Über dem Himmel der Ostsee könnte der dritte Weltkrieg beginnen - die Gefahr ist größer, als viele denken

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Es ist ein Szenario, das die Generäle nicht mehr schlafen lässt:
Russland hat es darauf angelegt, den Westen zu destabilisieren.
Und in dieser Situation trifft ein nervöser Pilot,
der mit 600 Kilometern pro Stunde dahinrast,
eine Fehlentscheidung.

Mehrmals in der Woche fliegen Piloten der US Air Force von der Luftwaffenbasis in Mildenhall in England nach Norden. Ihr Auftrag: am äußersten Zipfel des Nato-Gebiets Informationen über Russland sammeln.

Einer dieser Piloten ist der 40-jährige Colonel Kevin Webster. Ein Mann, der schon viele ähnliche Einsätze geflogen ist und sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt.

Mit seinem viermotorigen silber-weißen Aufklärungsflugzeug vom Typ RC-135 steigt Webster über East Anglia auf, lässt die Nordsee und Dänemark hinter sich, stets darauf bedacht, sich in internationalem Luftraum zu halten. Wenn Webster die Ostsee erreicht, beginnt seine Beobachtungsmission.

Das Flugzeug ist voll beladen mit elektronischem Equipment. Mit an Bord ist die 24-köpfige Besatzung, vor allem Geheimdienstler und Analytiker, die mit Kopfhörern auf Drehstühlen vor Monitoren sitzen. Die Experten sammeln Daten und hören die militärische Kommunikation ab.

Im Innern des Flugzeugs ist es kühl. Es riecht leicht nach Treibstoff, Gummi und erhitzten Kabeln. Der weiche blaue Teppich auf dem Boden hilft, das Wummern der Motoren aufzufangen. So ist es überraschend leise in dem Flieger – zumindest so lange, bis die Russen auftauchen.

Nur nicht über Kaliningrad fliegen

Wenn die polnische Küste in der Ferne verblasst, dreht Webster nach links ab. Er will vermeiden, direkt den hochgerüsteten russischen Militärstützpunkt in Kaliningrad zu überfliegen.


Hier kann wie aus dem Nichts jederzeit ein russischer SU-27-Fighter auftauchen, der Websters Flugzeug so nahe kommt, dass er die Heckbeschriftung lesen kann.

Egal wie oft es zu so einem Zwischenfall kommt – und in der letzten Zeit war das sehr oft der Fall – jedes Mal erschrickt Webster wieder.

Im Schatten des Gegners

Er und seine Crew sehen ein solches Flugzeug einfach nicht kommen. Websters Aufklärungsflugzeug verfügt zwar über eine teure Ausrüstung allerneuesten Standards, aber es fehlt ein einfaches Radar, mit dem er andere Flugzeuge erkennen könnte.

Webster bleibt nur ein Weg, um zu erkennen, wie nahe die andere Maschine kommt, welche Manöver sie fliegt: Ein Besatzungsmitglied muss am Boden herumkriechen und durch eines der drei kleinen Rumpffenster in Kniehöhe schauen.

Für gewöhnlich ist so eine Begegnung von Flugzeugen kein Grund zur Sorge. Russische Jets folgen amerikanischen Flugzeugen über der Ostsee und anderswo routinemäßig wie Schatten. Und die Amerikaner fangen die Russen routinemäßig über Alaska und der Küste Kaliforniens ab.

Die Botschaft auf beiden Seiten: “Ihr behaltet uns im Auge, wir behalten euch im Auge!”

Das Problem: Alle paar Wochen reagiert ein russischer Pilot aggressiv.

Statt den US-Jet mit niedriger Geschwindigkeit zu umfliegen und sich für eine Weile an seine Tragflächen zu heften, rast der russische Kampfjet direkt auf das amerikanische Flugzeug zu und dreht erst im letzten Moment nach oben ab.

