Trotz diktatorischer Machtfülle: Wieso Erdogan so schwach ist, wie lange nicht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan | ADEM ALTAN via Getty Images
Drucken

Recep Tayyip Erdogan ist dort, wo er immer hinwollte.

An der Spitze des türkischen Staates, mit Vollmachten, wie sie selbst Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk vor fast 100 Jahren nicht hatte. Jahre – ja mutmaßlich sogar Jahrzehnte – hat Erdogan genau dafür gekämpft.

Eigentlich war dieser 16. April, der Tag des Referendums, für Erdogan und seine Partei AKP also ein Tag des Triumphs. Und doch sprechen viele Beobachter, wie etwa der türkische Journalist Can Dündar, von einem „Phyrrus-Sieg“ für Erdogan – einem Erfolg mit riesigen Verlusten.

Und ja: Erdogans Wahlsieg könnte für den Präsidenten der Vorbote einer bitteren Niederlage sein. Sogar über einen neuen Putsch wird in der Türkei spekuliert.

Wieso ist der vermeintliche Sieg eine Niederlage?

Allein die Zahlen des vorläufigen Endergebnisses sind für die AKP ernüchternd. 51,4 Prozent stimmten für das Präsidialsystem Erdogans.

Zum Vergleich: Die Zustimmungswerte von Erdogan lagen im August vergangenen Jahres, einen Monat nach dem niedergeschlagenen Putsch, bei enormen 67,7 Prozent.

Viele Türken, die Erdogan zuletzt unterstützt hatten, stellten sich jetzt gegen die Pläne ihres Präsidenten. Und das obwohl der Wahlkampf – und mutmaßlich auch die Auszählung – alles andere als fair verliefen.

Das Ergebnis zeigt: Erdogans politische und gesellschaftliche Machtkoalition mit Ultra- und gemäßigten Nationalisten ist zerbrochen.

Na und? Wie soll das Erdogan noch stoppen?

Den türkischen Präsidenten muss das zunächst nicht beunruhigen. Mit der Verfassungsänderung ist er auf Mehrheiten zunächst ohnehin nicht mehr angewiesen. Doch es wird nicht die letzte Wahl gewesen sein, die in der Türkei stattfindet.

Zudem ergibt sich ein noch viel größeres Problem. Denn das traditionell auch politisch starke Militär in der Türkei ist stark nationalistisch geprägt.

Verliert Erdogan die Nationalisten, verliert er Teile der Armee. Aus Militärkreisen heißt es, größere Gruppen von Nationalisten hätten sich bereits in Position gebracht, für den Fall des Erdogan das Referendum verloren hätte.

Dann hätte dem Präsidenten ein neuer, „ein richtiger“ Putsch gedroht, wie eine Quelle mit Nähe zur Armee der Huffington Post berichtete.

Doch solange eine Mehrheit – wenn auch eine hauchdünne – hinter dem Präsidenten steht, hat ein Putsch keine Erfolgsaussichten. Erdogan klammert sich so derzeit an die 1-2 Prozent, die seine Unterstützer vom „Nein“-Lager trennen.

Mehr zum Türkei-Referendum:


(ben)

Korrektur anregen