"Vor dem Verrückten hat hier niemand Angst": Warum sich Südkoreaner nicht vor Kim Jong Un fürchten

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KIM JONG UN
Die Südkoreaner lassen sich offenbar nicht von Kim Jong Un einschüchtern | KCNA KCNA / Reuters
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  • Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un provoziert weiter
  • Der ganzen Welt stockt der Atem - nur den Südkoreanern nicht
  • Die Nachbarn Kim Jong Uns strahlen eine überraschende Gelassenheit aus

Nordkorea droht derzeit täglich mit der Bombe. Erst am Sonntag hatte das kommunistische Regime wieder eine Rakete zu Testzwecken gestartet. Sie ist allerdings kurz nach dem Start explodiert.

Am Ostermontag wünschte der stellvertretende nordkoreanische UN-Botschafter Kim In Ryong den anwesenden Reportern in New York erst "schöne Feiertage" - bevor er mit einem "thermonuklearen Krieg" drohte.

Alle Welt ist alarmiert über die Drohungen Nordkoreas. Nur ein Land hält die Füße still: Die Südkoreaner wirken gelassener denn je.

"Es mag komisch klingen, aber hier herrscht absolut keine Angst. Die Menschen drehen höchstens wegen der im nächsten Monat anstehenden Präsidentschaftswahlen durch. Nordkorea ist dabei nicht einmal das drittwichtigste Thema bei der Wahl", sagt Dohoon Kim, Chefredakteur der südkoreanischen Huffington Post.

"Natürlich sind wir besorgt"

Er gibt zu, dass er natürlich, genauso wie alle Südkoreaner, besorgt sei, wenn die Schlagzeilen voll sind mit den Drohungen von Kim Jong Un.

Aber ziemlich schnell würde sich niemand mehr für die nordkoreanischen Drohgebärden interessieren. Auch aus den Nachrichten würden sie schnell wieder verschwinden, so Kim. "Wirklich Angst vor dem verrückten Kim hat hier niemand", sagt der Journalist.

"Als wir beispielsweise mal eine Redakteurin der australischen Huffington Post am Tag eines Nukleartests zu Besuch hatten, erzählte sie, wie im Newsroom alle ganz normal ihrer Arbeit nachgingen und als es Mittagessenszeit wurde, darüber diskutierten, ob sie lieber Sushi oder Bulgogi essen wollten. Ich glaube das trifft die Einstellung der Südkoreaner zu Nordkoreas Drohungen ziemlich gut", erzählt Kim.

Mehr zum Thema: Der Nordkorea-Konflikt könnte jeder Zeit eskalieren - jetzt schickt Kim die nächste Drohung

In Südkorea ist kaum etwas über das Leben im Norden bekannt

Aber woran liegt das?

Die meisten Koreaner haben noch keinen Krieg erlebt. Für die meisten Südkoreaner ist der Norden weder eine unmittelbare noch eine physikalische Bedrohung. Nordkorea liegt lediglich auf der anderen Seite der Grenze, aber fast niemand ist jemals dort gewesen.

"Das Land bleibt eine politische Fata Morgana", meint der Chefredakteur der südkoreanischen Huffington Post und erzählt, wie er in den 1980er Jahren in der Schule anti-kommunistisch erzogen wurde. "Damals wurde Nordkoreas Diktator Kim Il-sung als rotes Schwein in den Schulbüchern dargestellt", sagt er.

Er findet auch einen guten Vergleich dafür, wie fremd den Südkoreanern der Nachbar ist: "Das Bild Südkoreas von Nordkorea ist wahrscheinlich vergleichbar mit einem Kanadier, der sich vorstellt, dass alle Texaner ihre Waffen umtauschen, um dafür ihre Cowboyhüte und Stiefel tragen zu können", scherzt Kim.

Wenn Nordkorea mit irgendeinem nuklearen Schlag oder Raketentest droht, würden das die Südkoreaner gar nicht mehr ernst nehmen. "Stattdessen denken wir uns: Bei unseren Nachbarn im Norden wird wohl mal wieder der Reis knapp und sie wollen, dass wir etwas spenden", sagt Kim.

Die Drohungen würden in Südkorea also als verzweifeltes Haschen nach Aufmerksamkeit gesehen werden.

"Wir haben keine Lust mehr, uns erpressen zu lassen"

Diese Ruhe sollte keine Überraschung sein. Immerhin haben die Südkoreaner die letzten 60 Jahre mit ihrem störrischen Nachbarn gelebt. Der hat in regelmäßigen Abständen damit gedroht, Seoul abzufackeln. Passiert ist nie etwas.

"Wir haben keine Lust mehr, uns mit Sorge und Ängsten erpressen zu lassen", erklärt Kim.

Eigentlich ist die Gelassenheit der Südkoreaner beneidenswert. Bleibt nur zu hoffen, dass die Provokationen Nordkoreas auch wirklich leere Drohungen bleiben.

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