Partei.

klaaver
(Jesse Klaver bei einer Parteiveranstaltung. Quelle Getty)

Verbote statt Hoffnung

Und noch etwas macht der Niederländer Klaver anders als die deutschen Grünen: Er sagt in einem Interview mit der “Welt” über seinen Wahlkampf: “Die Menschen wollten Positives und Hoffnung, denn das sind wesentliche Werte für unsere Gesellschaft.”

Die Grünen in Deutschland werden für diesen Wert aber eher nicht wahrgenommen. Bei vielen haben sie das Image einer Verbots-Partei, die weiß, was sie nicht will und nicht, was sie will. Stichworte sind "Veggie-Day" oder das "Autofasten".

Kürzlich attestierte ein Meinungsforscher des Instituts Allensbach den Grünen genau dieses Image-Problem:

Die Deutschen, so lautet die Analyse, nähmen die Partei als uncool, unsympathisch und belehrend wahr. Ihnen fehle es an einer mitreißenden Vision, die die Menschen wieder daran erinnert, warum sie den Grünen ihre Stimme geben sollten.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg