Regierungskritischer Journalist Dündar: "Das ist der Anfang vom Ende der Ära Erdogan"

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CAN DUNDAR
Regierungskritische Journalist Dündar: "Das ist der Anfang vom Ende der Ära Erdogan" | Osman Orsal / Reuters
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  • Der türkische Journalist Can Dündar sieht mit dem Verfassungsreferendum in der Türkei das Ende der Ära Erdogan gekommen
  • Das knappe Ergebnis zeige, dass der Präsident wohl Anhänger verloren habe

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat das Verfassungsreferendum am Sonntag nur knapp gewonnen. Sein "Ja"-Lager erreichte etwas mehr als 51 Prozent der Stimmen.

Ein glorreicher Sieg sieht anders aus, denkt auch der türkische Journalist und Erdogan-Kritiker Can Dündar.

Im Interview mit der Tageszeitung “Welt” sieht er den “Pyrrhus-Sieg” als “Anfang vom Ende der Ära Erdogan”.

“Nach all dem Druck, ja, der Unterdrückung, nach diesem unfairen Wahlkampf gegen das Nein-Lager, der Inhaftierung so vieler regierungskritischer Journalisten und mit einer Medienlandschaft, die fast ausschließlich für ein Ja geworben hat, ist die Mehrheit immer noch so winzig”, sagt Dündar.

Ein gutes Zeichen für die Türkei

Das knappe Ergebnis sei ein gutes Zeichen für die Opposition und auch für die Zivilgesellschaft in der Türkei.

Zum einen könnte der knappe Vorsprung des “Ja”-Lagers darauf hindeuten, dass Erdogan im Referendum Wähler verloren habe.

Sein “Bündnis mit der nationalistischen Oppositionspartei MHP, die auch für ein Ja geworben hat, hat sich nicht ausgezahlt. Bei der Parlamentswahl hatten beide Parteien zusammen viel mehr Prozente als jetzt beim Referendum”, sagt Dündar dazu.

Zum anderen sei das Referendum ein Zeichen, dass es einen lebendigen und wirkungsvollen Widerstand gegen den türkischen Präsidenten gebe. “Aber wir wissen jetzt auch, dass die Hälfte des Volkes gegen ihn ist. Und wir haben gesehen, dass die Türken durchaus Widerstand leisten”, sagt Dündar.

Der türkische Journalist war Chefredakteur bei der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet", bis die türkische Justiz ihn zu sechs Jahren Haft verurteilte. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Dündar ist weiterhin einer der lautesten Gegner von Erdogan.

Mehr zum Thema: Erdogan-kritische Zeitung "Cumhuyriet": Klarer Sieg für "Nein"-Stimmen

Todesstrafe sei nur ein Bluff

Dündar glaubt zwar, dass eine Neuauszählung der Stimmen am Ergebnis nichts mehr ändern werde. Wichtig sei es jetzt jedoch, “dass die Opposition weiter einig bleibt”.

Die Ankündigung von Erdogan, die Todesstrafe so schnell wie möglich einführen zu wollen, hält Dündar für einen Bluff. “Mit diesem Statement am Sonntagabend wollte er nur seinen Anhängern gefallen”, glaubt er.

Der Türkei stünden nun jedenfalls unruhige Zeiten bevor. Nach dem Referendum am Sonntag ist klar: Das Land ist in zwei Lager gespalten. Es wird schwierig bis unmöglich für Erdogan werden, die Menschen wieder zu vereinen.

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(ben)