Gesundheit, Glück, Erfolg: Forscher zeigen, wie mächtig positive Gedanken sind

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POSITIV DENKEN
Positives Denken beeinflusst unsere Gesundheit - psychisch wie physisch. | iStock
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Es passiert jedem. Ehe man es sich versieht, hat sich dieser negative Gedanke im Kopf festgesetzt und es werden immer mehr - bis man immer eher das Schlechte sieht, das Glas nicht halbvoll ist, sondern halbleer.

Das macht jeder, wie er meint, könnte man jetzt sagen. Dagegen wäre nicht viel einzuwenden, wenn das eigene negative Denken nicht nur unserem Wohlbefinden, sondern letztlich auch unserer Gesellschaft massiv schaden würde.

Denn Studien renommierter Forscher zeigen: Wer ständig negative Gedanken hat, der beeinträchtigt damit seine physische und psychische Gesundheit.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer positiv denkt und annimmt, dass ihm prinzipiell Gutes widerfahren wird, lebt länger und gesünder.

Wissenschaftler sind sich deshalb einig: Wir müssen lernen, positiver zu denken.

Optimismus hat einen direkten Einfluss auf unsere Gesundheit

Einer der Pioniere im Bereich der Forschung über das positive Denken ist der Psychologe Michael F. Schleier. 1985 veröffentlichte er mit seinem Kollegen Charles S. Carver im Fachmagazin “Health Psychology” eine Studie, die seither tausende Male zitiert wurde und als Ausgangspunkt aller weiteren Forschungen auf dem Gebiet gilt.

Die beiden Forscher konnten darin erstmals beweisen, dass Optimismus und Pessimismus eine entscheidende Auswirkung auf die körperliche Gesundheit des Menschen haben.

Für Schleier ist nicht nur der Zusammenhang zwischen positivem Denken und psychischer Gesundheit offensichtlich.

Auch der Effekt auf die physische Gesundheit sei seit der Veröffentlichung seiner Studie immer deutlicher geworden.

“Menschen, die positiv denken, haben keine naive Weltanschauung”, sagte er dem US-Magazin “The Atlantic” in einem Interview. “Sie sind Problemlöser, die versuchen, eine Situation zu verbessern. Und wenn sie nicht zu ändern ist, sind sie eher als Pessimisten in der Lage, die Realität zu akzeptieren und weiterzumachen.”

Negative Gedanken verengen den Geist

Außerdem zeigten sie eher als pessimistische Menschen Verhaltensweisen, die gegen Krankheiten schützen und den Heilungsprozess beschleunigten.

“Sie rauchen seltener, trinken weniger und ernähren sich gesünder”, sagte der Psychologe. “Zudem machen sie mehr Sport und schlafen besser.”

Seit Schleier haben sich viele Experten mit der Auswirkung positiven Denkens auf unser Leben beschäftigt. Zum Beispiel auch die renommierte Psychologin Barbara Fredrickson von der University of North Carolina.

Ihre Arbeit basiert auf der Erkenntnis, dass negative Gedanken und Gefühle wie Angst einen Zweck erfüllen, der nur in den wenigsten Situationen sinnvoll ist.

Will heißen: Sie sollen eine bestimmte Handlung auslösen. Wenn im Wald ein wildes Tier auf uns zugestürmt kommt, ist diese Handlung: Renn um dein Leben.

Das Gehirn fokussiert sich völlig auf diese Handlung und blendet alle anderen Möglichkeiten aus. In anderen Worten: Negative Gedanken verengen den Geist.

Positive Gefühle erhöhen die Handlungsmotivation

Früher war das Gefühl der Angst überlebensnotwendig. Heute müssen wir nur noch selten vor wilden Tieren flüchten.

Im Gehirn läuft bei negativen Gefühlen jedoch noch immer das alte Reaktionsschema ab - und beschneidet unsere Handlungsoptionen.

Um zu beweisen, was hingegen positive Gedanken mit dem Gehirn anstellen können, führte Fredrickson ein viel beachtetes Experiment durch.

Die Forscherin bildete Gruppen, denen sie verschiedene Filmausschnitte zeigte. Die einen bekamen Videos zu sehen, die keine oder neutrale Emotionen hervorrufen. Die anderen sahen Clips, die negative Gefühle auslösen.

