Analyse zum bitteren Erdogan-Sieg: Warum wir uns jetzt nicht von der Türkei abwenden dürfen

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ERDOGAN
Recep Tayyip Erdogan triumphiert | Alkis Konstantinidis / Reuters
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Was für eine Chaos-Wahl...

...und am Ende lässt Recep Tayyip Erdogan sich feiern.

Die Türken haben sich heute knapp für die Verfassungsreform ihres Präsidenten entschieden. Für die Demokratie in der Türkei ist es ein schwarzer Tag:

Verhaftete Wahlbeobachter, doppelte Stimmabgaben, eine Schießerei vor einem Wahllokal, eine chaotische Auszählung: All das passt ins autoritäre Bild, das in den vergangenen Wochen von der Türkei entstand.

Fatales Signal an Europa

Die Opposition will das Ergebnis anfechten. Das ist gut. Doch die Chancen sind eher gering, dass Erdogan der Sieg doch noch aberkannt wird.

Das knappe „Ja“ ist auch für die Europäer ein ernüchterndes Ergebnis, ein fatales Signal. Erdogan hatte den Konflikt mit dem Westen bewusst geschürt. Der Präsident beleidigte, drohte, verbreitete Lügen: Alles um Wähler für sein Präsidialsystem zu mobilisieren. Offensichtlich mit Erfolg.

Der heutige Abend hat gezeigt: Viele Türken haben sich von Erdogans „Wir gegen Sie“-Szenario einlullen lassen. Das ist bitter.

Nicht die ganze Türkei ist Erdogan-fanatisch

Und dennoch müssen die Politiker und Bürger Europas einen Fehler jetzt unbedingt vermeiden: Sie dürfen sich nicht von der Türkei abwenden. Die türkische Zivilgesellschaft braucht sie nach dem heutigen Abend mehr denn je.

Jetzt heißt es, besonders genau hinzuschauen, was in der Türkei passiert. Die Unkenrufe, das Land verwandle sich nun in eine Diktatur, sie dürfen nicht wahr werden. Denn nicht die ganze Türkei ist ein fanatischer Erdogan-Staat, auch das hat sich an diesem Sonntag gezeigt. Knapp die Hälfte der Türken hat am Sonntag gegen Erdogans Allmachtphantasien gestimmt.

Es wäre ein kleines Wunder gewesen, wenn das Nein-Lager gewonnen hätte. In Zeiten, in denen die wichtigsten Oppositionspolitiker in Haft sitzen, neben ihnen die Journalisten fast aller kritischen Medien, in denen jeder, der sich gegen Erdogan ausspricht, um seine Freiheit fürchten muss, sind die laut offizieller Zählung rund 48 Prozent der Stimmen gegen Erdogans Vorhaben eine Sensation.

Erdogan hat die Opposition nicht ausgeschaltet

Der linke Journalist Gökhan Bicici geht sicherlich etwas zu weit, wenn er sagt: „Es ist eine Niederlage für Erdogan.“ Dennoch steckt in seinen Worten eine Wahrheit.

Der türkische Präsident ist damit gescheitert, die Opposition zu spalten, sie mundtot zu machen.

Aber wir dürfen die mutigen Demokraten jetzt nicht allein lassen. Denn Erdogan wird seine neuen Vollmachten nutzen, um eben das doch noch zu erreichen.

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(ben)

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