Zwischen Wut und Depression: Der Tag Eins nach dem Referendum in der Türkei

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Und plötzlich waren es Tausende.

Am Sonntagabend fanden in mehreren Distrikten Istanbuls spontane Proteste gegen das Wahlergebnis statt – gegen die drohende Präsidialdiktatur, die Recep Tayyip Erdogan der Türkei jetzt per Referendum verordnet hat.

Erst sind es kleine Gruppen junger Männer und Frauen, die sich in öffentlichen Parks oder auf Plätzen in den Stadtteilen Besiktas und Kadiköy treffen und diskutieren. Doch schon bald kommen immer mehr junge Menschen aus ihren Wohnungen. Und dann setzen sich die Gruppen in Bewegung.

Solidarität mit den Wütenden

Am Sonntagabend zeigt sich: Mundtot ist die politische Opposition in der Türkei nicht. Sie ist nur vorsichtig geworden.

Die Protestzüge werden begleitet von lautem Hupen. Autofahrer – vor allem in vorbeifahrenden Taxis – zeigen ihre Solidarität mit den Wütenden.

Und dann da ist dieses ohrenbetäubende blecherne Klopfen. Das Klopfen von Löffeln auf Pfannen und Töpfen. Überall in Istanbul vernimmt man dieses Geräusch jetzt.

Es ist das Geräusch des Protests. Schon in Sommer 2013 zur Zeit der Gezi-Bewegung und schärfsten Proteste gegen Erdogan wurde das Pfannenschlagen zum Zeichen der Solidarität mit den Protestierenden. Auch heute haben wieder hunderte Menschen die Küchenutensilien dabei. Manche der Töpfe und Pfannen sind sichtlich verbeult, sie scheinen nicht das erste Mal als Schlaginstrument zu dienen.

Konfrontation mit der Polizei bleibt aus

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(Proteste nach dem Referendum auf den Straßen von Istanbul. Quelle: Getty)

Und doch ist heute anders als Gezi – und das, obwohl es um so viel mehr geht. Der türkische Präsident hat gerade das Parlament entmachtet, die türkische Republik, auf die man hier so stolz ist, sie wurde entwurzelt.

Doch die Türken spüren, dass es in diesem Moment nicht viel gibt, was sie tun können. Als die Polizei ihnen nach zwei Stunden Protestmarsch im Norden von Besiktas den Weg versperrt, bauen sich die jungen Männer und Frauen kurz auf – und drehen dann wieder um.

Die Stunde einer neuen Revolution, wie man sie schon 2013 anstrebte, sie ist in der Türkei noch nicht gekommen.

Doch es gibt nicht wenige, die zumindest das leise Gefühl haben, dass gerade wieder etwas in Bewegung gerät.

Anfang vom Ende der Ära Erdogan?

Der linke türkische Journalist Can Dündar sagte der Tageszeitung "Welt", er glaube, das Referendum sei „das Ende der Ära Erdogan“.

Und auch im eher linken Stadtviertel Kadiköy auf der asiatischen Seite Istanbuls ist das der Eindruck, den viele haben. Erdogan-Kritiker Gürkan sagt: „Er hat Ankara verloren, er hat Istanbul verloren. Izmir ist ohnehin gegen Erdogan. Das war kein Sieg.“

Für den türkischen Präsidenten sind es tatsächlich bittere Ergebnisse, die aus den großen Städten kommen. Die Hauptstadt Ankara, eigentlich AKP-Hochburg stimmte mit fast 59 Prozent eindeutig gegen Erdogans Machtpläne, in Istanbul verlor Erdogan auch sein Heimspiel.

Erdogan hat es nicht geschafft, die Kritiker auf seine Seite zu ziehen

Der Journalist und Gezi-Aktivist Gökhan Bicici erklärt: „Die islamisch-nationalistische Koalition Erdogans ist zerbrochen.“

Will heißen: Der Präsident hat es nicht geschafft, die Nationalisten der Partei MHP und des rechten Flügel der CHP hinter sich zu vereinen. Anders ist der hauchdünne Sieg im Referendum nicht zu erklären. Der Pakt seiner zunehmend islamisch geprägten AKP mit den nationalistischen Strömungen droht ein Ende.

Das ist eine entscheidende Erkenntnis des Abends. Denn immerhin war es eben diese Koalition, die Erdogan nach der bitteren Parlamentswahl im Juni 2015 wieder an die Macht brachte.

Damals verlor die AKP die absolute Mehrheit – die Zukunft Erdogans schien für einen kurzen Moment ungewiss.

Ungewissheit herrscht auch heute wieder. Allerdings eher in den Reihen der Linken, als in den Reihen der AKP. Die Unterstützer Erdogans feiern mit Autokorsos, halten „Evet“ („Ja“)-Fahnen von ihren Balkonen.

Gefährlich knapp an der totalen Pleite vorbei

Die regierungsnahe Zeitung „Sabah“ spricht von einer „Revolution des Volkes“.

Das klingt erwartungsgemäß deutlich euphorischer, als angemessen. Auch Erdogan wird wissen, wie gefährlich knapp er an einer totalen Pleite vorbeigesegelt ist.

So manch einer glaubt, tiefe Sorge im Gesicht des türkische Präsidenten erkannt zu haben, als er das finale Ergebnis erfuhr.

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(ben)