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In einer anschließenden Umfrage fielen den Probanden, die durch die Videos negativen Gefühlen ausgesetzt waren, weitaus weniger Handlungsmöglichkeiten ein als den anderen Teilnehmern.

Das Experiment zeigt: Erleben wir positive Emotionen wie Freude oder Zufriedenheit und haben wir optimistische Gedanken, sehen wir mehr Möglichkeiten im Leben.

Optimismus hilft uns, Fähigkeiten zu erlangen

Doch Fredricksons Erkenntnisse gehen noch weiter: Der Einfluss positiven Denkens, so stellte sie fest, verschwindet nicht direkt nach der positiven Emotion wieder, sondern führt dazu, dass wir längerfristig mehr ausprobieren.

Das wiederum hilft uns dabei, Fähigkeiten zu entwickeln, von denen wir unser gesamtes Leben lang profitieren.

Ein Kind beispielsweise, das unbeschwert draußen spielt und dabei mit anderen Kindern interagiert, klettert und selbst herausfindet, wie hoch es schaukeln kann, erlangt Kompetenzen, die ihm im ganzen weiteren Leben zur Verfügung stehen.

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

Wer optimistisch ist, wird weniger oft krank

Eine wichtige Erkenntnis dazu, wie die Kraft positiver Gedanken den Körper beeinflusst, liefert auch eine Studie der Harvard T.H. Chan School of Public Health von Ende 2016.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Frauen, die optimistischer durchs Leben gehen, ein geringeres Risiko haben, an Krankheiten wie Krebs, Herzleiden, einem Schlaganfall, Erkrankungen der Atemwege oder Infektionen zu sterben.

Für ihre Studie analysierten die Harvard-Wissenschaftler die Daten von 70.000 Frauen über einen Zeitraum von acht Jahren.

Die Frauen, die am meisten Optimismus zeigten (sie mussten regelmäßig Fragen zu ihrer Stimmung und ihrer Einschätzung von Situationen beantworten), hatten ein fast 30 Prozent niedrigeres Risiko, an einer der genannten Krankheiten zu sterben als die Testpersonen, die am wenigsten optimistisch waren. Bei Krebs war das Risiko um 26 Prozent geringer, bei Infektionskrankheiten sogar um 52 Prozent.

“Die meisten medizinischen Forschungsbemühungen konzentrieren sich heute darauf, die Risikofaktoren für diese Krankheiten zu reduzieren”, sagte Eric Kim, einer der Leiter der Studie.

“Es wird aber immer deutlicher, dass es auch einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit haben kann, wenn die psychische Belastbarkeit gestärkt wird.”

Positive Gedanken spielen eine wichtige Rolle im Gehirn

Um Krankheiten vorzubeugen, sei es sehr wichtig, positives Denken zu fördern. Ihre Forschung zeige, dass die Menschen in der Folge nicht nur gesünder seien, sondern auch besser mit schwierigen Situationen im Leben umgingen.

Kim und seinem Team gelang es mit der Studie erstmals, den Zusammenhang zwischen positivem Denken und Krankheiten wie Krebs nachzuweisen. Bisher war dieser nur bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt gewesen.

Alles Zufall, könnte man jetzt sagen - hätten nicht viele andere Forscher etwas sehr Ähnliches herausgefunden.

So konnte etwa der US-Neurowissenschaftler Richard J. Davidson einen konkreten Vorgang im Gehirn nachweisen, bei dem positive Gedanken eine wichtige Rolle spielen.

Denn: Negative Gedanken aktivieren eine bestimmte Region im Gehirn, Amygdala genannt. Hier entstehen Gefühle wie Angst, Unbehagen und andere negative Gefühle.

Davidson fand heraus, dass Menschen, bei denen sich die Amygdala nur langsam von einer Bedrohung erholt (weil viele negative Gefühle dort ankommen), ein höheres Risiko haben, an einer ganzen Reihe von Gesundheitsproblemen zu leiden.

