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18/04/2017 16:31 CEST | Aktualisiert 18/04/2017 20:30 CEST

Marine Le Pen bricht in Umfragen ein - jetzt verschärft die Rechtspopulistin ihren Ton noch einmal deutlich

Pascal Rossignol / Reuters
Marine Le Pen findet kurz vor dem ersten Wahlgang in Frankreich noch einmal deutliche Worte

  • Kurz vor dem ersten Wahlgang sinken die Umfragewerte von Le Pen

  • Jetzt wechselt sie ihre Strategie - und greift zu einem schärferen Ton

  • Sie weicht so von ihrem bürgerlichen Kurs ab

Lange Zeit hat Marine Le Pen in den Umfragen zur französischen Präsidentschaftswahl geführt - doch seit einigen Wochen sind die Zahlen rückläufig.

Vor einem Monat sagten Meinungsforscher der Front-National-Chefin noch 26 Prozent der Stimmen voraus. Inzwischen sind es nur noch 23 Prozent.

Drei Prozentpunkte scheinen auf der ersten Blick nicht viel. Doch Le Pen droht jetzt im ersten Wahlgang den psychologisch wichtigen ersten Platz an den Rivalen Emmanuel Macron zu verlieren.

Außerdem holt der Ultra-Linke Jean-Luc Melenchon seit einigen Wochen in den Umfragen auf. Er könnte Le Pen sogar noch überholen - die Rechtspopulistin käme dann nicht einmal in die Stichwahl am 7. Mai.

In dieser angespannten Situation scheint Le Pen nur noch einen Ausweg zu kennen: Sie hat ihre populistischen Parolen im Rennen um den Élysée-Palast in den vergangenen Tagen noch einmal angespitzt - sie ist dabei, sich selbst rechts zu überholen.

"Die Franzosen wollen sich wieder als Besitzer von Frankreich fühlen"

Le Pen hatte in der Vergangenheit Erfolg mit eher gemäßigten Parolen. In den vergangenen Tagen polterte sie aber wieder heftig gegen Einwanderer und gegen eine multikulturelle Gesellschaft - in einem scharfen Ton.

In einem Interview mit dem rechtspopulistischen Newsportal "Boulevard Voltaire" etwa sagte sie: "Die Franzosen wollen sich wieder als Besitzer von Frankreich fühlen und nicht wie Mieter ohne Recht und Titel."

"Unsere Identität wird aufgelöst, insbesondere durch die massive Einwanderung, die die Wiege für Kommunitarismus und von meinen politischen Gegnern geförderten Multikulturalismus ist", betonte Le Pen.

Am vergangenen Dienstag verschärfte sie ihre Rhetorik im französischen Radiosender RTL ein weiteres Mal: "Die Einwanderung ist massiv in unserem Land. Die Überflutung durch Migration, die wir erleben, ist keine Wahnvorstellung. Sie könnte das meist gehütete Geheimnis der Globalisierung sein, ihr Prinzip, ihr Motor. Eine Problematik, die keiner der anderen Kandidaten anspricht."

Sie will ein “sofortiges Moratorium” für die gesamte Einwanderung erlassen

Auf einer Sitzung in Paris holte Le Pen abermals zum Angriff aus und kündigte ein "sofortiges Moratorium für die gesamte legale Einwanderung" an, sobald sie in den Élysée-Palast gewählt werde - eine Maßnahme, die bislang nicht Teil ihres Wahlprogramms war.

“Ich werde ein Moratorium für die gesamte legale Einwanderung erlassen, um diesen Wahnsinn zu stoppen, diese unkontrollierte Situation, die uns den Boden unter den Füßen wegreißt. Mit dem Moratorium können wir eine Bestandsaufnahme machen, bevor wir neue, drastischere, vernünftigere, humanere, führbarere Regeln erlassen“, sagte die FN-Chefin.

Obwohl die Anhänger des Front National immer wieder den "Zugangsstopp" im TV heraufbeschwören, hatte Le Pen in ihren "144 Präsidentschafts-Verpflichtungen" bislang lediglich vorgeschlagen, die legale Einwanderung auf 10.000 Einwanderer jährlich zu reduzieren und so die "Saugpumpen der Einwanderung" zu beseitigen.

Le Pen will Flüchtlinge in Camps stecken

"Für Flüchtlinge werden wir lokale Lösungen in humanitären, geschützten Camps finden", sagte sie aber jetzt und kündigte an, dass sie Vereinbarungen mit den Herkunftsländern finden will – im Austausch für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Das Treffen am Montag fand im Beisein der Parteigrößen statt. Darunter auch Le Pens Nichte Marion Maréchal-Le Pen, die in einer angespannten Beziehung zu ihrer Tante steht. Aber auch ihre Mutter Pierrette Lalanne und Frédéric Chatillon, Mitglied ihrer Kampagnenmannschaft und vor Kurzem beschuldigt, Sympathien für den Nationalsozialismus zu hegen – die er selbst bestreitet.

Marine Le Pen ist der Meinung: "Jeder Franzose hat das Recht zu verkünden, dass Frankreich ihm gehört. Gebt uns Frankreich zurück!", rief sie unter Jubelgeschrei.

Und weiter sprach die Front-National-Kandidatin über enteignete französische Bürger: "Die Franzosen haben in Frankreich manchmal weniger Rechte als Ausländer, auch als illegale Einwanderer. Mit mir hätte es keinen Mohammed Merah gegegeben (der Drahtzieher der Morde von Toulose im März 2012, Anm.), mit mir hätte es die eingewanderten Terroristen vom Bataclan und Stade de France nicht gegeben“.

Damit spricht Le Pen von einer klaren Kausalität zwischen Einwanderung und Terrorismus.

Sie lässt den alten FN-Sound auferstehen

Kürzlich ließ Le Pen dann auch den alten Front-National-Sound ihres Vaters und Mitbegründers ihrer Partei, Jean-Marie Le Pen, auferstehen. Das Verhältnis der beiden ist zerrüttet. Jean-Marie Le Pen nannte den Holocaust mehrmals "ein kleines Detail der Geschichte". Er stand für einen rechtsextremistischen und antisemitischen Kurs des Front National.

Mit einer Äußerung schien es, griff seine Tochter diesen Kurs wieder auf. Im französischen Fernsehen sagte Le Pen, nicht Frankreich sei bei einer Razzia für die Verfolgung von Juden im Zweiten Weltkrieg verantwortlich gewesen. Das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime sei nämlich nicht Frankreich gewesen.

Die absurde Aussage hätte ebenso gut von ihrem Vater stammen können. Offenbar greift Le Pen zu verzweifelten Mitteln, um in den Umfragen wieder aufzuholen. Und wenn sie dazu den alten Front-National-Sound bemühen muss, den sie solange versuchte, zu beseitigen.

Der erste Wahlgang am Sonntag wird zeigen, ob dieses taktische Manöver von Le Pen aufgeht.

Dieser Artikel erschien zuerst in der französischen Ausgabe der Huffington Post und wurde von Uschi Jonas aus dem Französischen übersetzt und ergänzt.

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(ll/br)

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