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Abgabenwahnsinn in Deutschland - Top-Ökonom erklärt, was die Parteien jetzt tun müssen, um Deutschland gerechter zu machen

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Experte Michael Hüther kritisiert das deutsche Steuersystem als unfair | PeopleImages via Getty Images
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  • Mehr als 4 Millionen Menschen in Deutschland zahlen den Spitzensteuersatz von 42 Prozent
  • Das Institut der Deutschen Wirtschaft sieht dringenden Handlungsbedarf bei der Bemesssung der Einkommensteuer
  • Michael Hüther, der Direktor des Instituts, prangert eine "Ausbeutung der Steuerzahler" an

Jeder elfte Erwerbstätige in Deutschland zahlt nach einem Bericht des "Handelsblatts" den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Das seien 4,2 Millionen Arbeitnehmer, wie aus einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft hervorgeht.

Die zehn Prozent mit den höchsten Einkommen in Deutschland sind fast für die Hälfte (48,2 Prozent) des gesamten Aufkommens an Einkommensteuer verantwortlich, die 30 Prozent Top-Verdiener für 79 Prozent. 2,7 Millionen Erwerbstätige zahlen gleichzeitig überhaupt keine Steuern.

Diese Zustände werden von vielen Seiten als ungerecht kritisiert. "Die bestehende Regelung hat zu einer realen Ausbeutung der Steuerzahler geführt", rügt auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, im "Deutschlandfunk".

Das System ist unfair, so Hüther

Der Spitzensteuersatz greife bereits bei einem Jahreseinkommen von 54.000 Euro. "Diese Schwelle muss deutlich angehoben werden", so Hüther. Unter den Deutschen, die den Spitzensteuersatz zahlen, seien auch Facharbeiter.

Unter einer unfairen Belastung würden auch kleine und mittlere Unternehmen leiden.

"Die Gerechtigkeitswirkung des Systems im Sinne des gesellschaftlich und politisch Gewünschten, nämlich dass oben mehr getragen wird und unten weniger, erbringt das System", sagt Hüther. Das System sei in diesem Sinne zwar gerecht, aber unfair.

"Es ist unfair, weil der Leistungsbezug nicht wirklich immer durchgezogen wird oder ernst genommen wird. Wenn man beispielsweise über Jahre den Spitzensteuersatz nicht mit verschiebt, aber unten diese Anpassungen macht, weil aus Anpassung des Existenzminimums der Grundfreibetrag angepasst wird, was gut und richtig ist, dann beult sich dieser Tarif", sagt der Ökonom.

Hüther sieht insgesamt Entlastungsbedarf - oben wie unten

Die letzten 20 Jahre habe der Gesetzgeber dahingehend sehr fahrlässig gehandelt.

Die Lösung sieht er nicht einfach darin, die Superreichen stärker zur Kasse zu bitten. Er plädiert stattdessen dafür, den Tarif oben raus zu strecken und somit einerseits etwas Luft zu schaffen, aber gleichzeitig auch den Spitzensteuersatz deutlich später einsetzen zu lassen. So sei es möglich, faire Tarifbelastungen zu organisieren.

"Das heißt, insgesamt gibt es Entlastungsbedarf, und nicht nur unten. Aber unten drückt es durch diese hohen Stauchungseffekte des Tarifs", erklärt der Wirtschaftsforscher.

Er sieht den Staat in der Pflicht, die Ausgaben anzupassen

Er macht sich zudem Sorgen, ob alle Steuern sinnvoll verwendet werden.

"Wir haben kein Unterfinanzierungsproblem des Staates – wir haben eine steigende Steuerquote –, sondern der muss sich dann auch anschauen, wie er mit den Überschüssen verfährt erstens, und zweitens, ob er wirklich die ganzen Steuermittel effizient verwendet."

Er sieht den Staat in der Pflicht, die Ausgaben anzupassen.

Laut Hüther fehlen vor allem Investitionen.

Dabei sei die wirtschaftliche Lage so gut wie noch nie. Vor zehn Jahren sei es undenkbar gewesen, dass die öffentlichen Haushalte ausgeglichen sein könnten oder gar Überschüsse erwirtschafteten. "Und selbst auf der kommunalen Ebene hat es sich deutlich entkrampft."

Deshalb sei jetzt auch mal der Steuerzahler an der Reihe, entlastet zu werden.

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(ben)