Die gefürchtete Fassrolle

Oder er fliegt die gefürchtete “Fassrolle”: Ein haarsträubendes Manöver, bei dem der russische Jet das amerikanische Flugzeugs umkreist, während beide Flugzeuge sich mit über 600 Kilometern pro Stunde fortbewegen. In diesem Fall kann der US-Pilot nur eines tun: Die Flucht nach vorne antreten und hoffen, dass sein russischer Kollege nicht in ihn kracht.

barrel roll

“Eine falsche Bewegung und es bleibt nur eine halbe Sekunde, um zu reagieren”, sagt ein amerikanischer RC-135-Pilot.
Die Begegnungen in der Luft häufen sich: Die Nato hat nach eigenen Angaben ihrem Luftraum im Jahr 2015 mehr als 400 Mal russische Flugzeuge abgefangen, die ohne Bekanntgabe des Identifikationscodes oder des Flugplans unterwegs waren. Im Jahr 2016 stieg die Zahl dieser Zwischenfälle bereits auf 780, im Schnitt zwei pro Tag.

Ähnlich häufig fingen russische Jets US- oder Nato-Flugzeuge ab.

Auch die Zwischenfälle auf See, bei denen russische Jets amerikanische Kriegsschiffe provozierten, haben sich in beträchtlichem Maß gehäuft.

Putins Strategie

Hochrangige Angehörige der US-Armee halten die Zusammenstöße mit Russland für sehr gefährlich: Sie seien Teil der Strategie des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Angst zu schüren und zu provozieren.

Und die Begegnungen am Himmel können Russland und die USA innerhalb von Sekunden in eine schwere militärische Krise stürzen: Schon eine falsche Entscheidung eines hitzköpfigen Piloten kann ein gegnerisches Flugzeug zum Absturz bringen. Und Piloten von Kampfjets, die sich in der Nähe befinden, müssen sofort entscheiden, ob sie den Gegner unter Beschuss nehmen.

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Ramstein Air Base. Foto: Getty


Die Huffington Post sprach im Winter mit General Tod Wolters auf dem US-Stützpunkt im deutschen Ramstein über diese Gefahr. Wolters ist Kommandeur der Luftstreitkräfte der USA und der Nato und hatte als Kampfpilot im Kalten Krieg mit Kollegen aus dem Ostblock zu tun.

“Die Anspannung ist besorgniserregend“, sagte Wolters. “Die Möglichkeit eines missglückten Abfangmanövers habe ich 24 Stunden am Tag an 365 Tagen im Jahr im Kopf.”

"In höchster Alarmbereitschaft"

Der ehemalige Nato-Kommandeur Admiral James Stavridis wählt noch deutlichere Worte: Das Risiko einer Fehleinschätzung sei derzeit “wahrscheinlich höher als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt seit dem Ende des Kalten Krieges", sagte er. “Wir befinden uns in höchster Alarmbereitschaft.”

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Donald Trump (r.). Foto: Getty


Die Nato zu schwächen, ist eines der wichtigen Ziele Putins. Mit den riskanten Abfangmanövern zwingt er die Nato zu entscheiden, wie sie auf die Provokation reagiert. Und dabei besteht die Chance, dass sich die Nato-Mitglieder untereinander zerstreiten.

Streitlust gegenüber dem US-Militär zu demonstrieren, ist für Putin außerdem eine innenpolitische Notwendigkeit. In Zeiten schwindenden russischen Einflusses in der Welt und wirtschaftlicher Schwierigkeiten ist ein starkes Militär “das Einzige, womit das Regime punkten kann”, sagt Leon Aron, Russlandexperte vom Think-Tank American Enterprise Institute.

Dazu kommt, dass in den US-Außenpolitik nach dem Rückzug von Trumps erstem Sicherheitsberater Michael Flynn die Russlandkritiker wieder das Sagen haben. Putin muss also klare Kante zeigen, um sein Gesicht gegenüber den USA zu wahren.

"Die Lage ist schlecht"

Deshalb glaubt Philip Breedlove, der im vergangenen Jahr als Oberbefehlshaber der Nato zurückgetreten ist, nicht daran, dass Russland in naher Zukunft zurückhaltender agiert. “Die Lage ist schlecht und sie wird sich eher noch weiter verschlechtern”, sagte Breedlove der Huffington Post.

Als Breedloves Nachfolger, General Curtis Scaparotti, im Mai 2016 sein Amt antrat, warnte er vor einem “erstarkenden Russland”. Er deutete an, dass die Nato darauf vorbereitet sein müsse, “noch in der Nacht zu kämpfen, wenn die Abschreckung nicht mehr wirkt”.

