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Erdogan wirft kritische Journalisten ins Gefängnis - ein 25-Jähriger kämpft weiter für die Wahrheit

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ENGIN ONDER
Der 25-jährige Engin Onder kämpft für die Wahrheit - und damit gegen Erdogan | pfahler
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Ein Apartmentkomplex in Istanbuls Stadtteil Kadiköy: Der 25-jährige Engin Onder öffnet die unscheinbare Tür. Er sieht müde aus.

Gestern war für ihn ein harter Tag.

Seit 5 Jahren ist Onder auf der Suche nach der Wahrheit. In einem Land, in dem Regierung und Medien viel dafür tun, diese zu verschleiern. Der Tag des Referendums: Auch für ihn, für den Frustration wohl zum Arbeitsalltag gehört wie für andere der morgendliche Kaffee, war es ein schwieriges Datum.

Onder leitet die Nachrichtenseite „140Journos“, die mit ihren alternativen Nachrichten hunderttausende Menschen in der Türkei erreicht. Hier in Kadiköy, am Ende einer kleinen Sackgasse, versteckt im Erdgeschoss eines hotelartigen Hochhauses, hat sie ihr Büro.

Onders Vision: Die Alleinherrschaft des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan über den Medienapparat des Landes zu brechen. Eine gefährliche Mission.

Der Kampf gegen die Gleichschaltung

Wenn Onder spricht, dann klingt das kämpferisch – und dennoch erstaunlich unaufgeregt. „Das Recht der Menschen auf Wissen ist in der Hand von Firmen, die wir nicht kontrollieren können“, sagt der 25-Jährige.

Wer am Sonntagabend das türkische Fernsehen einschaltete, versteht, was Onder meint. „Auf allen Sendern gab es nur die selben Daten, die selbe Bildsprache, die selben Worte“, berichtet der junge Journalist.

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu, sie allein hatte das Recht, Ergebnisse der Auszählung des Referendums zu veröffentlichen. Und die türkischen Fernsehsender bedienten sich ihrer Daten ohne sie zu hinterfragen – auch als bereits klar war, dass diese einfach nicht stimmen konnten.

Viele Türken haben davon genug.

„In den letzten vier Jahren hat sich nichts geändert, wenn es um die Einstellung der Medien geht“, sagt Onder. Damals während der Gezi-Proteste in Istanbul begann die große Stunde seiner Seite.

Über Nacht war in der Türkei der Bürgerjournalismus geboren. Menschen teilten Videos und Fotos der Proteste, Szenen, die die staatsnahen Medien verschweigen wollten, überall in sozialen Medien. In nur wenigen Wochen stieg die Zahl der Twitter-Nutzer in der Türkei von 1,8 auf über 10 Millionen.

"Bürgerjournalismus ist tot"

Das war vor vier Jahren. Heute sagt Onder: „Bürgerjournalismus ist tot.“ Es sei eine temporäre Phase gewesen, in Zeiten des Widerstandes. „Aber was, wenn es keine Proteste gibt, über die man berichten kann?“, fragt er.

Deshalb arbeiten Onder und seine Kollegen heute anders. Noch immer produzieren sie Videos, Fotostrecken, Nachrichtentexte. Doch anders als früher sind es vor allem ausgebildete Journalisten, die Inhalte produzieren.


Ein Video von „140Journos“ über den Tag des Referendums

Bürger kommen an anderer Stelle ins Spiel: „Wir haben Debattengruppen bei WhatsApp und Arbeitsgruppen bei Facebook“, erzählt Onder. Leser werden zu Workshops eingeladen.

Erst vor einigen Tagen fand ein solcher in Istanbul statt. 50 Menschen kamen, um einen Tag lang an einem Thema zu arbeiten. „Jetzt haben wir einen massiven Daten-Pool darüber, wie Erdogan die Macht bis zum Referendum auf sich vereint hat“, sagt Onder und erklärt: „Wenn einer allein daran gearbeitet hätte, hätte es Wochen gedauert“.

"Die Wahrheit ist auch für die Opposition unangenehm"

Das Erstaunliche an „140Journos“: Die Seite folgt trotz aller Kritik an der Regierungs-Presse keiner politischen Agenda. Onders Seite ist kein oppositionelles Medium, wie viele Projekte, die in der Gezi-Zeit starteten.

Wenn er im Westen von seinem Projekt erzähle, sorge das immer für Unverständnis, sagt Onder. „Sie müssen verstehen: Wir sind keine Regimekritiker. Wir wollen die Wahrheit. Und die ist auch oft für die Opposition unangenehm.“

Häufig würden Menschen dennoch versuchen, „140Journos“ in eine Rolle zu drängen, zu brandmarken. Als Pro-Erdogan, als pro-kurdisch, vor allem aber als Regimegegner. „Wir haben es satt“, sagt Onder.

Seine Nachrichten haben deshalb einen ganz besonderen Ton. Für den deutschen Leser sind sie fast schon unangenehm objektiv. Ein wertendes Wort, ein Spekulieren über mögliche Folgen, sogar eine Betonung, die Wertung suggerieren könnte: All das will „140Journos“ vermeiden.

Dafür geht es den Journalisten um Kreativität, starke Bilder und Fakten. „Opposition verkauft sich, das wollen die Leute lesen. Gute Ideen verkaufen sich nicht“, erklärt Onder etwas frustriert. Deshalb seien er und seine Kollegen auch immer in Reibereien mit der eigenen Community verwickelt.

Doch nachgeben will Onder nicht.

Das größte Problem der Türkei ist nicht Erdogan

Dieses Schubladendenken sei das Schlimmste an der heutigen Türkei, sagt der Journalist - nicht der Präsident.

Durchbrechen können wird er es kaum. Besonders bei Erdogan-Unterstützern ist seine Seite verhasst. Mit seinem Büro musste Onder von Beyoglu nach Kadiköy umziehen. Im konservativeren Beyoglu hätten sich seine Mitarbeiter einfach nicht mehr sicher gefühlt.

Und auch in Kaidköy seien schon mehrmals Polizisten vorbeigekommen. „Das war aber noch harmlos“, sagt Onder, der weiß, dass seine Seite unter genauer Beobachtung der Regierung steht.

Der 25-Jährige grinst: „Wir verstecken uns hier.“ Trotz seines ironischen Tons merkt man, dass dahinter wohl ein Stück Wahrheit steckt. Noch gehe jedoch alles gut, auch Zensur habe er noch nicht erfahren.

"Die Wahrheit ist keine Verhandlungsmasse"

Auch nicht, als er die Ergebnisse einer besonders aufwendigen Recherche veröffentlichte. Mit Kreide an die dunklen Wände des Büros gekritzelt, sieht man noch heute Notizen für diesen Artikel.

„140Journos“ habe aufgedeckt, wie sehr die politische Agenda der Regierung in die Freitagspredigten einfließe, die überall in der Türkei in Moscheen zu hören seien.

Als Onder beginnt, von der Recherche zu erzählen, funkeln seine Augen aufgeregt. Er steht auf, gestikuliert, zeigt an der Wand, welche Verbindung sie aufgedeckt hätten.

Dann wird Onder still, sammelt sich, tritt einen Schritt von der Wand zurück.

„Das ist so krank“, sagt er – und wird dann schnell wieder ganz rational: „Ich will die Leute wirklich auf diese Themen aufmerksam machen. Die Wahrheit ist keine Verhandlungsmasse.“

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