Optimisten erholen sich nach Operationen schneller

Eine weitere erwähnenswerte Studie dazu kommt aus Deutschland: Der Psychologe Ralf Schwarzer von der Freien Universität Berlin untersuchte 600 Herz- und Lungenpatienten und stellte fest, dass die Optimisten unter ihnen sich nach der Operation besser erholten, zufriedener waren und schneller wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrten.

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Eine Studie über Grenzerfahrungen des Psychiaters Dennis Charney von der Mount Sinai School of Medicine in New York legt nahe, dass es sogar überlebenswichtig sein kann, mit positiven Gedanken den schädlichen Stressreaktionen im Körper entgegenzuwirken.

Er interviewte mit seinen Kollegen etwa 750 Veteranen, die während des Vietnamkriegs in Gefangenschaft waren. Viele von ihnen waren gefoltert worden und mussten jahrelange Einzelhaft durchstehen. Dennoch hatte keiner von ihnen eine posttraumatische Belastungsstörung oder Depression entwickelt.

Positives Denken lässt sich einfach in den Alltag integrieren

Carney wollte herausfinden, was sie anders gemacht hatten als andere Kriegsgefangene und analysierte ihre Charaktereigenschaften. Sein Ergebnis war eindeutig: Wichtig waren Humor, ein Sinn im Leben und Altruismus. Auf Platz ein jedoch stand eine andere Eigenschaft: Optimismus.

Auch diese Studie zeigt: Nur Menschen, die eine stabile psychische Verfassung haben und mit Herausforderungen umgehen können, halten eine Gesellschaft am Laufen.

Das bedeutet im Übrigen nicht, dass negative Gefühle unterdrückt werden sollen. Emotionen wie Wut, Trauer, Verzweiflung haben unbestritten ihre Berechtigung und sind mancher Situation auch angemessen. Wovon Carney und seine in diesem Artikel ebenfalls zitierten Kollegen sprechen, ist der emotionale Grundzustand.

Alles schön und gut, werden viele jetzt dennoch bestimmt sagen. Doch gibt es einen Weg, dieses positive Denken ins eigene Leben zu integrieren?

Ja, sagen ausnahmslos alle Forscher, die sich mit der Thematik befassen.

Denn das Gute ist: Das Gehirn ist formbar. Es kann neue Zellen und Synapsen schaffen und auf diese Weise lernen, positive Gedanken negativen Gefühlen vorzuziehen. Dazu aber muss es trainiert werden.

Das Team von Fredrickson beispielsweise fand heraus, dass schon sechs Wochen Meditationstraining dazu führen können, dass wir mehr positive Gedanken haben und dadurch auch einfacher neue Fähigkeiten entwickeln.

Neue Erfahrungen helfen dabei, aus dem Trott auszubrechen

Noch drei Monate nach dem Experiment waren die, die meditieren lernten, seltener krank und empfanden mehr Sinn im Leben.

Weitere Wege führt der Autor James Clear in einem Blog für die Huffington Post auf. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema positives Denken und rät: Alles, was Freude macht, kreiert eine Aufwärtsspirale und fördert damit unsere Fähigkeit, positiv zu denken.

Das klingt sehr naheliegend und doch nehmen wir uns im Alltag, wenn wir ehrlich sind, nur selten Zeit für Aktivitäten, die nicht auf der To-Do-Liste stehen.

Alles andere erscheint gerne dringender als das, was uns glücklich machen würde. Sei es kochen, wandern, zeichnen, Freunde treffen - was ein positives Gefühl hervorruft, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Dasselbe gilt laut Clear für alles, was neu ist und uns aus dem Alltag ausbrechen lässt. Manchmal reicht es schon, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren statt mit der Bahn oder eine neue Sportart auszuprobieren.

Experte rät: Positive Erfahrungen aufschreiben

Außerdem schwört der Autor auf die positive Wirkung von Schreiben. Er führt dazu eine Studie an, bei der 90 Studenten in zwei Gruppen eingeteilt wurden.

Gruppe eins schrieb drei Tage lang täglich über ein besonders positives Erlebnis in ihrem Leben. Gruppe zwei tat nichts dergleichen. Nach drei Monaten stellten die Forscher fest, dass die erste Gruppe in besserer Stimmung war und seltener krank war - und das nach nur drei Tagen Schreibens.

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