Sorge bereitet hochrangigen Mitarbeitern der Regierung und des Militärs in Washington und in Europa allerdings nicht nur Putin – sondern auch US-Präsident Donald Trump, der auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist.

Nachdem ein russischer Kampfjet im April vergangenen Jahres eine Fassrolle um eine RC-135-Maschine über der Ostsee geflogen hatte, kritisierte Trump den lediglich diplomatischen Protest der Regierung von Barack Obama als zu lasch.

"Es zeigt, wie tief wir gesunken sind"

“Es zeigt nur, wie tief wir gesunken sind, wenn sie einfach so ihre Spielchen mit uns treiben können”, beschwerte er sich in einer Radio-Talkshow. “Es zeigt einen Mangel an Respekt.”

Wenn er selbst Präsident wäre, so Trump, dann würde er einiges anders machen. “Man würde zumindest ein, zwei Telefonate führen”, erklärte er. “Aber wenn der Trottel dir zu nahe kommt, dann ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem man einfach schießen muss. Man muss schießen. Also ehrlich, man muss schießen.”

Was das Ganze noch schlimmer macht, ist die Tatsache, dass Russland und die USA ihre Feindseligkeit so offen zur Schau stellen wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Seit dem Ende des Kalten Krieges 1991 hat die Nato zehn ehemalige Bruderstaaten der Sowjetunion aufgenommen.

Als Reaktion darauf hat Russland sein Militär ausgebaut. Außerdem war Moskau in verheerende Cyber-Attacken gegen Estland, Deutschland, Finnland, Litauen und andere Länder verwickelt. Russland hat Teile Georgiens eingenommen, gewaltsam die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und Truppen in die Ukraine entsandt.

Außerdem hat es viele unangekündigte Boden- und Luftübungen durchgeführt, die einen Einmarsch in die baltischen Nachbarländer simulierten. Bei einem solchen Manöver im letzten Jahr mobilisierte Russland 12.500 Soldaten auf einem Gebiet nahe der polnischen Grenze und der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen.

Das Wettrüsten

Laut einer Analyse des Think-Tanks Rand Corporation könnte Russland seine Truppen innerhalb von 60 Stunden in die Hauptstädte der baltischen Länder entsenden.

Und die Nato hat auf diese Provokationen reagiert. Im vergangenen Jahr änderte sie ihre offizielle Strategie von “Sicherung” – der Erklärung, Verbündeten im Notfall beizustehen – hin zu “Abschreckung”. Das Bündnis hat eine neue multinationale Einheit genehmigt, die insgesamt 40.000 Soldaten umfasst. Im Januar entsandten die USA zudem eine 4000 Mann starke Einsatztruppe nach Polen und in die baltischen Staaten.

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Nato-Training im April 2016. Foto: Getty.


Armee-Ingenieure bauen osteuropäische Landebahnen aus, um Cargo-Maschinen mit schwerer Fracht die Landung zu ermöglichen. Außerdem werden Eisenbahntrassen in Osteuropa so umgebaut, dass auf Panzer und schwere Geschütze transportieren werden können.

Die Zeichen stehen auf Konfrontation

Stehen die Zeichen also voll auf Konfrontation?

Tatsächlich gibt es nur kleine Lichtblicke. Im Februar und März trafen sich zwei hochrangige Kommandeure aus den USA und Russland in Aserbaidschan und der Türkei. Unter anderem wollten sie einen Prozess testen, der Unfälle bei Luftmanövern in Syrien verhindern sollte.

Abgesehen davon gibt es nur noch wenige Mechanismen, um Zwischenfälle zu entschärfen. Verträge, Gentlemen’s Agreements und inoffizielle Hintertürchen aus der Zeit des Kalten Krieges sind weggefallen. Strenge Auflagen für militärische Manöver etwa scheinen unwahrscheinlich.

Ein russischer Diplomat schiebt die Schuld dafür vollständig den USA zu. “Wir werden als Objekt betrachtet, das abgewehrt werden muss – wir sind der Feind”, sagte er der Huffington Post. “Wie sollen wir da miteinander reden?”

Sprachlosigkeit auf Befehl

Doch so einfach ist es nicht. Im Jahr 2014 hatte der US-Kongress als Antwort auf die russische Annexion der Krim ein Gesetz verabschiedet, das jede Kommunikation von Militär zu Militär unterband. Selbst ein spontaner und informeller Austausch, wie es ihn zwischen Offizieren aus Russland und den USA immer wieder einmal gegeben hatte, fand nicht mehr statt.

