Türkisches Online-Medium nennt den wahren Grund, warum so wenige Deutschtürken gegen Erdogan stimmten

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Türkisches Online-Medium nennt den wahren Grund, warum so wenige Deutschtürken gegen Erdogan stimmten | CHRISTOF STACHE via Getty Images
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  • Deutschland debattiert darüber, warum so viele Deutschtürken für Erdogan stimmten - oder gar nicht erst zur Wahl gegangen sind
  • Ein deutschtürkisches Online-Medium sagt nun, die Nicht-Wähler hätten zu viel Angst gehabt, um abzustimmen

Nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei diskutiert Deutschland über eine Zahl: 63,1.

Rund 63 Prozent der Deutschtürken, die an der Abstimmung teilgenommen haben, sagten “Ja” zur Einführung eines Ein-Mann-Staates, wie Kritiker der Verfassungsreform befürchten.

Rund die Hälfte der 1,5 Millionen wahlberechtigten Deutschtürken ging allerdings gar nicht erst zur Wahl. Über ihre Beweggründe, der Abstimmung fernzubleiben, wird gestritten. Ein türkisches Online-Medium bringt nun eine bittere Interpretation in die Debatte ein.

Eine schweigende Mehrheit für Erdogan?

Denn eine Deutung ist, dass auch den Nicht-Wählern die Zertrümmerung der Demokratie in der Türkei egal gewesen sei. Dass sie eine schweigende Mehrheit für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sind - und auch bei ihnen die Integration somit gescheitert sei.

“Wenn 50 Prozent der Wahlberechtigten Deutschtürken ihre Stimme nicht abgegeben haben, obwohl so viel auf dem Spiel stand, war das auch ein Statement: Sie demonstrierten, wie gleichgültig es aus ihrer Sicht ist, ob die Türkei eine Demokratie bleibt oder in ein autoritäres Ein-Mann-Regime abgleitet”, schreibt etwa der Publizist Hugo Müller-Vogg in der Huffington Post.

Die Journalistin Margherita Bettoni widerspricht dieser Deutung. In einem Kommentar für das Recherche-Portal "Üzgürüz", das der von Erdogan verfolgte Journalist Can Dündar mitgründete, schreibt sie von einer “vergessenen Mehrheit”.

Der wahre Grund, warum Deutschtürken nicht wählten

Sie sagt: Es liegt nicht an der vermeintlich gescheiterten Integration, dass viele Deutschtürken nicht zur Abstimmung in den türkischen Generalkonsulaten in 13 deutschen Städten erschienen sind.

“Es liegt nahe, dass vor allem Teile des ‘Nein’-Lagers nicht wählen gingen – aus Angst, die türkischen Konsulate zu betreten. Türkische Konsulate sind türkisches Hoheitsgebiet, in dem man Erdoğans Willkür ausgeliefert ist”, schreibt Bettoni in ihrem Kommentar.

Ein durchaus wahrscheinliches Argument. Auch in einer Recherche der Huffington Post zeigte sich, wie groß die Angst der Erdogan-Gegner beispielsweise in München ist.

Der Arm des türkischen Staatspräsidenten ist lang. Echte und vermeintliche Gülen-Anhänger werden auch in Deutschland bedroht und schikaniert.

Keine einfachen Antworten möglich

Bettoni bringt aber noch einen weiteren möglichen Grund dafür ins Spiel, warum so viele Deutschtürken nicht gewählt haben. Und auch der hat nichts damit zu tun, dass sich die Deutschtürken nicht gut in deutsche Gesellschaft integriert hätten: Ihnen sei die Politik in der Türkei schlicht egal.

Entweder, weil der chaotische Wahlkampf zu viel für sie war. Oder weil sie der Türkei nicht mehr verbunden sind. Weil sie sich als Deutsche fühlen.

So oder so: Die deutschtürkischen Nicht-Wähler lassen sich nicht einfach dem Erdogan-Lager zuschlagen. Bettonis Beitrag zeigt, dass es in der Debatte um die Integration türkischstämmiger Menschen in Deutschland keine einfachen Antworten gibt.

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(poc)