Angst vor einem neuen Assad: Das sagen Türken in Istanbul kurz vor der Wahl

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Eigentlich ist doch alles klar. Wer dieser Tage durch deutsche Medien blättert und scrollt, dem bietet sich ein eindeutiges Bild. In der Türkei da heißt es heute: Erdogan-Unterstützer gegen Erdogan-Kritiker.

Beim Verfassungsreferendum scheinen die Fronten klar. Und wer für Erdogan stimmt, auch das scheint klar: Die Konservativen, die strengen Muslime, die einfachen Bürger; schwarze Türken, wie man sie in der Türkei gerne nennt.

Doch wer sich auf den Straßen Istanbuls umhört, der merkt schnell: Ganz so einfach ist das nicht. Im Gegenteil: In der Türkei ist derzeit so ziemlich gar nichts klar.

Die Huffington Post hat mit Türken im Istanbuler Stadtviertel Beyoglu gesprochen. Wir wollten wissen, was sie sich vom Referendum erhoffen. Ihre Antworten zeigen, dass es bei der Abstimmung nicht um die Person Recep Tayyip Erdogan geht, sondern um viel mehr.

Cengiz: "Wie bei Assad oder Saddam"

Da ist zum Beispiel der Simit-Verkäufer Cengiz. Er sei Kurde, erzählt er, während er hinter seinem Stand mit den beliebten Sesamringen auf Kunden wartet.

Auch er habe in Vergangenheit Erdogans AKP gewählt, „alle drei Male“. Dennoch sei er gegen das Präsidialsystem. „Es ist nie gut, wenn einer die ganze Macht hat“, sagt er, „das ist wie bei Assad oder Saddam“.

Deshalb werde er nun für „Hayir“ stimmen, also „nein“. An Erdogans Politik in der Vergangenheit liege das nicht. Damit sei er sehr zufrieden, bekräftigt Cengiz.

cengiz
(Cengiz verkauft Sesamringe auf den Straßen Istanbuls)

Er komme aus dem Osten der Türkei, Erdogan habe dort Schulen gebaut – und neue Straßen. Einen Systemwechsel mit sehr viel mehr Macht für Erdogan will er dennoch nicht.

Türkische Medien glauben, bis zu zehn Prozent der Menschen, die im November 2015 AKP wählten, würden an der Präsidialreform Erdogans zweifeln – so wie Cengiz. Und wie viele andere, die wir in Istanbul treffen.

Elif: "Ich bin verwirrt"

Die 33-jährige Schuhverkäuferin Elif lehnt am Schaufenster des Modeladens, in dem sie arbeitet, und raucht. Auch sie habe zuletzt die AKP gewählt.

Auch sie ist zufrieden. „Ich konnte seit Erdogan an der Macht ist meine Schulden abbezahlen und ein Haus kaufen. Seit die AKP regiert, kommt auch endlich die Müllabfuhr“, erzählt Elif.

Aber jetzt sei alles so verwirrend. Sie wisse nicht mehr, was sie denken soll. Was sie heute wählt? Sie habe sich noch nicht entschieden.

Caglan: "Islam und Politik – das ist der falsche Weg"

Der 18-jährige Caglan ist da weiter. Er ist gegen das Präsidialsystem, glaubt aber, das Ja-Lager werde gewinnen. In letzter Zeit würden eh immer die Falschen gewinnen, sagt er.

„Ich bin mit Erdogans Politik nicht zufrieden. Der Islam wird immer wichtiger, das halte ich für den falschen Weg“, sagt Caglan.

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(Der 18-jährige Caglan)

Und so wird die Abstimmung über das Präsidialsystem wohl auch eine Frage der Religion.

Cihat: "Islamische Länder brauchen rechte Regierungen"

Im schicken Galata-Distrikt lehnt Cihat an der Tür der Modeboutique, in der er arbeitet. Nach dem Referendum gefragt, antwortet er mit einem Sprichwort: „Mehrere Kapitäne versenken das Schiff.“

Will heißen: Die Macht solle sich auf eine Person konzentrieren, von Koalitionen und einem starken Parlament hält der junge Mann nichts.

Er sei gläubiger Moslem, sagt Cihat. In islamischen Länder seien rechte Parteien immer die bessere Wahl gewesen. Daher glaube er auch an einen Sieg der Ja-Kampagne: 55 Prozent, so sein Tipp.

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(Cihat glaubt an einen Sieg Erdogans)

Bengi: "Wer normal im Kopf ist, wählt 'Nein'"

Am Stand der Ja-Befürworter klingt das alles noch ein bisschen radikaler. Ein Erdogan-Unterstützer erklärt wild gestikulierend, Koalitionen hätten immer nur Chaos gebracht. Was die Türkei nun brauche, sei Stärke.

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(Stand, an dem Erdogan Anhänger für ein "Ja" (evet) zur Verfassungsänderung werben)

Die, die „Nein“ wählen würden, seien ohnehin nur Kurden und Ausländer. Keine Türken.

Es ist das Narrativ Erdogans: Der Westen wolle die Türkei kleinhalten. Deshalb sei im Ausland auch jeder gegen das Präsidialsystem, das die Türkei wieder stark machen würde.

Bengi und Cigdem sehen das anders. Sie gehen am Evet-Stand vorbei ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Beide werden für „Nein“ abstimmen.

Bengi erklärt: „Die AKP tut immer so, als würde sie für Frauenrechte kämpfen. Aber sie tut das Gegenteil.“ Auch das könnte heute ein Faktor werden.

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(Bengi und Cigdem werden für "Nein" stimmen)

Sie sagt: „Die, die noch normal im Kopf sind, wählen heute ‚Nein’.“

Mitarbeit: Senada Sokollu

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