Und so sagte General Scaparrotti Ende März vor dem Senate Armed Services Committee, einem Kontrollkommitee, dass er praktisch keinen Kontakt zur russischen Militärführung habe. Senator Angus King fragte da: “Wäre es nicht gut, Entwarnung geben zu können, wenn ein Geschoss versehentlich abgefeuert worden wäre?”

Die Sprachlosigkeit auf beiden Seiten ist umso gefährlicher, als Experten das Vorgehen Putins für aggressiver halten als das der sowjetischen Führung im Kalten Krieg.

"Eine zermürbende Strategie"

Putins Lieblingsstrategie, so sehen es die US-Geheimdienste, ist die "dominante Eskalation“. Ein hochrangiger Geheimdienstangehöriger, der in Europa stationiert ist, sagte der Huffington Post dazu: “Man eskaliert so lange, bis die Gegenseite einlenkt und nicht weitergeht. Es ist eine zermürbende Strategie.”

Der ehemalige Nato-Kommandeur James Stavridis bringt an dieser Stelle ein altes russisches Sprichwort an: “Man stochert mit dem Bajonett: Trifft man auf Stahl, zieht man sich zurück. Trifft man auf etwas Weiches, macht man weiter.” Im Moment “trifft Russland immer nur auf etwas Weiches und macht daher auch immer weiter”.

Im Kalten Krieg dagegen waren sich Amerikaner wie Russen noch bewusster, wohin so eine Eskalation führen konnte, schließlich lag der Zweite Weltkrieg da noch nicht lange zurück. “Wenn sich die Schlinge zu eng zog, dann machten beide Länder einen Rückzieher”, erklärt ein pensionierter Pentagon-Mitarbeiter.

Sir Lawrence Freedman, emeritierter Professor für Kriegswissenschaft am King’s College in London, schreibt Regierungschefs brauchten im Kalten Krieg Selbstvertrauen, um eine De-Eskalation herbeizuführen. Ausgeprägtes Krisenmanagement, “erfordert die Fähigkeit, Taten mit Worten zu begegnen, um eine Drohung zu übermitteln, ohne rücksichtslos zu erscheinen und um Zugeständnisse einzuräumen, ohne als zu weich zu gelten. Oft musste das unter großem Zeitdruck und dem prüfenden Blick der Medien geschehen.”

Putin und Trump sind gefährlich dünnhäutig

Weder Putin noch Trump, das kann man mit Sicherheit sagen, sind geborene Krisenmanager.

Beide sind dünnhäutig, handeln instinktiv und ignorieren Ratschläge von Experten. Putin, so heißt es, umgibt sich dieser Tage nicht mit erfahrenen Diplomaten, sondern mit Kumpanen aus Geheimdienstzeiten.

Beide schrecken nicht davor zurück, offen zu lügen. Sie vertiefen mit ihren Aussagen das gegenseitige tiefe Misstrauen. Ex-Nato-Kommandeur Stavridis, der sich sowohl mit Putin als auch mit Trump eingehend befasst hat, sagte, beide würden das Risiko nicht scheuen sondern suchen.

Am deutlichsten unterscheiden sich Trump und Putin noch dadurch, dass Putin sehr viel kalkulierter vorgeht als Trump. Zur Vorbereitung auf direkte Verhandlungen greift Putin gerne auf Videoanalysen der Mimik ausländischer Regierungschefs zurück. Diese Analysen zeigen, ob jemand blufft, lügt oder auch ratlos ist.

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Wladimir Putin. Foto: Getty


Wie die beiden Männer aufeinander reagieren, zeigte sich etwa am 22. Dezember vergangenen Jahres. Damals versprach Putin bei seiner traditionellen Ansprache vor Offizieren der russischen Armee, Russlands strategische Atomstreitkräfte auszubauen.

Stunden später verkündete Donald Trump über Twitter, dass er “die US-Atomstreitkräfte in großem Maße ausbauen und stärken” werde. Am nächsten Morgen machte TV-Moderatorin Mika Brzezinski öffentlich, was Trump ihr in einem Telefongespräch gesagt hatte: “Dann kommt es eben zu einem Wettrüsten. Wir stechen sie in jeder Hinsicht aus und werden sie alle überdauern.”

Normalerweise verhindern die üblichen Prozesse, dass Trump im Alleingang eine Katastrophe auslösen kann.

Nehmen wir einmal an, Trump befiehlt einem Jetpiloten, einen Piloten, der eine Fassrolle um ein amerikanisches Flugzeug fliegt, unter Beschuss zu nehmen. Eine Antwort müsse in so einem Fall immer noch durch das Pentagon erfolgen, erklärt Anthony Cordesman, Analytiker am Center for Strategic and International Studies.

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Notfall-Kommunikation im Kalten Krieg und heute

In den Prozess sind eine ganze Reihe erfahrener Offiziere involviert, die einlenken können: “Hör mal Boss, das ist eine großartige Idee, aber können wir zunächst mal über die möglichen Konsequenzen sprechen?”

Wer kann Trump im Ernstfall bremsen?

Das Problem ist nur: Viele wichtige Positionen im Pentagon und im Außenministerium sind noch immer nicht besetzt. Ein kleiner Kreis von Personen im Weißen Haus - dazu gehören Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sowie der radikale Stephen Bannon - nimmt eine wichtige Rolle bei außenpolitischen Entscheidungen ein.

Wenn die Grenzen von Autorität und Einfluss so schwammig sind, dann bestehe das Risiko, dass ein kleiner Zwischenfall in eine unbeabsichtigte Explosion mündet, warnt der pensionierte General John Allen.

Hinzu kommt, dass die Geschwindigkeit des Social-Media-Zeitalters brenzlige Situationen eher verschärft als entschärft. Den Regierenden bleibt schlicht weniger Zeit, Entscheidungen zu treffen.

Kennedy brauchte für eine Entscheidung zehn Wochen

Es ist heutzutage kaum vorstellbar, dass ein Präsident und seine Berater zehn Wochen diskutieren – wie es 1962 in der Kuba-Krise der Fall war, als sich John F. Kennedy letztlich für eine Seeblockade Kubas entschied.

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John F. Kennedy. Foto: Getty


1969 schossen nordkoreanische Jets ein US-Spionageflugzeug ab, 31 Amerikaner starben. Es dauerte 26 Stunden, bis das Pentagon und das Außenministerium Präsident Richard Nixon eine angemessene Reaktion vorschlagen konnten. Nixon entschied sich schließlich dafür, gar nicht zu reagieren.

Heute wissen die Männer im Kreml und im Weißen Haus dank Real-Time-Video- und Daten-Streaming in jedem Moment genauso viel wie der Pilot im Cockpit eines Kampfjets oder der Kapitän auf der Brücke eines Kriegsschiffs. Zumindest glauben sie das.

Der Präsident muss sich nicht mehr unbedingt auf die Berichte des Militärs verlassen, die durch deren Expertise, Wissen und die genaue Kenntnis der Situation am Boden gefiltert werden.

“Die Möglichkeit, eine Fehlentscheidung wieder gut zu machen, ist stark eingeschränkt“, sagt General Joseph Dunford, Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, eines Gremiums von Generälen, das unter anderem den Präsidenten in Militärfragen berät.
Er sagt: “Die Geschwindigkeit des Krieges hat sich verändert und die Natur dieser Veränderungen macht das Umfeld für die globale Sicherheit noch weniger vorhersehbar - dafür aber gefährlicher und gnadenlos.”

Und so zählt am Ende nicht, wie cool und unfehlbar der Instinkt der Männer und Frauen beim Militär und wie unerschütterlich ein Mensch wie der Flugzeugpilot Kevin Webster ist.

Was eine schwelende Krise im Keim erstickt, ist eine stabile und bedachte Führung im Weißen Haus und im Kreml.

Die Erkenntnis, dass erste Berichte vielleicht falsch sind; die Bereitschaft, neue und vielleicht unangenehme Nachrichten anzunehmen; eine dicke Haut, um Beleidigungen und Beschuldigungen an sich abprallen zu lassen; das Wissen um den geringen Wert von Drohungen und Bluffs und die Fähigkeit, die Kerninteressen der anderen Seite zu akzeptieren, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.

Diese Eigenschaften finden sich derzeit weder in Washington, noch in Moskau.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt und von Benjamin Reuter und Susanne Klaiber bearbeitet.

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